Archiv für August 27, 2013

Erfurt. Das Gros des Geldes aus dem Fluthilfefonds zum Wiederaufbau nach dem Juni-Hochwasser geht an die Kommunen. Sie erhalten aus dem Thüringer Fonds, in dem einschließlich der Soforthilfen rund 238 Millionen Euro stecken, 60,4 Millionen Euro.

Das Geld sei für den Wiederaufbau ihrer Infrastruktur bestimmt, sagten Finanzminister Wolfgang Voß und Bauminister Christian Carius (beide CDU) am Dienstag in Erfurt. Zuvor hatte sich die Landesregierung auf die Verteilung des Geldes verständigt, das nun per Antrag abrufbar sei.

Als weitere Posten stehen 49,5 Millionen Euro für die Wirtschaft, 33 Millionen Euro für Privathaushalte und Wohnungsunternehmen oder 23,4 Millionen Euro für die Infrastruktur des Landes zur Verfügung. Auch die entsprechenden Kriterien, nach denen das Geld vergeben wird, stünden fest, hieß es.

Quelle: thueringer-allgemeine.de

Informieren und nicht diskutieren oder streiten – das war am Montagabend in der Realschule Nord die Marschrichtung bei der Veranstaltung der Stadtverwaltung zu den geplanten Hochwasserschutzmaßnahmen. Kernbotschaften: Nur der innerstädtische Deichbau kann kurzfristig realisiert werden. Geschieht gar nichts, werden weite Teile der Innenstadt offizielles Überflutungsgebiet. Das käme in weiten Teilen einem Verbot von Bauprojekten gleich. Aber: Alternativer Hochwasserschutz ober- und unterhalb der Stadt muss sein. Alllerdings später – nach dem Deichbau.Die städtische Expertenriege mit Stadtbaurat Michael Nyveld, Stadtplanerin Anette Mojik-Schneede, Eckhard Dittmer von der Stadtentwässerung und dem externen Planer Rolf Rudorffer versuchten Überzeugungsarbeit pro Deichbau zu leisten. Die Horrorpläne von einst seien vom Tisch: Der Grüngürtel entlang der Este werde nicht abgeholzt und es entstünden keine Flutbollwerke mitten in der Stadt.
Michael Nyveld: „Das Ganze ist sogar eine städtebauliche Chance.“ Er nannte etwa den Stadtpark, der so eingedeicht werden soll, dass eine Art Amphitheater entstünde. Dort, wo es möglich ist – etwa an der Este in Höhe der Hansesteaße – bilden Straßen die Deiche, mitunter sollen sogar Häuser als Bollwerke gegen eine drohende Überflutung herhalten. Ein Teil der Vivergärten könnte nach der Baumaßnahme den Stadtpark vergrößern und überall dort, wo Spundwerke gebaut werden müssen, werden sie gestaltet. Etwa begrünt und verklinkert.
Verzichtet Buxtehude auf den Hochwasserschutz, wird das Land – das Verfahren ist auf der planerischen ielgeraden – förmlich Überflutungsflächen festsetzen. Das beträfe weite Teile der Innenstadt. Dort dürfen keine neuen Bebauungspläne mehr entwickelt werden und selbst ein schlichter Anbau an ein bestehendes Haus sei kaum noch möglich.

Eckhard Dittmer hatte sich mit den Alternativen zum Deichbau befasst. Mit Auffangflächen vor und hinter Buxtehude sei dem Hochwasserschutz tatsächlich Genüge getan. Die dafür notwendige Fläche von 9,4 Hektar für den Deichbau befinden sich aber auch auf Neu Wulmstorfer oder Jorker Gebiet. Buxtehude könne daher nicht einfach loslegen. Die Kosten für einen Polder unterhalb der Stadt stünden noch nicht fest. Überflutungsflachen oberhalb würden rund 7,7 Millionen Euro kosten. Das Investitionsvolumen für die innerstädtischen Deiche beziffert Dittmer auf rund 6,3 Millionen Euro.
Bürgermeister Jürgen Badur geht davon aus, dass 2014 das Vorhaben geplant werde. 2015 könnten die Deichbaumaßnahmen beginnen. Sie würden drei bis vier Jahre dauern. Während der Planungsphase könnten sich zudem Bürger alle mit Kritik und Vorschlägen einbringen.
Die Spitzen der Stadtverwaltung haben am Montagabend über die Deichbaupläne informiert und von vielen der rund 250 Zuhörer sogar Beifall bekommen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Deichbaugegner gewillt sind, die Stadt mit alternativen Maßnahmen vor Überflutung zu schützen. Sie wollen unter anderem ober- und unterhalb Buxtehudes weitläufige Überflutungsflächen schaffen.
Ihr Instrument ist das Bürgerbegehren. Dass es zu diesem Votum kommt, findet Bürgermeister Jürgen Badur, selbst überzeugter Befürworter des Deichbaus, richtig: „Das ist ein urdemokratisches Element“

