Wie gut durchdacht ist der Hochwasserschutz für Döbeln?

Veröffentlicht: Oktober 6, 2013 von fluthelfer in Hochwasserschutz, Sachsen

Im Erzgebirge werden zwei teure Regenrückhaltebecken geplant. Ob sie Döbeln vor der jüngsten Flut geschützt hätten, ist fraglich.

 

 

Wer in Döbeln noch immer sein Geschäft einräumt, sein Haus trocknet, sich mit der Versicherung herumärgert oder auf die Bearbeitung seines Fluthilfeantrages wartet, dürfte sich seit zwei Monaten auch immer wieder diese Frage stellen: Lohnt sich der Wiederaufbau überhaupt? Döbeln wurde Ende Mai und Anfang Juni zum zweiten Mal innerhalb von elf Jahren von einem Jahrhunderthochwasser überschwemmt. Wenn sich derartige Fluten häufen, wird das Leben an der Mulde teuer. Und so ist das verdrängte Thema Hochwasserschutz mit seinen endlosen Diskussionen, Planungsrunden und Genehmigungsverfahren auf einmal wieder wichtig.

 

„Wir brauchen nicht das Auto, das draußen rumfährt und verkündet, dass das Wasser kommt. Wir brauchen Überflutungsgebiete“, sagte vor einigen Wochen Uhrmacher Michael Pietsch vom Niedermarkt. Auch Rückhaltebecken forderte er und traf damit, glaubt man den Planern der Landestalsperrenverwaltung (LTV), ins Schwarze. Mit der Flutmauer, die derzeit rund um die Muldeinsel und entlang der gegenüberliegenden Ufer errichtet wird, ist die Stiefelstadt nur gegen ein statistisch aller 50 Jahre auftretendes Hochwasser geschützt. Dies bedeutet, dass der Muldepegel in Mahlitzsch dann bei 389 Zentimetern liegt: rund 30 Zentimeter über Alarmstufe 4. Einen Schutz vor einem statistisch aller 100 Jahre auftretenden Hochwasser (HQ100) sollen zwei etwa gleich große Rückhaltebecken bei Mulda und Oberbobritzsch bieten, die irgendwann an Nebenflüssen der Freiberger Mulde im Erzgebirge eingerichtet sein sollen. Die Flut im Mai und Juni war in Döbeln etwa ein HQ100. Das Hochwasser 2002 wird als HQ200-300 eingestuft.

 

Derzeit läuft das Planfeststellungsverfahren, welches für das Becken bei Oberbobritzsch im ersten Quartal 2014 abgeschlossenen sein soll, sagt Holm Felber, Sprecher der Landesdirektion. Für das Becken bei Mulda kann er keinen Termin nennen, weil die Talsperrenverwaltung gerade wieder die Pläne überarbeitet. Ist der Feststellungsbeschluss einmal da, haben etwa Eigentümer in Anspruch genommener Flächen die Möglichkeit, gegen den Beschluss zu klagen. Und wird dann endlich losgelegt, vergehen bis zur Fertigstellung 4,5 bis 5 Jahre, schätzen Ingenieure. Immerhin muss für das Becken in Mulda extra ein über vier Kilometer langer Überleitungsstollen durch Erzgebirgshügel getrieben werden, damit Wasser der Mulde im Hochwasserfall im Rückhaltebecken am Chemnitzbach „zwischengeparkt“ werden kann.

