Hochwasserschutz in Leipzig: Sickerstelle, Graswuchs, Fachbaum – was ist da nun dran?

Veröffentlicht: Oktober 14, 2013 von fluthelfer in Hochwasserschutz, Sachsen

Alles bestens in Leipzig in Sachen Hochwasserschutz? Die Leipziger Landtagsabgeordnete Gisela Kallenbach (Grüne) wollte das doch etwas genauer wissen. Es wurde ja gewaltig Alarm geschlagen im Juni, insbesondere am linken Deich des Elsterhochwasserflutbetts wurde panikartig verteidigt. Hinterher war dann von einer großen Sickerstelle die Rede. Was war da los? Hatte die Landestalsperrenverwaltung ihre Arbeit nicht getan?

Auch das hochgewachsene Gras auf den Deichen am Hochflutbett sorgte gleich nach dem Höhepunkt der Deichverteidigung für öffentlichen Ärger. Mit dem Zeigefinger wurde amtlicherseits auf die Leipziger Umweltverbände gezeigt, die seien wohl schuld daran, dass das Gras nicht gemäht war.

Nicht nur Gisela Kallenbach fühlte sich da wie in einem seltsamen Land. Beim Ökolöwen, der sich sehr wohl gemeint fühlte, schüttelte man nur verwundert den Kopf: „Für die Mahd auf den Deichen ist eindeutig die Talsperrenverwaltung zuständig. Selbst wenn da seltene Schmetterlinge flattern würden, hätten wir darauf keinen Einfluss.“

Und genau danach fragte Gisela Kallenbach den sächsischen Umweltminister. Der muss doch wissen, was auf seinen Deichanlagen vor sich geht. Wie war das also mit dem viel zu hoch stehenden Gras? – Umweltminister Frank Kupfer hat am 30. September geantwortet. Und siehe da. Der Deich war ordnungsgemäß gemäht worden, gehutet, wie es heißt. Denn gemäht werden die Deiche von Schafen. „Die erste Hutung erfolgte im April / Mai 2013“, gab Frank Kupfer nun Auskunft. „Der während des Hochwassers im Juni 2013 sichtbare und hier kritisierte Aufwuchs war der natürliche witterungsbedingte Zuwachs der Frühjahrsmonate.“

Kurz vor der Ankunft der Flut konnte nicht noch einmal eine Schnellmahd erfolgen. Begründung des Ministers: Weil die Deichverteidigungswege fehlten

Diese Frage stellten dann doch berechtigterweise die Umweltverbände: Warum fehlten die Deichverteidigungswege? Dafür ist doch nun einmal die Talsperrenverwaltung zuständig. Warum hat sie keine gebaut, obwohl niemand sie dran gehindert hat? – Mitten während der Deichverteidigung hat die Landestalsperrenverwaltung ja dann eine steinige Anlieferstrecke am linken Deich hingeschüttet. Und nach der Flut hat sie dasselbe kommentarlos am rechten Deich getan – und damit alle Radwege zum Cospudener See in einen Hindernisparcour verwandelt.

Und was war das mit der Sickerstelle am linken Deich, die für so viel Alarmstimmung sorgte? Drohte da gar der Deich zu brechen? – Nicht wirklich. Die Wahrheit ist: Die Sickerstelle ist schon lange bekannt. Auch wenn Umweltminister Frank Kupfer in seiner Auskunft nur bis zum Winterhochwasser 2011 zurückgeht, ein HQ 30, wie er es nennt. Also ein Hochwasser, wie es im Schnitt aller 30 Jahre auftritt. Man erinnert sich, dass auch dieses Januar-Hochwasser 2011 in Leipzig inszeniert wurde, als sei Holland in Not. Die Inszenierung hatte ihren Sinn, denn damit wurde im Nachgang ab Februar 2011 das radikale Abholzen von Bäumen auf und hinter den Deichen im Leipziger Auenwald begründet. Stichwort: „Tornadoerlass“. Noch heute sind zwei Prozesse gegen diese amtlichen Abholzungen vor Gericht anhängig.

Die Sickerstelle kennen die Fachleute seit Jahrzehnten, denn man hatte hier den Deich einfach über einem alten Nebenarm der Paußnitz aufgeschüttet. Ein ähnliches Phänomen gibt es auch im nördlichen Auenwald, wo das Wasser unter dem Deich in die nördliche Burgaue sickerte, weil man auch dort einen alten Wasserlauf einfach überbaut hatte. Das hat die LTV 2011 dann unterbunden, indem sie schwere Stahlschotten in den Deich getrieben hat. Gründlicher wurde noch nie ein Auwald vor dem für ihn so wichtigen Wasser geschützt.

