Auszeichnung für Lebensmittel-Verteiler

Veröffentlicht: November 16, 2013 von fluthelfer in Halle

Auf einem Empfang in der Magdeburger Staatskanzlei werden am Samstag die ersten Fluthelfer geehrt. Insgesamt sollen 51.000 Fluthilfenadeln und Bandspangen an zivile und uniformierte Helfer vergeben werden. Unter den Ausgezeichneten ist Ronnsen Behrens aus Halle, der im Juni mit Freunden Lebensmittel-Spenden organisiert hatte.

 

Die Reaktion eines Freundes ist Ronnsen Behrens im Gedächtnis geblieben. Ein Schrank von einem Mann, einer, den nichts umwirft, hatte plötzlich Tränen in den Augen. Er war beeindruckt von dem Anblick, der sich ihm im allein gelassenen halleschen Stadtteil Lettin geboten hatte – und von der Dankbarkeit der Menschen dort. „Du glaubst nicht, was da los ist, hat er gesagt“, erinnert sich Behrens. Juni 2013: Halle versank im Flutchaos. Und eine Armada von Freiwilligen stemmte sich gegen die Wucht der Saale.

Ronnsen Behrens, der heute als einer der ersten die Fluthelfer-Nadel des Landes erhält, gehörte mit seinen Freunden dazu. Männer, die ihre Freizeit üblicherweise Autos widmen. In Behrens kleiner privaten Werkstatt im Osten der Stadt steht unter anderem ein VW Derby, Baujahr 77. Der 30-Jährige baut alte Kisten wie diese wieder auf, fährt auf Tuning-Treffs und Messen, trifft sich mit Freunden, die ebenso vernarrt in Autos sind wie er. Als der Pegel der Saale stieg und stieg, trat das PS-starke Hobby aber wie vieles andere in den Hintergrund. „Natürlich hätten wir uns auch mit einer Tüte Chips vor den Fernseher setzen können“, sagt Behrens heute. „Aber wir haben uns nur angesehen und gewusst: Wir müssen irgendetwas tun.“ Was sie da noch nicht ahnten: Aus den ersten Einsätzen beim Ausräumen eines gefährdeten Hauses und auf dem Gimritzer Damm würde ein logistisches Mega-Projekt werden.

Es begann mit vier Wasserkästen und ein paar Pappbechern auf dem Marktplatz, direkt an der Sandsack-Füllstation. „Es war warm, die Helfer hatten Durst und Hunger“, so Behrens. Seine kleine Spende potenzierte sich schnell. Kaufhäuser brachten Kaffee, wildfremde Menschen Töpfe mit warmem Essen und Platten mit selbst gebackenem Kuchen. „Nach ein paar Stunden brauchten wir schon einen Tisch.“ Pavillons kamen dazu, um die Lebensmittel vor der Sonne zu schützen. Und irgendwann, erinnert sich Behrens, war das kleine Projekt mit Wasserkästen aus dem Kofferraum zur Top-Versorgungsstelle für Halles Fluthelfer angewachsen. Getränkehersteller fuhren palettenweise Ware herbei, Großbäckereien kündigten Lieferungen an. Seine Handynummer habe im Internet gestanden, Hilfsorganisationen oder die Freiwilligenagentur hätten an ihn verwiesen, wenn es um Versorgung ging, so der angestellte Karosseriebauer.

Er und seine Freunde zogen von nun an Fäden: Zu Gaststätten, in denen die Brote von den Bäckereien geschmiert wurden. Zu einem DJ. Zu Feuerwehr und Polizei und zur Stadt, die half, als die jungen Leute über Nacht nicht wussten, wohin mit all dem, was nach Tag eins an Spenden übrig war – acht Transporter voll. Die im Kern 15 Mann starke Gruppe hatte ansonsten alles, was nötig war: Strategen, Anpacker, Leute mit Technik – zusammengeknüpft zu einem riesigen Spinnennetz, wie es Behrens beschreibt. Aufhören, selbst wenn sie gewollt hätten, kam nicht mehr in Frage. „Auf einmal hatten wir ja auch Verantwortung für die Spenden“, sagt Sebastian Grumbach, einer, der durch Zufall auf die Runde stieß. Eine Hilfsorganisation hatte ihn weggeschickt, weil er im Rollstuhl sitzt. „Ich hatte aber Zeit und Elan.“ Und zwei gesunde Arme, um Essen und Getränke zu verteilen.

Ronnsen Behrens und Sebastian Grumbach ist von diesen Tagen einiges in Erinnerung geblieben. Die „Nudel-Mutti“, wie sie die Frau nannten, die mit einem Riesentopf ankam und sogar fragte, was sie am nächsten Tag kochen solle. Die alte Dame mit Gehhilfe. Menschen, die ihnen begeistert Geld in die Hand drückten, was neben Pfandeinnahmen half, Mülltüten, Teller oder Besteck zu besorgen. Einer wollte sogar 500 Euro geben. Vor allem aber wusste Behrens schnell: „Auf meine Freunde ist Verlass.“

Die meisten hatten inzwischen ihre Arbeitgeber um Freistellung gebeten – in der Regel erfolgreich. Selbst ein Lokführer bekam das Okay der Deutschen Bahn. Ein Lkw-Fahrer aus Behrens’ Freundeskreis kam mit einem 40-Tonnen-Kühllaster, von dem aus ab Tag zwei des Versorgungsprojektes rund um die Uhr Spenden auf dem Sandsackfüllplatz in der Heide verteilt wurden. „Wir konnten allein an einem Tag 2.000 Leute versorgen“, so Behrens. Und zudem mit Lieferwagen an Brennpunkte fahren – nach Lettin oder in die überflutete Talstraße und Tage später, als sich die Lage in Halle beruhigte, nach Köthen und Aken. „Da war ich emotional am Boden“, sagt der Karosseriebauer. Aken war offiziell evakuiert. „Eine Geisterstadt, in der Motorräder und Couchgarnituren auf Garagendächern standen, kein Spatz mehr auf dem Dach zwitscherte. Das war wie im Film.“

Am Ende haben sie in Halle auch noch beim Aufräumen geholfen, zum Großteil nach der Arbeit, im Schichtsystem. Drei, vier Wochen waren Behrens und seine Freunde so dabei. Es war eine Zeit, in der es nicht nur positive Erfahrungen gab. Er habe sich auch geärgert, über Firmen zum Beispiel, die für ihre Spende zwingend Werbung erwarteten, sagt der 30-Jährige. Sich selbst sieht er als einen Menschen, der so erzogen worden ist, anderen zu helfen – ohne auf Gegenleistungen oder Auszeichnungen zu schielen. „Und ich wollte zeigen, dass das jeder kann.“

Was bleibt? Auch etwas, was Ronnsen Behrens wichtig ist: neue Freunde wie Sebastian Grumbach.

Quelle: mz-web.de

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