Aufarbeitung der Katastrophe

Veröffentlicht: Oktober 6, 2013 von fluthelfer in Dessau, Hochwasserschutz

Der Hochwasser-Ausschuss von Dessau-Roßlau blickt auf die Juni-Flut zurück und diskutiert Schlussfolgerungen. Der Kleutsch-Sollnitzer Deich soll nun eher erhöht werden als bislang geplant.

 

Dessau-Roßlaus Hochwasserausschuss macht sich für eine Änderung der Prioritätenlisten für den Deichbau in und um Dessau stark: Der Deich zwischen Kleutsch und Sollnitz soll deutlich schneller erhöht werden als bislang geplant. Schon 1999 gebaut, fehlt dort auf 4,5 Kilometer ein halber Meter zu den Höhen, die das Bemessungshochwasser 2002 setzt. Elf Jahre später mussten Kleutsch und Sollnitz im Juni evakuiert werden, als Mulde-Pegel von über sieben Meter vorhergesagt wurden.

In der Prioritätenliste, die die Stadt gemeinsam mit dem Landesbetrieb für Hochwasserschutz erarbeitet, hat der Kleutsch-Sollnitzer Deich bislang nur die Priorität 3 – und damit zwölf Hochwasserschutzprojekte vor sich. Für Gerd Möbius, Mitglied im Hochwasserausschuss, ein Unding. „Das ist eine Sollbruchstelle – und gehört mindestens auf das Niveau des Deiches Möster Höhen.“ Der ist Priorität 1. Eine Ewigkeit. Das Planfeststellungsverfahren dauert dort schon über zehn Jahre.

Dreieinhalb Monate nach der zweiten Jahrhundertflut innerhalb von elf Monaten haben Dessau-Roßlaus Katastrophenschützer im Hochwasserausschuss die große Bilanz vorgelegt. Gebildet nach dem Hochwasser 2002, ist dieser Ausschuss eine Dessau-Roßlauer Besonderheit, die nach 2007 schon in Frage stand, an deren Notwendigkeit spätestens seit Juni aber keiner mehr zweifelt.

Die Bilanz beschränkte sich nicht nur auf ein 1 200 Seiten starkes Einsatztagebuch mit über 3 000 Meldungen, die einen Eindruck geben, was in den zwei teilweise dramatischen Wochen im Juni alles im Katastrophenstab zu klären und zu entscheiden war.

Im Ausschuss wurde grundsätzlich Lob verteilt für die Arbeit des Katastrophenstabes, was Kritikpunkte nicht ausschloss. War die Evakuierung von Kleutsch und Sollnitz notwendig? „Es war eine schwierige Entscheidung. Doch die Prognosen der Pegel hatten uns keine Wahl gelassen“, verteidigte Oberbürgermeister Klemens Koschig die damalige Entscheidung. War die Informationspolitik des Katastrophenstabes ausreichend? „Nein“, fand Waldersees Ortsbürgermeister Lothar Ehm. „Vor allem am Anfang war das eine Katastrophe.“ Warum wurden in einigen Einsatzabschnitten Technische Einsatzleitungen zur Deich-Verteidigung gebildet, in anderen aber nicht? „Wir haben das vom Gefährdungspotenzial abhängig gemacht“, erklärte Martin Müller vom Katastrophenschutzstab, gab aber zu, „dass es da prinzipiellen Klärungsbedarf gibt“.

Aus den Reihen des Ausschusses gab es viele Hinweise. Zum Verbandsdeich in Mildensee, der eine gefährliche Lücke hat. Zum Ringdeich in Törten. Zum Zustand der Taube. Vor allem aber zum unzureichenden Pflegezustand der Deiche, den Ehm seit Jahren immer wieder anprangert. Im Juni wurde Waldersees Ortsbürgermeisters in seiner Skepsis bestätigt. Meterhoch habe das Grün an den Deichen gestanden. „Wir verbauen Millionen in Deiche und sparen Zehntausende beim Unterhalt“, sagte Jürgen König, Ortsbürgermeister von Großkühnau, und kritisierte zugleich, dass zu oft noch Bäume in den Deichen stehen. Im Bereich des Weinbergschlösschens sei das ein riesiges Problem. „Kommen die Bäume dort nicht weg“, sagte König, „werden wir das nicht mehr verteidigen.“