Was jetzt am Elsterhochflutbett passiert, ist völlig offen. Denn im Juni 2013 sickerte natürlich wesentlich mehr Wasser aus der Sickerstelle – der Wasserdruck war ja auch wesentlich höher. Es war ja ganz offiziell ein Hochwasser der Kategorie HQ 150. Frank Kupfer: „Die Deiche am Elsterflutbett wurden dabei weitaus höher als im Januar 2011, teilweise über mehrere Tage im Freibordbereich, eingestaut. Damit wurden die Deiche im Juni 2013 bedeutend stärker als im Januar 2011 und über ihre Belastungsgrenzen hinaus in Anspruch genommen.“

Man sieht: Der Minister hat sich von den Experten aus der LTV zuarbeiten lassen. Und was heißt denn nun das mit dem Freibord? – Wikipedia: „Der Freibord bezeichnet in der Wasserwirtschaft den Abstand zwischen einem Wasserspiegel und einer höher liegenden Kante eines Bauwerkes, meistens die Oberkante eines Dammes oder Ufers.“

Heißt also: Das Wasser überstieg zwar die theoretisch gewollte Hochwassermaximalhöhe, blieb aber unterhalb der Deichkrone. Meldungsweise fehlten am Ende 30 Zentimeter.

Und die Sickerstelle? – Frank Kupfer: „Die nach dem Hochwasserereignis im Jahr 2013 vorgenommenen Schadenserfassungen weisen einen hohen Schädigungsgrad der Deichabschnitte am Elsterhochflutbett durch Suffusion (Lösung und Umlagerung feiner Bodenteilchen im Boden) sowie Erosion aus.“ Die LTV hätte nicht vorher reagieren müssen, denn die Sickerstellen wurden erst mit dem Juni-Hochwasser „kritisch“.

Die dritte Frage von Gisela Kallenbach beschäftigt sich mit dem geplanten Neubau des Nahleauslasswerks, das beim Juni-Hochwasser ja bekanntlich ebenfalls wieder geöffnet werden musste (mit entsprechenden Flutungsschäden bis zum Sportplatz Böhlitz-Ehrenberg). Die Grünen-Abgeordnete wollte einfach wissen, warum es nicht möglich ist, den Fachbaum niedriger zu setzen. Dann könnte der Auwald dahinter ja auch bei kleineren Hochwassern schon geflutet werden.

Aber hier scheint es jetzt wieder um die Verwendung des richtigen Begriffs zu gehen. Frank Kupfer: „Der Fachbaum des Nahleauslasswerkes liegt, mit bloßen Auge erkennbar und vermessungstechnisch nachgewiesen, auf gleicher Höhe mit dem (mit) Auwald bewachsenen Hinterland. Eine Absenkung des Fachbaums könnte daher nicht zu einer häufigeren Überschwemmung des Polders führen.“

Mal noch zur Einschränkung erwähnt: Die Burgaue ist noch nicht als Polder umgebaut. Wäre sie das, wären die Bauwerke darin (Sportplatz Böhlitz-Ehrenberg, Domholzschänke) durch eigene Eindeichungen vor Überflutungen geschützt. Was da im Januar 2011 und im Juni 2013 mit der Burgaue angestellt wurde, war zwar eine Flutung, aber eine geregelte Nutzung als Polder war es nicht.

Und der Fachbaum? – Bei klassischen Wehren ist der Fachbaum das oberste Holz, das den Wasserstand dahinter bestimmt. Beim Nahleauslasswerk ist es aber der Betonsockel, oberhalb dessen sich die stählernen Tore befinden. Eine Variante der Überlegungen zum Leipziger Hochwasserschutzkonzept geht davon aus, dass das Nahlewerk prinzipiell überflüssig ist und die Stahltore einfach demontiert werden könnten. Und an der Stelle wird die Frage von Gisela Kallenbach erst interessant: Dann bestimmt nämlich wirklich der Fachbaum, wie oft der Auwald in der Burgaue geflutet wird.

Nämlich deutlich öfter. Immer dann nämlich, wenn der Wasserstand in der Nahle höher als der Fachbaum steht. Oder eben höher als die Höhe der Burgaue. Und das wäre dann auch bei kleineren Hochwassern der Fall. Dazu muss nicht der Fachbaum abgesenkt werden, sondern die Stahltore müssten abgebaut werden – und nicht erneuert, wie es die LTV jetzt mit Genehmigung des Leipziger Umweltamtes vor hat.

Das Geld, das man am Auslasswerk sparen würde (Es ist von 3 Millionen Euro die Rede.) könnte besser und vor allem nachhaltiger zum Schutz der Bauwerke im „Polder“ Burgaue eingesetzt werden. Dann würden nämlich auch jene Kosten entfallen, die jetzt bei jeder Flutung der Burgaue als Schaden entstehen. Siehe: Sportplatz Böhlitz-Ehrenberg, 470.000 Euro.

So ganz nebenbei hat der Minister also angedeutet, wie unsinnig das eigene Hochwasserschutzkonzept ist.

Quelle: l-iz.de

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