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In Merseburg beteiligen sich Anwohner finanziell am Bau einer Anlage zum Schutz vor der Saaleflut. Das ist in Sachsen-Anhalt einmalig. Geplant ist der Bau einer Hochwasserschutzanlage für rund 1,07 Millionen Euro.

Sanft steigt Dampf von der Saale auf, die sich träge in ihrem Bett wälzt. „Dieses Fleckchen Erde ist doch eigentlich ein Paradies“, sagt Uta Stötzner, die mit ihrem Partner Olaf Necke und Sohn Jan in der Merseburger Werderstraße direkt am Fluss wohnt, der sich hier am Eingang zur Stadt noch seinen Weg durch die Aue bahnt. Doch die Idylle trügt. Viermal hat der Strom seit 1994 seine Urgewalten entfesselt, 20 Privatgrundstücke überschwemmt – das letzte Mal mit einem Rekordhochwasser im Juni dieses Jahres. „Ich möchte endlich nicht mehr in Angst vor der Saale leben müssen“, sagt Uta Stötzner, die mit ihrer Familie nach wie vor mit den Folgen der Flut kämpft. Ein Pilotprojekt in Sachsen-Anhalt soll den Südosten Merseburgs nun Schutz vor künftigen Überflutungen bringen.

Hochwasserschutzanlage für rund 1,07 Millionen Euro

Geplant ist der Bau einer Hochwasserschutzanlage für rund 1,07 Millionen Euro – finanziert zu 80 Prozent durch das Land. Den Rest der Summe trägt die Stadt, die wiederum die Grundstücksbesitzer in der Werder- und der Krautstraße auf freiwilliger Basis an den Kosten beteiligt. Das gab es in Sachsen-Anhalt in dieser Form noch nie. Für bebautes Land schießen die Eigentümer einen Euro pro Quadratmeter zu, für unbebaute Flächen 50 Cent. 43 000 Euro kommen so zusammen, die in den städtischen Finanzanteil einfließen. „Es hat viele Gespräche mit den Anwohnern gegeben. Und sicher wurde hier und da auch kontrovers diskutiert. Letztlich haben sich alle der Idee angeschlossen“, erzählt Oberbürgermeister Jens Bühligen (CDU).

Dass die Grundstückeigentümer auch finanziell Verantwortung übernehmen, findet Bühligen in diesem Fall richtig. „Durch den Hochwasserschutz tragen wir zum Werterhalt des privaten Eigentums in diesem Stadtteil bei. Die Menschen, die hier wohnen, müssen daran ein Eigeninteresse haben.“ Sachsen-Anhalts Landwirtschafts- und Umweltminister Hermann Onko Aeikens (CDU) sieht es ähnlich. „Diese Verfahrensweise ist ein sinnvoller Weg. Jeder, der von Hochwasser betroffen sein kann, ist verpflichtet, eine geeignete Vorsorge zu treffen, soweit das möglich und zumutbar ist.“ Ob das Modell Schule machen kann, sagt der Minister aber nicht.

Knackpunkt ist im Fall von Merseburg die Einstufung der etwa 53 000 Quadratmeter großen Fläche. Sie gilt als Überschwemmungsgebiet. „Diese Flächen dienen in ihrer natürlichen Funktion als Rückhalt bei Hochwasser“, heißt es aus dem Umwelt- und Agrarministerium in Magdeburg. Der neue Deich indes würde diese Schutzfunktion nicht beeinträchtigen, das ist bei der Planung überprüft worden. Die verbleibende Überflutungsfläche bleibe groß genug, ergab die Expertise.

Land muss nicht Wohnbebauung in Überschwemmungsgebieten schützen

Das Land sei nicht verpflichtet, eine Wohnbebauung in Überschwemmungsgebieten zu schützen, so das Ministerium. Da sich aber die Stadt beteilige, werde man das Vorhaben unterstützen – so wie beim Hochwasserschutz in Biederitz. Nur dass dort Anwohner nicht zur Kasse gebeten werden wie in Merseburg.

