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Hochwasser bringt Problempflanze zurück

Veröffentlicht: Juli 18, 2013 von fluthelfer in Schweiz

 

Der Japanknöterich wird in den Thurauen aufwendig bekämpft. Das Hochwasser von Anfang Juni brachte neue Pflanzen in das sensible Gebiet. Fachleute und Baudirektion suchen nach einer Lösung.

Das Hochwasser von Anfang Juni überschwemmte Teile der Thurauen, das Gebiet oberhalb der Mündung der Thur in den Rhein. Genau das ist die Idee des Projekts «Hochwasserschutz und Auenlandschaft Thurmündung». Der Fluss erhält so sein natürliches, ­unbegradigtes Bett zurück, und in die Keller stromabwärts fliesst weniger Wasser. Doch die Flut hat neben der knapp abgewendeten Mückenplage ein zweites unerwünschtes Geschenk gebracht. Es wurde nicht nur Holz angeschwemmt, sondern auch Pflanzen, die man in den Thurauen zuvor aufwendig bekämpft hatte: der Japanische Staudenknöterich. Diese Pflanze steht in der Schweiz auf der Schwarzen Liste der «invasiven Neophyten», der gebietsfremden Pflanzen, die sich stark ausbreiten, einheimische Arten verdrängen und Schäden an Bauwerken verursachen (siehe Text unten).

«Knöterichtaufe der Thurauen» 

Der «Japanknöterich», wie er auch genannt wird, verbreitet sich über Pflanzenteile. Das macht ihn so erfolgreich. Ein zentimetergrosses Stück, irgendwo auf den Erdboden geworfen, genügt, um eine neue Pflanze entstehen zu lassen. Die Staude wächst aus Abfallsäcken heraus und durch Kellergitter hindurch. Sich von Fliessgewässern forttragen zu lassen und an anderer Stelle neu auszutreiben, gehört zur Fortpflanzungsstrategie des Knöterichs. «Faszinierend, wie widerstandsfähig diese Pflanze ist», findet Andrea De Micheli. Der Forstingenieur hat sich auf invasive gebietsfremde Pflanzen spezialisiert und ist externer Koordinator der Neophytenbekämpfung in den Thurauen.

Förster Beat Gisler erkannte sofort, was da angeschwemmt worden war, als er die Auenwälder am Thurufer nach dem Hochwasser inspizierte. Die hellgrünen Blätter des Japanknöterichs leuchteten förmlich aus den Schwemmholzhaufen heraus. Er informierte De Micheli, und dieser dokumentierte die Si­tua­tion und orientierte die Verantwortlichen der Thurauen. Das Problem war offensichtlich. Vier Wochen nach dem Hochwasser ragten bereits 30 Zentimeter hohe Triebe aus den Holzhaufen.

«Das ist die Knöterichtaufe der Thurauen», ordnet De Micheli das Geschehene ein. Seit Beginn des Thur- auenprojekts gab es noch keine Flut dieses Ausmasses. Die kantonale Baudirektion, die in letzter Instanz für die Thurauen zuständig ist, meldet auf Anfrage: «Diese Si­tua­tion ist neu, wird zurzeit analysiert und kann noch nicht abschliessend beurteilt werden. Insbesondere ist die Überlebensrate der angeschwemmten Pflanzen noch unklar.» Wie man mit den angeschwemmten Stauden fertig wird, ist richtungsweisend für künftige Hochwasser.

Es stellt sich die Frage, ob man nicht besser thuraufwärts gegen den Schädling vorgehen würde, damit nicht dauernd neue Pflanzen angespült werden. Selbst bei normalem Wasserstand gelangen immer wieder Japanknöteriche in die Auen. Die Verantwortlichen der Baudirektion stimmen im Grundsatz zu, verweisen aber auf ein nationales Projekt zur Entwicklung der besten Bekämpfungsmethode, welches noch im Gang sei und dessen Resultate man abwarte. Ob Hochwasser die mit viel Aufwand betriebene Bekämpfung des Japanknöterichs in den Thurauen gefährden? Die Baudirektion antwortet kurz und knapp mit «Ja». Die aus ihrer Sicht günstigste Methode ist der Einsatz von Pflanzengift. Doch dieses ist in Wäldern und in Gewässernähe verboten.

Mit Säge, Pickel und Hebeisen 

Um in den Thurauen Problempflanzen loszuwerden, muss man sie von Hand ausreissen oder – wie beim Japanknöterich am effektivsten – den Boden samt den Wurzeln ausbaggern. In den «Geschwemmselhaufen», so der Fachbegriff, hilft aber nur Handarbeit. Einer der günstigsten Anbieter dafür in der Region ist Naturnetz. Der Verein setzt Zivildienstleistende für die Knochenarbeit ein. Mit dem Budget von 10 000 Franken werden acht «Zivis» während sieben Tagen vom Förster definierte Haufen vom Knöterich befreien, verteilt über fünf Kilometer Flussufer. «Sieben Arbeitstage sind nicht viel Zeit», dämpft Einsatzleiter Dominik Hofer die Erwartungen, «zudem sind die Haufen extrem kompakt und in den unteren Lagen inzwischen hart wie Beton. Wir haben Kettensägen, Pickel und Hebeisen. Trotzdem wird es schwierig sein, tief sitzende Pflanzen herauszulösen.»

Genau das ist aber nötig, um den Japanknöterich daran zu hindern, neu auszuschlagen. Hofer verweist darauf, dass schon jetzt einige der angeschwemmten Pflanzen abgestorben seien und nicht mehr austreiben werden. Dar­auf hofft auch die Baudirektion, wenn sie auf die noch unbekannte Überlebensrate verweist.

Die Beseitigungsaktion durch Naturnetz findet Mitte August statt. Dann werden die noch lebenden Stauden neue Triebe gebildet haben. So sind sie leichter zu finden. «Wir sehen dann auch, welche der Pflanzenstücke tot sind», erklärt Ho­fer. Es sind jedoch Fälle belegt, in denen der Japanknöterich nach mehr als einem Jahr im Boden den Weg ans Licht gefunden hat. Kon­trollgänge zu einem späteren Zeitpunkt sind vorgesehen. Niemand rechnet ernsthaft damit, dass sieben Tage Zivi-Einsatz genügen, um das Problem des angeschwemmten Knöterichs zu lösen.

Die Baudirektion stellt in ihren schriftlichen Antworten die gewählte Massnahme als einzige Möglichkeit dar, da eine chemische Bekämpfung in den Auen nicht erlaubt ist. Im Gespräch mit Fachleuten wie Hofer und De Micheli wird klar, dass die Beseitigung von Hand ein Versuch ist. Dieser wird erst zeigen, wie aufwendig und erfolgsversprechend es ist, die angeschwemmten Knöteriche auf diese Art loszuwerden.

Bleibt die eingangs gestellte Frage nach kantonsübergreifender Zusammenarbeit thuraufwärts. Dazu ist niemandem eine konkrete Aussage zu entlocken. Gespräche scheinen stattzufinden. Bis zu einer Lösung, so es denn eine gibt, werden noch viele Knöterichstauden die Thur hinuntertreiben – nicht nur aus dem Thurgau in die Thur­auen, sondern auch von da weiter den Rhein abwärts.

Stefan Michel

Quelle: landbote.ch

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