Quelle: kreiszeitung-wochenblatt.de

Hilfsprogramm wird gut angenommen

Veröffentlicht: August 27, 2013 von fluthelfer in Bayern, finanzielle Hilfen

Seit knapp drei Wochen können Flutopfer Hilfen aus dem Bund-Länder-Aufbauprogramm beantragen. In den vom Juni-Hochwasser betroffenen Städten und Gemeinden wird das Programm gut angenommen.

Alleine bei der Stadt Passau sind in den letzten Tagen knapp 120 Anträge für die Aufbauhilfe eingegangen. Die ersten Bescheide wurden schon bewilligt.

Mehr als 380.000 Euro ausgezahlt

Mehr als 380.000 Euro wurden bereits ausgezahlt, teilte eine Sprecherin mit. Das Programm ist speziell für die Beseitigung von Gebäudeschäden gedacht. Bis zu 80 Prozent der Instandsetzungskosten werden aus dem Topf bezahlt. Für die restlichen 20 Prozent können Hochwasseropfer übrigens Darlehen bei der Förderbank Bayern-Landesbodenkreditanstalt zu einem Zinssatz von 0,25 Prozent beantragen.

Tausend Anträge in Passau erwartet

In Passau rechnen die Verantwortlichen damit, dass in den kommenden Wochen insgesamt bis zu 1.000 Anträge für die Aufbauhilfe eingehen werden. Im Landratsamt Deggendorf sind bereits mehr als 350 Anträge aufgelaufen, in dieser Woche soll hier das erste Geld fließen. In der Stadt Regensburg werden bis zu 100 Anträge erwartet, rund ein Fünftel davon ging bereits ein.

Allerdings zeigen sich jetzt auch erste Schwierigkeiten: Zahlreiche Unterlagen wurden unvollständig abgegeben und mussten zurückgeschickt werden, hieß es bei den Verantwortlichen in Deggendorf oder auch in Regensburg.

Quelle: br.de

Die Folgen der Flut für die Menschen

Veröffentlicht: August 27, 2013 von fluthelfer in Zentrale der Deutschen Fluthilfe

Der Wiederaufbau nach dem Hochwasser geht nur langsam voran

Die überfluteten Städte und Gemeinden kämpfen ihren Weg zurück in die Normalität. Der Aufbau ist aber teuer und geht nur quälend langsam voran. Und währenddessen stellen sich die Menschen die bange Frage: Lohnt sich das überhaupt? Oder sollte man die Orte besser aufgeben?

Auch wenn das Erdgeschoß inzwischen wieder schlammfrei ist und der neue Kühlschrank in der Küche steht, sind die Probleme für die vom Hochwasser Betroffenen damit nicht vom Tisch. Wie sieht es aus mit den Versicherungen? Zahlen sie auch beim zweiten großen Hochwasser? Kommt die finanzielle Unterstützung von Länder und Gemeinden bei den Menschen an? War die Unterstützung beim Aufräumen so groß wie beim Sandsäcke schleppen? Überlegt sich manch einer, aus der Gegend wegzuziehen, weil er nicht noch mal in seinem Haus im Wasser waten will? Diesen Fragen gehen unsere Korrespondenten in Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt nach.

Millionen für den Wiederaufbau
von Christoph Richter

Die brauen Elb-Fluten des Juni-Hochwassers haben in Elster bei Wittenberg eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Neben zwei Schulen hat es besonders die ortseigene KITA, das „Haus der kleinen Elbspatzen“, erwischt. Kniehoch stand das Wasser in dem verwinkelten blaufarbenen Flachbau. Kopfkissen, Teddys, Spielzeug und Möbel: Alles schwamm Anfang Juni in der stinkenden Brühe. Jetzt wird die einst 2,9 Millionen teure KITA von etwa 20 Hilfskräften mit Spitzhacke, Axt und Vorschlaghammer völlig entkernt.