„Wir haben doch gar keine Wahl, als mitzumachen“, sagt Olaf Necke. Das 5 200 Quadratmeter große Grundstück mit dem Wohnhaus und den Nebengebäuden hat er von seinen Eltern übernommen. Die hatten gelernt, mit dem Hochwasser zu leben. Das aber soll früher längst nicht so extrem ausgefallen sein. „1988 stand das Wasser das erste Mal im Garten, 1994 dann einen Meter hoch im Haus“, schildert der 51 Jahre alte Juwelier, der in Bad Lauchstädt ein Uhren- und Schmuckgeschäft führt.

Als 2002 die Saale wieder ausbrach und immense Schäden hinterließ, hatte die Versicherung die Police gekündigt. Necke baute sich daraufhin seinen eigenen Damm, dazu eine massive Betonmauer. Denn wenn das Wasser kommt, dann gleich von drei Seiten. „2011 konnten wir das Haus halten, aber in diesem Juni waren wir wieder chancenlos“, erzählt er.

Mehr als 90 000 Euro an Schäden haben Gutachter ausgerechnet. Bevor die Mauern trocken sind, werden wohl noch Monate vergehen. Die Fluthilfe des Landes, die die Familie beantragt hat, lindert die Not. „Vier Flutkatastrophen in zwei Jahrzehnten. So kann es nicht weitergehen“, sagt Olaf Necke. Er wolle nicht mehr den Schlamm aus einem Haus schippen und von vorn beginnen.

Das Saalehochwasser bedroht indes nicht nur die Häuser an der Werderstraße, sondern auch den historischen Stadtteil Neumarkt. „Wir hätten ohnehin in den Hochwasserschutz investieren müssen. Nur wäre die Variante kleiner ausgefallen“, sagt Frank Friedrich, Sachbereichsleiter im Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft. So sollte die Bundesstraße 181 zu einem Damm ausgebaut werden. Der Neumarkt wäre dann sicherer, alle Grundstücke südlich davon aber der Flut ausgeliefert gewesen. „Und genau dieses Szenario wollten wir vermeiden“, sagt Bühligen.

Wie die Stadt reagiert hätte, wenn einzelne Grundstückseigentümer gegen den Finanzierungsplan auf die Barrikade gegangen wären, kann der Oberbürgermeister nicht sagen. „Dann hätten wir eine Lösung finden müssen.“ Oder es wäre bei der ursprünglichen Planung geblieben

Baubeginn für 2014 geplant

Soweit ist es nicht gekommen. Schon im nächsten Jahr soll der Bau beginnen. Vorgesehen ist eine Kombination aus Deich, Spundwand und mobilen Elementen. „Es ist der große Vorteil der Merseburger Variante, dass wir uns mit Privatpersonen nicht mehr herumschlagen müssen. Das dürfte das Planverfahren deutlich beschleunigen“, sagt Frank Friedrich vom Landesbetrieb. Die Unterlagen für die Genehmigung des Bauprojektes sind eingereicht, die Entscheidung, ob und wann die Bagger anrollen, fällt das Landesverwaltungsamt in Halle.

Mit der unverbauten Idylle ist es dann für Familie Nocke/Stötzner vorbei. Quer über ihr Grundstück soll dann eine Mauer verlaufen, wie Nocke gehört hat rund 1,50 Meter hoch. „Vor dem Anblick graut es mir schon heute“, sagt Uta Stötzner. Immerhin habe der Landesbetrieb für Hochwasserschutz zugesagt, dass das Bauerwerk optisch gestaltet werden soll. „Früher hätte ich nie zugestimmt“, sagt sie. „Aber seit diesem Sommer ist das anders.“

Quelle: mz-web.de

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Ein schwerer Schicksalsschlag

Veröffentlicht: September 20, 2013 von fluthelfer in Hochwasserfolgen, Saale

Anfang Juni dieses Jahres sucht sich die Saale ihren Weg über die Wiesen nach Uichteritz. Die erfahrenen Einwohner wissen: „Wir saufen ab“. In einer Nacht- und Nebelaktion befüllen sie Sandsäcke und bringen sie an die kritischen Stellen des Ortes, die ihnen noch aus der Vergangenheit bekannt sind. Eines der am schlimmsten von der Flut betroffenen Häuser ist das Gebäude der Familie Breitbarth. Es liegt so ziemlich an der tiefsten Stelle des Ortes. Gerhard und Brunhilde Breitbarth können ihr Zuhause nur noch mit geliehenen Wathosen verlassen. Zu hoch steht das Wasser. Aufgebockte Möbel versinken in der Saale. Das komplette Erdgeschoss, erst kürzlich vollständig saniert, muss noch mal völlig neu aufgebaut werden. Seitdem wohnt das Rentnerpaar in einem Provisorium – und das, obwohl es gesundheitlich angeschlagen ist.