 

Ein Gegner des Hochwasserschutzvorhabens ist der Naturschutzverband Sachsen. Außer dass er aus nahe liegenden Gründen etwas dagegen hat, dass die Hochwasserrückhaltebecken Flächen beeinträchtigen, die nach der europäischen Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie geschützt sind, argumentiert der von Tobias Mehnert geleitete Verband auch, die Hochwasserrückhaltebecken schützten die flussabwärts gelegenen Städte Nossen, Roßwein und Döbeln nicht. Im Einzugsgebiet der Freiberger Mulde gebe es drei typische, Hochwasser verursachende Wetterlagen: Entweder geht nur im Erzgebirge Starkregen nieder, es schüttet im Erzgebirgsvorland bis hinein in die Region Döbeln oder es regnet überall entlang der Freiberger Mulde heftig und über längere Zeit. Ein HQ100 im Bereich der Rückhaltebecken, das nicht durch Starkregen im Unterlauf der Mulde verstärkt wird, so der Naturschutzverband, fließe bereits an Nossen ohne Überschwemmungen vorbei und man braucht keine Rückhaltebecken, um die Städte im flacheren Land zu schützen. In den beiden anderen Fällen falle im flachen Land so viel Wasser vom Himmel, dass zwei Riesenwasserspeicher weiter oben an der Mulde Döbeln nicht wirklich schützen.

 

Die Landestalsperrenverwaltung hingegen hält die Rückhaltebecken in jedem Fall für sinnvoll. Man habe bei der Planung halt bestimmte Wahrscheinlichkeiten für Niederschlagsereignisse errechnet. Kosten und Nutzen stünden bei den geplanten beiden Rückhaltebecken – zusammen immerhin geschätzte rund 100 Millionen Euro teuer – in einem vernünftigen Verhältnis. Außerdem wirkten die Rückhaltebecken auch bei einem zwei- oder dreihundertjährigen Hochwasser noch dämpfend und minderten Hochwasserschäden flussabwärts ab, erklärt LTV-Sprecherin Katrin Schöne.

 

Wie erwähnt, Hochwasserschutzplanungen sind so lange langweilig, bis das eigene Geschäft unter Wasser steht. Wie gut die Rückhaltebecken vor Hochwasser schützen, kann vielleicht erst die Praxis beweisen. Das jüngste Hochwasser zeigt jedoch, dass die Gefahr durch Regen, der in der Nähe fällt, nicht zu unterschätzen ist: Wie 2002 fielen sowohl im Erzgebirge als auch am Unterlauf der Freiberger Mulde mehr oder weniger zeitgleich Starkregen. Hobbymetereologe Heinz Frust aus Mockritz hat vom 25. Mai bis zum 4. Juni 167 Liter pro Quadratmeter Niederschlag gemessen – fast sechsmal soviel, wie in diesem Zeitraum üblich ist.

 

Vor allem für die erste „Welle“ des Hochwassers am 31. Mai gibt es Indizien, die für einen großen Beitrag des lokal gefallenen Regens zur Entstehung der Flut sprechen. So war der Hochwasserscheitel, also der höchste Pegelstand der Mulde, fast zeitgleich in Berthelsdorf und 42 Kilometer weiter flussabwärts in Nossen. Eine naheliegende Erklärung dafür ist, dass im Erzgebirgsvorland eine Menge Wasser in die Mulde floss, wie Hydrologe Uwe Büttner vom Landeshochwasserzentrum bestätigt. Dieses Wasser hätten Rückhaltebecken nicht aufgehalten. Die Feuerwehr Döbeln registrierte am 31. Mai vier Einsätze an Überschwemmungen und Ausuferungen von innerstädtischen Bächen, den Gewässern zweiter Ordnung: Nachts um 2 Uhr wurden die Kameraden zum Pommlitzer Bach/Amselgrund gerufen, um 16 Uhr gab es Alarm am Bielbach und im weiteren Verlauf des Abends noch zwei Einsätze am Pommlitzer Bach. Der Döbelner Anzeiger vermerkte am Nachmittag dieses Tages auf seiner Facebook-Seite, der Bielbach habe die B175 zwischen der Autobahnabfahrt Döbeln-Ost und Döbeln überflutet. Bei der zweiten, höheren „Welle“ am 2. und 3. Juni vermerkt das Einsatzprotokoll der Feuerwehr keine Überflutungen an innerstädtischen Bächen. Die Niederschläge vor Ort waren jedoch ebenfalls beträchtlich.

Quelle: sz-online.de

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