„Hier wird alles rausgerissen. Muss alles neu gemacht werden. Fliesen, Fußböden, Heizung, Wände: Alles neu. Ist unten alles noch feucht.“

Auch der Gartenboden rund um die KITA muss möglicherweise ausgetauscht werden, so Bürgermeister Peter Müller. Denn niemand wisse, welche Schadstoffe die braune Brühe der Elbe eventuell mit angeschwemmt habe.

„Also wir machen jetzt noch viel in Eigenleistung. Ich geh davon aus, dass wir unter einer Million Euro liegen werden.“

Versicherungen gegen das Hochwasser gab es nicht

Der parteilose Bürgermeister Peter Müller rechnet die Schadenssumme klein. Ganz anders die Gutachter. Sie sprechen von Kosten in einer Höhe von etwa 1,3 bis 1,5 Millionen Euro, die auf die Verbandsgemeinde Zahna-Elster zukämen. Peter Müller kennt die Zahlen und nickt.

„So isses.“

Eine Hochwasser-Versicherung gab es nicht. Die Sanierung wird daher aus Mitteln des Fluthilfefonds, Spenden und EU-Geldern finanziert. Peter Müller garantiert aber:

„Wir werden die Einrichtung wieder sanieren und wieder herrichten so wie sie war.“

Vor einem Jahr erst wurde die Integrations-KITA nach einer mehr als 5-jährigen Planungs -und Bauzeit eröffnet. Gebaut wurde sie nach modernsten Standards, hier konnten 160 Kinder mit oder ohne Behinderung betreut werden. Die Böden waren mit einer Fußbodenheizung ausgestattet, neben einer Kinder-Werkstatt gab es im „Haus der kleinen Elbspatzen“ sogar einen sogenannten Snoezelraum. Das kommt aus den Niederlanden und ist so was wie ein meditativer Rückzugsraum, der die Sinneswahrnehmung der Kinder anregen soll.

Bereits beim Bau der KITA haben viele Anwohner mit dem Kopf geschüttelt. Umso verwunderter sind sie heute, warum man eine derart moderne und topausgestattete KITA in eine 30 Zentimeter tiefe Kuhle, also in das Flutungsgebiet der Elbe gebaut hat. Wo man doch wisse, dass der Ort in den letzten 10 Jahren bereits viermal geflutet wurde, ergänzt die ehemalige Lehrerin Gerda Röder, die nur ein paar Gehminuten von der KITA entfernt wohnt.

„In eine Senke hinein, in der immer schon Wasser stand. Das hätte ja ein bisschen teurer werden müssen, wenn man es hoch baut. Aber das Geld war dann nicht mehr da. Aber dafür gibt man jetzt die Millionen wieder aus, um zu sanieren. Das ist traurig.“

Absurd. Bekloppt sagen andere. Aber erst wenn das Mikrofon aus ist. In Elster herrscht ein Klima der Angst, denn kaum einer will sich zu diesem Thema öffentlich äußern. Der parteilose Bürgermeister Peter Müller kann die Kritik dagegen überhaupt nicht verstehen. Von einem Versagen könne keine Rede sein, sagt er.

„Eigentlich waren wir der Meinung, diese Einrichtung ist hochwassersicher gebaut worden. Aber letztendlich mussten wir feststellen, dass wir dort 30 Zentimeter unter dem Hochwasserniveau von 2002 waren. Wenn jetzt Leute sagen, warum habt ihr dahin gebaut? Ganz einfach: Da ist die Grundschule, wir haben die Sporteinrichtungen, wir haben das Veranstaltungshaus, den Jugendclub, wir haben Freizeiteinrichtungen: Alles in einem komplexen Bereich. Und deswegen war es der Standort, der von Anfang an vorgesehen war.“

Stoisch wird wieder auf den überfluteten Flächen gebaut

Gebaut wurde die KITA unter anderem von der Planerin Sabine Panier. Nach deren Angaben sei es rechtlich völlig in Ordnung gewesen, in Überschwemmungsflächen zu bauen. Bürgermeister Peter Müller gesteht aber:

„Nichtsdestotrotz hätte die Einrichtung höher gebaut werden müssen. Das müssen wir eindeutig so sagen.“

Trotzdem hält er stoisch an der Sanierung fest. Obwohl es in Elster bei Wittenberg bis jetzt lediglich ein Hochufer und keinen Deich gibt. Der soll erst gebaut werden und soll frühestens 2015 fertig sein. Würde allerdings bereits im kommenden Winter oder Frühjahr das nächste Hochwasser kommen, dürfte es erneut um die KITA geschehen sein. Weswegen man in Elster hofft und betet, in naher Zukunft vom Hochwasser verschont zu bleiben. Doch ganz teilnahmslos will man nicht auf die nächste Flut warten, verspricht Bürgermeister Peter Müller.