Quelle: mz-web.de

Brackwasser und fauliger Gestank

Veröffentlicht: Juli 8, 2013 von fluthelfer in Saale
Von Teresa Fischer
Anfang Juni brach der Deich – und eine Hochwasserkatastrophe über Breitenhagen herein. Kaum ein anderes Dorf war so lange evakuiert. Und das Schwerste steht den Bewohnern des Orts noch bevor.

Wo eigentlich Raps und Getreide wachsen sollten, da steht schwarzes, brackiges Wasser auf den Feldern. Ein fauliger Gestank hängt in der Luft. Am Deich von Breitenhagen im Salzlandkreis, in dessen Nähe die Hochwasserscheitel von Elbe und Saale aufeinander prallten, wird er fast unerträglich. In Sichtweite steht das Haus von Rudi Kasper. Bis zu 1,15 Meter hoch stand dort das Wasser im Juni. Welche Farbe die Tapete an den Wänden einmal hatte, ist nicht mehr zu erkennen. An den Wänden wächst Schimmel, auf dem Boden biegen sich aufgequollene Holzplanken. Es riecht modrig.

Kasper schätzt den Schaden auf mehr als 100 000 Euro. Bis Dezember werden die Renovierungsarbeiten wohl dauern, ehemalige Kollegen helfen ihm. Momentan wohnt der 61-jährige Pensionär bei einem Freund. „Ich habe schon einige Hochwasser mitgemacht. Aber es war noch nie so schlimm.“

Bei der Rekordflut im Juni brach zuerst der Saaledamm. Und dann brach der alte Ringdeich, der den kleinen Ort umgibt. „Das Dorf ist vollgelaufen wie eine Badewanne“, erklärt Frank Mehr. Er ist Verbindungsmann zwischen Behörden und den Bewohnern und hilft, den Einsatz der vielen Helfer im Dorf zu koordinieren.

Bisher seien die Leute eher gelassen mit Hochwasser umgegangen, sagt Rudi Kasper. „Nun sagen viele, ich geh weg.“ Etwa 10 bis 15 Familien wollten keinen Wiederaufbau machen. „Da sind neue Häuser dabei, wo nichts mehr zu machen ist.“ Viele im Dorf seien nicht versichert, bei anderen zahlt die Versicherung nur einen Teil der immensen Schäden. Viele Bewohner stehen vor schier unlösbaren Problemen.

Breitenhagen gehört zu den Orten, die am stärksten von der Rekordflut betroffen waren. Nach Angaben des Landkreises wurden nach dem Deichbruch 173 Häuser überflutet. Bis zu zwei Meter hoch stand das Wasser in den Häusern. In keiner anderen Gegend im Salzlandkreis herrschte so lange Betretungsverbot wie in Breitenhagen.

Am 8. Juni wurde das Dorf zum Sperrgebiet erklärt. Erst über zwei Wochen später durften die mehr als 500 Einwohner in ihren Ort zurück. Erst in der Nacht zum Freitag hob der Salzlandkreis als letzter im Land den Katastrophenfall auf. Die Rekordflut hat in Sachsen-Anhalt nach Schätzungen der Regierung Schäden von deutlich über zwei Milliarden Euro angerichtet.

Hier in Breitenhagen wird jetzt erst das volle Ausmaß der Flut deutlich. Derzeit seien die Gutachter der Versicherungen im Dorf unterwegs, sagt Kasper. Bei vielen liegen die Schäden im sechsstelligen Bereich.

Wie ein schmutziger Strich zieht sich die Kante des Wasserstands während der Überflutung an den Häuserwänden entlang. Alles unter der Kante ist braun und zerstört. Am Rande des Dorfes stehen Erdbeerpflücker aus Rumänien auf der Graskante. Weil die Erdbeeren auf den Feldern verfaulen, helfen sie nun, den Deich zu räumen. Überall karren die Menschen aufgequollene Möbel oder abgeschlagenen Putz auf die Straße. Dazwischen packen viele Helfer mit an, wie vier chinesische Studenten der Uni Magdeburg, die im Blaumann den Besen schwingen.

