Warum Hohenwarte und Bleiloch nur Zehntel des Volumens für Hochwasserschutz nutzen

Veröffentlicht: Januar 17, 2014 von fluthelfer in Thüringen

Warum die Saalekaskade in Ostthüringen weiter nur ein Zehntel ihres Stauvolumens für den Hochwasserschutz nutzt. Auf dem Papier hat die Flut 2013 gar nicht stattgefunden

Hohenwarte/Jena/Halle/Brambach. Das war knapp. Noch fünf Zentimeter mehr, sagte Anfang Juni ein Feuerwehrmann in Halle, „und wir wären erledigt gewesen“. „Drei“, verbesserte ein Kollege. Drei Zentimeter, und Sachsen-Anhalts größte Plattenbausiedlung in Halle-Neustadt wäre im Hochwasser der Saale versunken

Noch während der Jahrhundertflut, der dritten in 19 Jahren, ist es der ehemalige CDU-Stadtrat Eberhard Doege, der von Halle aus nach Ostthüringen zeigt. „Schaut euch doch mal das Talsperren-Management dort an“, zitiert ihn die „Mitteldeutsche Zeitung“. Zu DDR-Zeiten habe es zwar auch Hochwasser gegeben. Aber nicht mit solchen Auswirkungen. Das falle „schon auf“

Heinz Schmerschneider, ein Hallenser Anwalt, vertieft das Thema. Er fragt ein bisschen polemisch, was eigentlich aus den Staumauern in den Thüringer Bergen geworden sei. Wurden die gerade renoviert? Sind sie inzwischen zurückgebaut? Oder war eben mal der Talsperrenwärter krank?

Natürlich nicht. Die Bleiloch-Talsperre, fertiggestellt 1928, ist mit 215 Millionen Kubikmetern noch immer die größte Rückhaltewanne Deutschlands. Zusammen mit dem Stausee Hohenwarte und drei kleineren Speichern bildet sie die Saalekaskade. Ein System, dessen 400 Millionen Kubikmeter Fassungsvermögen in der Lage ist, die Pegelstände bis in die Elbe bei Magdeburg zu beeinflussen. Das ist in trockenen Sommern wichtig. Aber noch wichtiger, wenn es sintflutartig regnet.

Nur im Krisenfall gibt die Behörde Anweisung

So wie in der letzten Maiwoche 2013. Seltsam, dass sich ausgerechnet in diesen Tagen der Stausee Hohenwarte randvoll präsentierte. Einige Besitzer von schwarz gebauten DDR-Bungalows in der Bucht Alter vermuten, der Vollstau galt ihnen. Der Energiekonzern Vattenfall, er ist Eigentümer der Stauseen, will die Bungalows weghaben. Vattenfall konnte aber darauf verweisen, dass der vorgeschriebene Sommer-Stauraum für den Hochwasserschutz eingehalten worden ist. Nämlich in der Bleiloch-Sperre, man müsse beide immer zusammen sehen. Und Bleiloch hatte zu Beginn des Hochwassers 40 Millionen Kubikmeter Luft, fünf Millionen mehr als nötig. Bei der Landesanstalt für Umwelt und Geologie (TLUG) in Jena heißt es, Vattenfall sei ein sehr kompetenter Partner, was das Management der Kaskade angeht. Nur im Krisenfall gebe die Behörde selbst die Anweisungen.

Weshalb nicht Platz für 100 Millionen Kubik?

Nicht allein in Halle wurde die Frage laut, weshalb ein so wirksames Schutzsystem wie die Saalekaskade keine zehn Prozent ihres Stauvolumens für Hochwasser freihalten muss. Im Winter mit 55 Millionen Kubikmetern etwas mehr wegen der erwartbaren Schneeschmelze. Aber reicht das?