„Das erste Wasser, das in die Einrichtung kam, ist durch den Abwasserkanal in die Einrichtung gekommen. Wir werden dort einen Schieber vorsehen, damit kann das Wasser nicht durch den Abwasserkanal kommen. Und wir werden dann, um die Einrichtung rundum entsprechende Maßnahmen treffen, dass das Wasser nicht an die Einrichtung herankommt.“

Welche Maßnahmen das konkret seien, wisse man aber noch nicht. Im kommenden Frühjahr jedenfalls soll die KITA „Haus der kleinen Elbspatzen“ im idyllischen Elster bei Wittenberg wieder seine Pforten öffnen. Aber vielleicht sollten die Knirpse einfach in der alten KITA bleiben, wo sie derzeit übergangsweise betreut werden. Denn diese liegt höher und wurde daher – das ist die etwas andere Fußnote – trotz des hohen Elb-Pegels von dem Juni-Hochwasser nicht geflutet.

In Grimma sind die Flutschäden noch sichtbar
von Ronny Arnold

„Hellere? Nein, hellere soll ich nicht nehmen. Das ist ein fast schwarzer Anzug, das würde nichts werden. Okay. Ich bedanke mich. Tschüss.“

Eng ist es im kleinen Schuhladen von Beate Mätzold. Laden ist eigentlich gar nicht das richtige Wort, die Mitte 50-Jährige nennt die paar Regale im 1. Stock ihres Hauses schlicht Notverkauf.

„Unten im Geschäft hatten wir jede Menge Platz und das musste immer hoch, hoch, hochgeräumt werden. Selbst in unserer Wohnung ist alles Büromaterial, Hefter, Kopierer.“

Seit Wochen berät Beate Mätzold ihre Kunden auf diesen wenigen Quadratmetern, an den dicht aneinander gereihten Schuhpaaren kleben Discountzettel.

„Im Moment haben wir alles reduziert und das ist schon ein Einbruch. Also wir geben die Ware im Prinzip weiter, ohne Gewinn einzufahren. Also dass wir etwas Geld haben, das tun wir natürlich sparen und aufheben für den Wiederaufbau. Wie lange halten Sie das noch durch? Ja, wir haben ein Ziel, Oktober, November, zur Wiedereröffnung. Und leben tun wir einfach und schlicht, ohne Komfort. Also die Lebensqualität ist schon unten.“

Ob die Hilfsgelder kommen, wissen sie nicht

Zwei Häuser besitzt Familie Mätzold direkt in der Grimmaer Innenstadt, beide haben Schuhgeschäfte im Erdgeschoss – und beide hat die Flut nach 2002 nun erneut verwüstet.

„Also die Ausmaße sind dieselben wie vor elf Jahren. Die Wände und Fußböden sind genauso nass wie damals. Das Wasser stand zwar nicht so hoch, aber wir machen dieselben Baumaßnahmen wie damals. Es musste alles raus, die Wände mussten abgehackt werden, Trockenbauwände raus und der Fußboden. Wir hatten die ganze Zeit Bautrockner an, um Nässe zu sammeln in Eimern. Und im Moment haben wir mehr diese Ventilatoren an, damit die Luft sich bewegt.“

Den Gesamtschaden schätzt Beate Mätzold auf mehrere Hunderttausend Euro. In den nächsten Tagen wollen sie und ihr Mann einen Antrag auf Hilfsgelder bei der Sächsischen Aufbaubank stellen. Ob und wenn ja wann sie etwas bekommen, wissen sie nicht.

Gleich gegenüber in der Langen Straße, Grimmas Einkaufsmeile, kniet Horst Fischer neben der Eingangstür von Fischers Wäschetruhe. Das Modegeschäft ist leer, nur ein paar Regale stehen noch herum – unermüdlich kratzt der 70-Jährige die Wände ab.

„Jetzt mach ich hier die Farbe ab, weil das 2002 mit Sanierputz geputzt worden ist. Die Bohrung hat ergeben, dass die Steine trocken sind. Ich mache viel selber, in Eigenleistung und das hilft doch schon ein bisschen.“

Den Schaden am Haus, das der Familie gehört, schätzt Fischer auf etwa 45.000 Euro, was seine Frau Brigitte neben ihm durch ein Nicken bestätigt. Sie ist die Geschäftsinhaberin.