Die freiwilligen Helfer des Dorfes sind auch Betroffene – wie Rudi Kasper, der auch Leiter der Wasserwacht ist. Viele Feuerwehrleute waren bisher im Einsatz für andere und konnten kaum bei sich selbst zuhause etwas machen, erzählt Gerrit List, Leiter der Ortsfeuerwehr.

Die Not der Menschen ist überall zu sehen. Gerade die älteren Alleinstehenden des Dorfes habe es besonders schlimm getroffen, erzählt List. Sie haben keine Familie, die helfen könnte. Wie eine ältere Dame am Ortsrand. „Sie hatte schon vorher zu kämpfen und hat nun alles verloren.“

Quelle: mz-web.de

Für Wasserabfluss Saale-Deich gesprengt

Veröffentlicht: Juni 15, 2013 von fluthelfer in Saale

 

 Bei Breitenbach in Sachsen-Anhalt wurde Saale-Deich gesprengt. Pegel der Elbe sinkt allerorts weiter.

Andernorts müssen die Deiche halten, an der Saale bei Breitenhagen in Sachsen-Anhalt wurde am Sonnabend ein Teil des Deiches gesprengt. Damit soll das Hochwasser aus den überfluteten Gebieten schneller zurück in den Fluss geleitet werden.

Nach Angaben des Krisenstabs der Landesregierung wird das Ergebnis nun begutachtet. Der erste Anschein sei aber positiv. Eventuell könnte noch eine zweite Sprengung erfolgen. Wenn die Pegelstände von Saale und Elbe weiter sinken, soll auch das Schöpfwerk in Aken (Landkreis Anhalt-Bitterfeld) die Arbeit wieder aufnehmen, um weiteres Wasser aus den überfluteten Gebieten abzupumpen.

Bei Fischbeck soll der gebrochene Deich mit einer außergewöhnlichen Sprengaktion gestopft werden. Zunächst werden Panzersperren am Grund verankert. Danach sollen zwei Schiffe gesprengt und versenkt werden. Sie sollen zusammen mit aus der Luft abgeworfenen Sandsäcken die Lücke im Deich schließen. Nach Angaben des Krisenstabs der Landesregierung in Magdeburg könnte die Aktion den ganzen Tag dauern. Es gebe keine Gewissheit, dass sie gelinge.

Durch den Deichbruch bei Fischbeck strömen seit Tagen Wassermassen der Elbe ins Hinterland. Noch immer sind es nach Angaben des Krisenstabs mehrere hundert Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Inzwischen sei Schätzungen zufolge eine Fläche von rund 200 Quadratkilometern überflutet. Zahlreiche Ortschaften mussten evakuiert werden, viele davon stehen inzwischen unter Wasser.

Weitere Orte evakuiert

Erst am Morgen ordnete der Krisenstab die Evakuierung der Ortschaften Jederitz und Kuhlhausen an. Die Bewohner wurden aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen. Da der Wasserpegel nach dem Deichbruch bei Fischbeck in der Region weiter steige, müsse mit einer Überflutung der Orte gerechnet werden.

Aber für die meisten Elbanlieger entspannt sich die Lage zusehends. In Hitzacker (Kreis Lüchow-Dannenberg) und Neu Darchau (Landkreis Lüneburg) hielten die Deiche auch in der Nacht zum Samstag. Bis auf einen kurzen Stillstand in der Nacht sinke der Pegelstand der Elbe stetig, wenn auch nur langsam, teilte der Landkreis Lüchow-Dannenberg mit.

Innerhalb von zwölf Stunden falle die Wasseroberfläche um etwa sieben Zentimeter. „Hauptaufgabe ist es jetzt, die Deiche weiter zu beobachten und ihre Standfestigkeit zu überprüfen“, berichtete die Kreisverwaltung. In Vietze bei Gorleben seien bereits fast alle Häuser wieder mit Strom versorgt. Ein Sprecher des Landkreises berichtete: „In der Nacht gab es keine besonderen Vorkommnisse.“

Nach Angaben der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung sank der Pegelstand in Hitzacker seit Mitternacht bis zum Mittag merklich um zehn Zentimeter von 7,60 Meter auf 7,50 Meter. In Bleckede (Landkreis Lüneburg) betrug der Wasserstand am Mittag 11,37 Meter – acht Zentimeter weniger als noch um Mitternacht.