Ein Großteil der Kritiken war im Amt bekannt – und längst eingearbeitet in ein Papier, das in die Kategorien „Schlussfolgerungen“ und „Prioritäten“ geteilt war und im Ausschuss präsentiert wurde. Es enthielt große wie kleine Dinge. Die Katastrophenschützer wollen Aufgaben und personelle Besetzung der Technischen Einsatzleitungen neu definieren. „Die personellen Zuordnungen sind nicht mehr haltbar“, gab Müller zu. Dessau-Roßlau will die Anschaffung von Großpumpen prüfen. Im Juni halfen vor allem die Experten aus der Partnerstadt Ludwigshafen mit schwerer Technik aus. Mittelfristig wird der Neubau einer Lagerhalle auf dem Feuerwehr-Gelände in der Köckert-Straße angestrebt. Der Grund: Immer mehr Teile des mobilen Hochwasserschutzes sind fachgerecht vorzuhalten.

Die Arbeitsrichtlinien für die Wasserwehren sollen überarbeitet werden. „Die haben sich ausgezahlt“, lobte Großkühnaus Ortsbürgermeister Jürgen König das Engagement vieler Dessau-Roßlauer. Trotzdem gibt es Regelungsbedarf. An der Kommunikation wird gearbeitet. Die Katastrophenstäbe der Region werden direkt miteinander verbunden. Die für Dessau-Roßlau kritischen Stellen – „Mutter Sturm“ zwischen Kühnau und Aken sowie der Deich am Schöpfwerk Kapen – befinden sich alle an den Grenzen von kreisfreier Stadt und den Landkreisen Anhalt-Bitterfeld und Wittenberg. Im Juni hatte es da immer wieder Abstimmungsprobleme gegeben. Für die Ortsbürgermeister werden extra E-Mail-Verteiler geschaffen. Ein eigener, offizieller Facebook-Account wird angestrebt. „Wir sind im Juni zu oft den Meldungen hinterher gelaufen“, erinnerte Oberbürgermeister Koschig.

Nachgedacht wird aber auch über ganz einfache Dinge: Handys für die Wasserwehren. Hinweisschilder an den Deichen, die auf die aktuelle Hochwasserwarnstufe hinweisen und Schwarze Bretter für Pressemitteilungen. Auch wenn das Internet in der Krise ein wichtiges Kommunikationsmittel war. „Wir müssen auch an die älteren Menschen denken“, sagte König, der im Juni Zettel mit aktuellen Hochwasser-Meldungen an einige Deichscharten anbringen ließ.

Die Schlussfolgerungen fanden Zustimmung. Bei einigen Vorschlägen wird es darauf ankommen, die Finanzierung zu sichern. Bis auf den Deich zwischen Kleutsch und Sollnitz war auch die vorgestellte Prioritätenliste Deichbau unstrittig. Sechs Projekte stehen dort in der Priorität 1. Mit dem Flutungs-polder Rösa ist ein Vorhaben dabei, das weit weg von Dessau-Roßlau scheint. Doch der Mulde-Polder bei Rösa könnte die Dessauer Mulde-Pegel entscheidend absenken. Außerdem Priorität 1 haben der Deich Möster Höhen, die Wasserstadt, deren Deichtor im Juni erheblichen Schaden genommen hat, die Jonitzer Mühle, das Gebiet um die Hubitzkellerschleuse bei Großkühnau und „Mutter Sturm“, das Hochufer zwischen Kühnau und Aken, das im Juni überspült wurde. Die Elbe floss nach Aken – und gefährdete sogar Mosigkau.

In der Priorität 2 stehen die Hochwasserschutzwand in der Südstraße in Roßlau, die nach Fertigstellung des Schöpfwerkes begonnen werden soll, der Deich am Schöpfwerk Kapen an der A 9, der Scholitzer See in Mildensee und ein Lückenschluss in der Kreuzbergstraße. Es folgen in der Priorität 3 die Senken in der Ludwigshafener Straße, der Reichardtswall – und der Deich zwischen Kleutsch und Sollnitz. Noch. Gespräche mit dem Landesamt für Hochwasserschutz sollen daran noch etwas ändern.

Quelle: mz-web.de

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