Kleingärten nach dem Hochwasser – Vom Paradies zum Albtraum

Veröffentlicht: August 28, 2013 von fluthelfer in Hochwasserfolgen, Sachsen-Anhalt

Die Flutschäden in den Kleingärten in Jeßnitz gehen in die Hunderttausende. Doch Hilfe ist kaum in Sicht. Manche der Kleingärtner klammern sich ans Prinzip Hoffnung, andere wollen aufgeben.

Dahlien, Callas, Rosen, Nelken, Astern, Purpurglöckchen – der Garten von Sybille Richter verwandelt sich im August immer in ein Blütenmeer. Doch dieses Jahr ist alles anders. Denn die grüne Oase ist abgesoffen. Statt bunter Blumen nur braun-grünes Chaos. Die Folgen der Hochwasserkatastrophe sind nicht nur im Garten der Vereinschefin zu sehen. Kein Wunder, stand doch die Anlage „Lauseborn“ in Jeßnitz komplett unter Wasser. 149 000 Euro Schaden haben die Parzellenpächter bislang gemeldet. Damit sind die Lauseborner traurige Spitzenreiter in der Schadensbilanz des Bitterfelder Regionalverbands der Gartenfreunde.

Noch immer gehen bei Verbandschef Axel Richter die Meldungen ein. Die Flutbilanz ist verheerend: 529 Gärten sind betroffen. „Die bislang gemeldeten Schäden belaufen sich auf mindestens 380 000 Euro“, so Richter. Neben „Lauseborn“ war auch die Wolfener Anlage „Am Busch“ mit 209 Gärten völlig überschwemmt. Der gemeldete Schaden: 67 000 Euro. In Bitterfeld waren am schlimmsten die Anlagen „Goldene Aue“, „Am Strengbach“, „Krautwall“ und „Kühler Grund“ betroffen. Die Schäden gehen in die Zehntausende.

Dabei seien viele Flutfolgen aber noch gar nicht abschätzbar. „Bislang geht es vor allem um Einrichtungsgegenstände, Lauben, Vereinsheime, elektrische Anlagen und Technik, die ersetzt werden müssen“, erklärt Richter. Vernichtete Pflanzen dagegen würden relativ selten gemeldet. „Dabei ist auch deren Ersatz teuer.“

Das hat Sybille Richter am eigenen Leib erfahren. Ihr Garten liegt am tiefsten Punkt der Lauseborn-Anlage, ist der letzte vor jenem Bereich, wo der schützende Deich hinkommen soll. „Doch auf den warten wir ja seit 2003 vergebens“, ärgert sich die Vereinschefin. Die Folgen sieht man in jedem der Schrebergärten. Nicht nur die Einrichtung der Lauben landete auf dem Sperrmüll: „Die Erdbeerernte fiel ebenso aus wie die jetzt anstehende Kartoffelernte. Es gibt keine Zwiebeln, keine Tomaten, keine Gurken – alles vernichtet“, so Sybille Richter. Von Blumen gar nicht zu reden. Viele Staudenpflanzen seien eingegangen. „Die Dahlien sind völlig verfault.“ Und ob sich die Beerensträucher wieder erholen, stehe in den Sternen. „Essen konnte man die Früchte nicht“, meint Richter und zeigt als nächstes auf die Koniferen. Deren braune Verfärbung zeigt, wie hoch das Wasser stand. Selbst die Obstbäume sehen aus, als hätten sie eine Krankheit. „Die Äpfel sind von Schorf befallen, die Pflaumen fallen alle ab.“ Erst nächstes Jahr wisse man, was noch verloren gegeben werden muss.

Doch wie geht es nun weiter? Der Regionalverband versucht, viele Quellen anzuzapfen. Man habe sich beim Landesverband um Mittel beworben, so Axel Richter. Auch beim Bundesverband laufe eine Spendenaktion. „Doch niemand weiß, was nach Sachsen-Anhalt kommt.“ Auch die 64 000 Euro, die die Stadt Bitterfeld-Wolfen für Sport- und Gartenvereine in Aussicht gestellt habe, reichen nicht weit. „Und Raguhn-Jeßnitz will gar nichts zahlen.“ Einen Hilferuf habe man an alle 67 Mitgliedsvereine gestartet. Bisheriges Ergebnis: 1 000 Euro. Dennoch bleibt Richter Optimist: „Schließlich hat Kanzlerin Merkel gesagt, dass 80 Prozent der entstandenen Schäden reguliert werden.“

Doch längst nicht alle Pächter sind so trotzig-hoffnungsfroh. Viele haben resigniert, wollen ihre Parzelle aufgeben. Richter weiß das: „Ich habe Andeutungen von 80 Gartenfreunden, dass sie nicht weitermachen wollen.“ Natürlich versuche man, sie zu halten. Doch gerade bei älteren Leuten sei das nicht einfach. Noch aber sei keine komplette Anlage in Gefahr. Er hoffe, dass die Betroffenen den Mut haben, von vorn anzufangen. „Schließlich ist Gärtnern eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung. Und die Solidarität unter Gartenfreunden möchte hoffentlich keiner missen.“

Auch bei Sybille Richter in Jeßnitz sind etliche Kündigungen eingegangen. Die Pflege der Außenanlagen wird immer schwieriger, weil junge Leute fehlen, die mit Hand anlegen. „Und ich befürchte, dass wir auch finanziell als Verein ein Problem bekommen.“ Denn auch wenn die Zahl der Mitglieder und damit die Höhe der Einnahmen sinke, müsse man ja Pacht an die Stadt zahlen. Aus dem Rathaus aber bekomme man null Unterstützung. Früher war „Lauseborn“ eine Großanlage mit 130 Gärten, inzwischen sind es noch 70. Und bei allem Engagement der Pächter steht die Frage im Raum: Wie viele werden es in ein, zwei Jahren noch sein?

Quelle: mz-web.de

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