Bei weitem nicht, mit solchen „verhängnisvollen Stauraumwerten“ könnten nur Befehlsausführende eines „fachlich inkompetenten Gesetzgebers“ hantieren, erregte sich schon vor elf Jahren der kundige Jenaer Harald Kluge. Er bezog sich allerdings auf die damals nur 25 Millionen Kubikmeter Sommerstauraum und 40 Millionen im Winter, die der promovierte Freizeitangler für unvertretbar hielt. Kein Wunder, denn das Hochwasser im Januar 2003 hatte die High-Tech-Stadt schwer in Mitleidenschaft gezogen. Erst am 16. April 2008 reagierte das Umweltministerium mit einem müden Erlass, die Freiräume zu vergrößern. „Aber mindestens das Doppelte wäre nötig“, ärgert sich Frank Jauch, der Dezernent für Finanzen und Sicherheit in Jena. Hätte die Saalekaskade für 100 Millionen Kubikmeter Platz gehabt, wäre Jena-Göschwitz im Juni 2013 nicht so jämmerlich abgesoffen, glaubt der SPD-Mann. Er fasse es nicht, wie hochnäsig die TLUG über die Jenaer Argumente hinweg gehe.

Es gebe keinen Grund, am aktuellen Stauregime etwas zu ändern, beharrt Peter Krause, bei der Behörde zuständig für den gewässerkundlichen Landesdienst und die Hochwasser-Nachrichtenzentrale. Denn erstens, sagt er, sei der Starkregen im Mai/Juni ein wirklich seltenes Ereignis gewesen. Und zweitens hätten vor allem die Saale-Zuflüsse hinter der Kaskade das Hochwasser gebracht.

Ja, genau wie 1994, dreht Gerhard Kemmler vom Verband Angeln und Naturschutz den Spieß argumentativ um. Damals habe besonders die Schwarza extreme Wassermassen in die Saale geschüttet. Nur mit dem Unterschied, dass die Saaletalsperren zufällig so viel Luft hatten, dass sie erstmalig drei Tage lang komplett geschlossen werden konnten. Der Angelfreund schlussfolgert: Das war vergangenen Juni wieder nur Glück. Denn hätte die Schwarza genauso getobt wie 1994, wäre bei gleichzeitigem Überlaufen der Hohenwarte-Sperre vermutlich sogar der Jenaer Marktplatz geflutet worden. Über die Schäden der Unterlieger in Sachsen-Anhalt, so Kemmler, dürfe man gar nicht erst nachdenken. Hoffentlich komme dort niemand auf die Idee, von Thüringen Schadenersatz zu fordern.

Horst-Dieter Hantschel hat das nicht vor. Er mag die Thüringer, die einen Gutteil der Gäste in seinem Hotel „Elbterrassen zu Brambach“ ausmachen. In normalen Zeiten. Das Juni-Hochwasser verwüstete zwar nicht Brambach, heute ein Ortsteil der Doppelstadt Dessau-Roßlau. Einen Teil der hübschen Herberge mit Gastronomie aber schon. Runde 100″000 Euro Schaden. Das Haus steht seit 1918 direkt an der Elbe.

Mit der Saale, die erst einige Kilometer flussabwärts bei Barby einbiegt, hat Hantschel demnach nichts zu tun. Leider doch, korrigiert der gemütlich brummende Mann, der mit seiner Frau Ramona das Hotel seit 1991 betreibt. Führten Elbe und Saale gleichzeitig Hochwasser, mache der Rückstau der Saale bis zu zehn Zentimeter aus. Zehn Zentimeter, die entscheidend sein können.

Im Juni waren sie es. „Die Saale erleben wir hier sonst eher als ruhigen Fluss“, erzählt Hantschel. Alarm geschlagen werde mehr wegen der sächsischen Mulde. Man habe gelernt, mit Hochwasser zu leben. Aber es komme immer öfter und heftiger, beobachtet der Anhalter Gastronom. Am schwersten ausgerechnet in der Gästesaison. „Voriges Jahr blieben selbst Stammgäste weg, als wir alles schon wieder in Ordnung hatten“, grämt sich Hantschel über den Umsatzeinbruch. Er hat trotzdem keinen seiner Mitarbeiter entlassen.