Die wichtige Brücke in Richtung Lauenburg an der Grenze zu Schleswig-Holstein sei in der Nacht wieder geöffnet worden, sagte ein Sprecher des Katastrophenstabs für den Landkreis Lüneburg. Auf der anderen Flussseite in Lauenburg kehrten am Samstagmorgen die ersten Bewohner in die evakuierte Altstadt zurück. Aus Lüchow-Dannenberg hieß es, dass die Stadtinsel Hitzacker voraussichtlich am Abend auch von Nicht-Anwohnern wieder betreten werden dürfe. Dort war die Evakuierung der Insel bereits am Freitagmorgen aufgehoben worden.

Entwarnung für das Elbe-Hochwasser in Niedersachsen gibt es allerdings noch nicht. An vielen Pegeln seien die Wasserstände noch ähnlich hoch wie bei den Hochwassern 2002 und 2011

http://www.bz-berlin.de/aktuell/deutschland/fuer-wasserabfluss-saale-deich-gesprengt-article1694630.html

Die Flut schluckt, ohne zu kauen

Veröffentlicht: Juni 9, 2013 von fluthelfer in Saale

Es sind gespenstische Szenen: menschenleere Orte, vor denen Wasserwände an maroden Dämmen stehen. Elbe und Saale verwandeln große Landstriche und Städte in Katastrophengebiet. Etlichen Orten droht der Untergang: Der Damm der Saale ist gebrochen.

Jener Winkel im Salzlandkreis, wo sich Elbe und Saale vereinen, verblüfft auch sonst nicht mit Menschenmassen. Die Orte liegen lose im flachen Land, sie heißen Klein- Rosenburg oder Groß-Rosenburg, Lödderitz und Sachsendorf und ähneln sich: gerade Straßen, ein paar Höfe, viel Ordnung, wenig Luxus. Häuser von Menschen, die sich eingerichtet haben im Land hinterm Damm, das auf eine leise Art schön ist, aber nicht so spektakulär reizvoll, dass sich Sommerfrischler hierhin verirren. Jetzt ist dieses Land noch leerer als sonst. Die 3000 Menschen, die sich diese Gegend teilen, sind nun weg, keine Autos fahren, nur ein paar Busse rattern mit hoher Geschwindigkeit über den brüchigen Asphalt. Sie sollen die letzten Bewohner aus dem Elbe-Saale-Winkel einsammeln. Niemand steigt ein, denn fast keiner ist mehr da. Es sind Geisterbusse in einer Geisterlandschaft. Später wird noch ein schwimmfähiger Fuchs-Panzer kommen, um die allerletzten Bewohner zu holen.

Die Angst vor einer großen Flut hat die Menschen vertrieben. Saale und Elbe, die schon für sich alleine auf dem Weg aus dem Osten ihre zerstörerische Wucht gezeigt haben, entfalten bei Groß-Rosenburg gemeinsam ihre Kraft. Am Zusammenfluss haben sie einen Deich auf einer Länge von 300 Metern angefressen, seine Krone hat er schon verloren. Das wurde am Freitagmorgen entdeckt und schnell stand fest: Hier hilft nur noch Rückzug, jeder Einsatz am Deich wäre für die Helfer lebensgefährlich.

An einer der verlassenen Straßen geht ein junger Mann, das Handy am Ohr. Er hat sich hierher durchgeschlagen, weil er zurück will, um zu helfen. Ole Mävers erzählt, dass er am Freitagmorgen noch im Krankenhaus lag. Beim Füllen von Sandsäcken auf einem Hof in Lödderitz hatte er sich tags zuvor verhoben und einen Wirbel verrenkt. Der Schmerz stach so zu, dass ihm die Luft wegblieb und ihn ein Rettungswagen wegbringen musste. Doch Mävers hielt es nicht aus in seinem Krankenbett, entließ sich selbst aus der Klinik und trampte los – zurück ins bedrohte Land. Er kann doch nicht in weißen Laken herumliegen, während 15 Kilometer weiter seine Freundin und ihre Eltern gegen die Flut kämpfen.