„Wir bekamen nach dem Hochwasser auch viele Anrufe, ob es sich lohnt, zu uns in Urlaub zu kommen“, gibt Almut Lukas, die Vorsitzende des Fördervereins Bleiloch-Hohenwarte-Stausee e.V., Auskunft. Aber ob sich überhaupt noch Feriengäste und Camper anlocken ließen, wenn der Wasserspiegel der Stauseen beständig sechs oder gar acht Meter tiefer läge, weiß sie nicht zu sagen. Da müssten vorher viele Partner an einen Tisch, um das zu diskutieren, findet die Touristikerin.

„Die müssen sich mal klar werden, was sie wollen.“

„Mir wäre das lieber als zu viel Wasser, dann hätte ich mehr Stellfläche“, sagt Reinhard Schniz, der in Neumannshof und Droschkau zwei Zeltplätze betreibt. Als die Hohenwarte schon zu Pfingsten voll war, musste er Gästen absagen. Ganz anders denkt Klaus-Peter Pretzsch, der mit zwei Kabinenschiffen auf dem Bleiloch-Stausee schippert. „Die müssen sich mal klar werden, was sie eigentlich wollen“, wettert er beim Gedanken an Niedrigwasser. Viel mehr als Tourismus sei doch hier nicht, und gemessen an DDR-Zeiten werde der Wasserstand schon um einiges niedriger gehalten.

Erinnerung täuscht manchmal. Im Mai 2011 konnte Pretzsch sein Hotelschiff „Bad Lobenstein“ zur Premierenfahrt bis Harra steuern. Erstmals in der Nachkriegszeit kam hier wieder ein größerer Kahn hin. „Das geht bei weniger Wasser nicht“, räumt der Schiffsführer ein. Auch die Freunde des Motorboot-Sports würden bei wenig Wasser wohl endgültig aufgeben, gibt er zu bedenken.

Jüngste Jahrhundertflut kam nicht in Risikokarte

Hochwasserschutz sei nie der einzige Zweck der Kaskade gewesen, betont Marcel Möller vom Referat Wasserbau des Umweltministeriums. Schon die Erbauer hätten auch die Energiegewinnung im Blick gehabt. Der touristische Aspekt sei dann später hinzu gekommen. Die Stadt Jena, sagt der Ministeriale, sollte erst mal ihre Hausaufgaben im Fach Hochwasserschutz machen. Spundwände und so. Man könne Vattenfall nicht 100 oder gar 130 Millionen Kubikmeter Freihaltevolumen zumuten: „Dann müssten wir die dafür irgendwie entschädigen.“

Für Thomas Schulz ist das neu. Aus Sicht der Energieerzeugung, erklärt der langjährige Experte beim Stromkonzern, nütze es nicht, möglichst viel Wasser in den Talsperren zu haben. Denn bei einem Hochwasser müssen dann die Fluten über den Grundablass und die Hochwasserentlastung an den Staumauern abgelassen werden. Also energetisch ungenutzt. Für Vattenfall, so Schulz, würden auch die unterschiedlichen Einstellungen der Sommer- und Winterkapazität für den Hochwasserschutz keine Rolle spielen. Die würden von den Behörden so vorgegeben.

Die TLUG hat jetzt 74 Hochwasser-Risikogebiete kartiert und online gestellt. Die Bezeichnungen HQ20, HQ100 und HQ200 geben an, wo das Hochwasser im statistischen Mittel ein Mal in 20, 100 und 200 Jahren hinkommt. Frank Jauch hat erwartet, dass sich der HQ100-Wert nach der Juni-Flut entsprechend verändert. Fehlanzeige, schimpft der Jenaer Dezernent. Das Land tue so, als hätte es die Flut 2013 gar nicht gegeben. Das sei „der Gipfel der Verantwortungslosigkeit“.

Quelle: otz.de

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