Ole Mävers will nach Rajoch, ein kleines Dorf, das ein paar Hundert Meter hinter der evakuierten Zone liegt. Hier ist seine Freundin aufgewachsen. Er hat mitgeholfen, das Haus zu verrammeln, jede Öffnung mit Sandsäcken abzudecken, die Fenster zu versiegeln, den Keller auszuräumen. Seine Freundin und das gemeinsame Töchterchen sind noch dort. Das Auto steht bereit, um davonzufahren, sobald sie aufgefordert werden oder sobald das Wasser kommt. Doch bis dahin gibt es noch etwas zu tun. Mävers stapelt schon wieder Säcke, auch wenn der Rücken noch arg zwickt.

Die Flut schlägt leise zu

Obwohl er die Bilder aus Deggendorf gesehen hat, wo Häuser bis zum Dach versanken, konnte sich der Lagerarbeiter aus Niedersachsen lange nicht vorstellen, dass es auch hier ernst wird. „Du schippst halt Sand, machst einen Sack nach dem anderen voll, und Du kannst Dir nicht ausmalen, dass irgendwann Wasser sein soll, wo Du jetzt stehst.“ Die Gefahr ist unsichtbar, das Land ist durch die Sonne längst getrocknet. Der Deich liegt so viele Kilometer weit weg, dass er von hier nicht einmal zu erahnen ist. Nur der Verstand sagt, dass dieses Land binnen Stunden zwei, drei Meter unter Wasser stehen kann, weil es tief liegt und wie eine Badewanne vollläuft, wenn der Damm bricht.

Die Flut schlägt leise zu, nicht mit Krawall. Sie schluckt, ohne zu kauen. Das ist auch in Magdeburg so, wo die braunen Fluten ins Stadtgebiet drängen – beobachtet von den Menschen auf den Brücken. In der Zollstraße am Werder drückt die Elbe mit einem Pegel von 7,4 Meter gegen die Ufermauer, Wasser sickert durch, langsam, aber unaufhaltsam. Einen zwei Kilometer langen Wall aus Sandsäcken schichteten Helfer auf. Auch diese Mauer hinter der Mauer weicht auf.

Am Sonntagmorgen bricht der Damm

Am Freitagmorgen waren am Werder auf einmal keine Sandsäcke mehr da, es konnte nicht mehr zügig nachgebessert werden. Der Grund: Die Lastwagen fuhren nun verstärkt zum August-Bebel-Damm im Stadtteil Rothensee. Auch der ist inzwischen nicht mehr zu halten, Wasser läuft in Wohngebiete, der Strom wird abgestellt, weil es Kurzschlüsse und Brände gibt.

Theorien und Vermutungen gedeihen an jeder Ecke. Da brechen Dämme, die noch stehen, es fallen Pegel, die steigen, und es soll am Wochenende stark regnen – oder doch nur ein bisschen. Die Situation ist unübersichtlich. Schönebeck, Tangerhütte, Susigke, Ferchland, Aken – dauernd wird es anderswo brenzlig. Was unbestritten ist: Das Wasser geht in die Breite und hetzt die Retter an seinen Rändern durchs Land. Mit Blaulicht und Martinshorn rasen die Kolonnen der Feuerwehr, der Bundeswehr und der Wasserwacht von einem Einsatzort zum anderen.

Die andauernde Ausnahmesituation zehrt an den Nerven der Menschen, das Wasser hat ihren Wesenskern freigespült. „Magdeburg geht unter“, raunt eine Apokalyptikerin beim Blick auf eine Pfütze am Elbufer. Andere entdecken ihr Talent für Galgenhumor: „Ich hoffe, mein Vermieter erhöht nicht, wo ich jetzt Fluss-Blick habe“, sagt ein Mann, der nur noch mit dem Schlauchboot die Wohnung erreicht. Manche werden auch starr. Sie bleiben einfach in ihrem Haus, schicksalsergeben, bis die Bundeswehr sie mit Spezialfahrzeugen holt.

Und dann gibt es sehr viele Typen wie Ole Mävers, die kämpfen bis zum Umfallen. Im Elb-Saale- Winkel kann er nichts mehr tun außer warten, ob die Apokalypse wirklich eintritt. Sie tut es am frühen Sonntagmorgen: Um 7.20 Uhr bricht der Saaledamm zwischen Klein Rosenburg und Breitenhagen. Die Wassermassen kommen.

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