„Er steht von früh bis Abend im Laden, macht, was er machen kann, damit wir die Kosten nach unten senken können. So sieht das aus. Wir sind beide 70, machen trotzdem weiter. Was wollen sie machen? Die Häuser müssen vermietet werden, ist ja überall noch Kredit drauf und dann noch den Aufbau, das ist schon schwer.“

„Man ist auf sich selbst gestellt.“‚

Auch die Fischers wollen im Herbst wiedereröffnen, einen Antrag bei der Aufbaubank haben sie bereits gestellt. Nun warten sie ungeduldig auf Geld aus dem Hilfsfonds des Bundes, in den nächsten Tagen sollen die ersten Bescheide verschickt werden. Ob sie etwas bekommen, wissen auch die Fischers nicht.

Das Hauptthema: Wer bleibt, wer geht weg

Nur sehr langsam kehrt das Leben in die nach 2002 abermals heftig vom Hochwasser getroffene Grimmaer Innenstadt zurück. Nur wenige Geschäfte hat die Flut verschont, etwa 300 Einzelhändler sind direkt betroffen. Immer wieder bleiben Passanten und Nachbarn vor Fischers Wäschetruhe stehen. Die Flut und ihre Folgen ist das Hauptthema in der Langen Straße – wer macht weiter, wer will weg.

„Also der Eismann wollte ganz weggehen, aber er macht auch Straßenverkauf. Der Friseur geht weg, es sind schon etliche weg. Das Herrengeschäft, die kann auch nicht, das ist ein Riesenladen, steht alleine da. Das Kino hinten, der hat ja noch von 2002 Kredit. Also die sind wirklich darauf angewiesen, dass jetzt was kommt. Was bedeutet das für Grimma? Ja, das bedeutet, dass immer weniger Kunden in die Stadt kommen. Die zieht es immer weiter, nach Leipzig, das wird für uns dann traurig. Da müssen wir dann auch zumachen, wenn wir keine Umsätze mehr haben.“

Doch noch geben sie in Grimma nicht auf. Und immer wieder erklimmen vereinzelt Kunden die Treppen hinauf in die provisorischen Geschäfte der Händler. Auch auf dem Markt stehen ein paar Verkaufsstände, dazwischen offensichtliche Gäste der Kleinstadt, zu erkennen an umgehängten Digitalkameras. Ob er vielleicht ein verspäteter Katastrophentourist sei? Klaus Brause aus der Schweiz verneint.

„1957 bin ich hier weg und meine Gattin, die ist hier geboren in Grimma. Wir waren zum Beispiel da jetzt in dem Blumenladen, wenn man mit denen redet, es ist schon schrecklich, dass das jetzt nach 2002 schon wieder passiert. Ist schon Aufbruchstimmung oder ist es eher vorbei? Nein, ich denke nicht. Wir waren 2004 hier und da haben wir gesehen, dass die diese Kraft schon gebracht haben, das wieder aufzubauen. Und ich nehme an, es wird auch wieder aufgebaut werden.“
Die Schutzwand soll erst in drei Jahren fertig sein

Es wird aufgebaut, bis Ende des Jahres wollen viele Händler wieder in ihre trockengelegten Geschäfte einziehen. Wichtig sei nun vor allem, so hört man an fast jeder Ecke der Innenstadt, dass die Schutzwand endlich fertig wird. Die soll Grimma in Zukunft vor Hochwasser schützen, in gut drei Jahren könnte sie fertig sein – wenn es keine weiteren Verzögerungen gibt, sei es aus Geldmangel oder weil wieder irgendwer dagegen klagt. Horst Fischer ist optimistisch, dass es jetzt endlich vorwärts geht.

„Wir haben eine Interessengemeinschaft gebildet in Grimma und die sind dafür, dass so schnell wie möglich die Schutzwand gemacht wird. Ich denke, wenn das noch mal kommt, dann können sie aus Grimma-Altstadt ein Museum machen.“

Flutopfer-Tourismus in Brandenburg
von Axel Flemming

Die alte Ölmühle in Wittenberge im Nordwesten Brandenburg, hinter den roten Backsteinbauten fließt die Elbe. Heute Hotel und Veranstaltungsort, ehemals Industrie und Handelsplatz. Seit 1856 wurden hier Lebensmittel umgeschlagen, die das Industriestädtchen und die Region versorgten. Rohstoffe wie Lein, Raps und Rüben kommen aus der ländlichen Umgebung. Die Fabrik überlebt die Wende nur kurz, wird 1991 geschlossen, seit 2006 wird das Gebäudeensemble touristisch genutzt – nach und nach. Eine Idee von Gesellschafter Lutz Lange:

„Sobald irgendetwas fertig war, haben wir auch sofort mit dem Betrieb angefangen. Wir hatten erst nur den Turm, dann den Speicher, dann das Brauhaus dann das Hotel und dann den Kletterturm und jetzt folgt der Tauchturm. Wir haben eine tolle Lage: Elberadweg/ Elbe, das zweite ist: Wir haben ein total geschichtsträchtiges ehrwürdiges Gebäude, das dritte ist, wir brauen eigenes Bier wir werden auch eigenen Schnaps brennen und das vierte sind die Aktivitäten…“

…zum Beispiel die Elblandfestspiele, eine beliebte Musikveranstaltung, die in diesem Jahr fast ins Wasser gefallen wäre, und das im wörtlichen Sinne, hätte sich das Elbehochwasser um einen Monat verspätet.

Auch die Kanzlerin kam

Denn im Juni 2013 ist direkt hinter der Ölmühle der Platz, an dem Sandsäcke gefüllt werden. Brauhaus und Hotel versorgen die Helfer, täglich bis zu tausend Freiwillige aus Wittenberge, der Prignitz und ganz Deutschland. Die füllen von Sonnenaufgang bis tief in die Nacht hunderttausende Sandsäcke mit Kies, der eigentlich für das angrenzende Baugebiet vorgesehen ist.

Am 10. Juni kommt sogar die Kanzlerin, um sich über die Situation im Hochwassergebiet in der Prignitz zu informieren.

„Der Ministerpräsident hat gesagt, dass dies die Sandabfüllstelle mit der besten Stimmung ist, das kann er durch seine wirklich lange Erfahrung sehr gut einschätzen und das …“

„Wurde bestätigt“

„…ist auf sehr viel Zuspruch gestoßen, dass dann sofort gejubelt wurde.“

Gemeinsam mit Matthias Platzeck spricht sie mit Helfern und Verantwortlichen.

„Dankeschön, dass ich mit hier auch das anschauen kann und das ist beeindruckend erst mal, was die Menschen anbelangt. Sowohl die freiwilligen Helfer, aber natürlich auch die, die das professionell organisieren: Landrat, Bürgermeister, die Wehren, die Bundeswehr, die – alles was dabei ist. Leider gibt es ja schon Erfahrungswerte, aber man muss auch sagen, man hat die Lehren gezogen, und gerade hier zeigt sich das ja ganz eindrücklich, das es gelungen ist in so kurzer Zeit hier diesen hoben Deich doch aufzuschütten ist ein Wunderwerk, muss man sagen und wenn man überlegt…“

„Und die Rückverlegung“

„Brandenburg hat eben in den letzten Jahren die Schlussfolgerungen gezogen, Deiche rückverlegt, dem Fluss Raum gegeben und das zahlt sich jetzt aus.“

Wegen des Hochwassers blieben die Touristen aus

Das Gute: Größere Schäden können verhindert werden. Das Schlechte: Die Bilder vom Elbe-Hochwasser gehen durchs Fernsehen in die Welt, viele Urlauber stornieren ihre schon gebuchten Reisen in die Region. Dieter Hütte, Chef der Tourismus Marketing Brandenburg:

„Was wir sicherlich belastbar sagen können, dass insbesondere die Gastronomie auf jeden Fall gelitten hat, weil schlichtweg einfach in der Zeit des Hochwassers kein Tourismus stattfinden konnte.“

Allerdings bleiben die Gäste auch darüber hinaus weg. Die Tourismusbranche als Hochwasser-Opfer:

„Ein Zweifaches: direkt, aber was uns am meisten überrascht hat, dass wir doch feststellen mussten, dass bundesweit doch die geografischen Kenntnisse noch durchaus ausgebaut werden können. Also wir haben also auch Stornierungen gehabt in Bereichen, wo definitiv kein Hochwasser war, beispielsweise am Oder-Neiße-Radweg. Aber das war eben nicht nur ein Phänomen, was wir in Brandenburg gehabt haben, sondern was unsere Kollegen auch in Sachsen, Sachsen-Anhalt und auch in Mecklenburg-Vorpommern feststellen mussten. Ja, sogar die deutschen Zentrale für Tourismus hat ja Anfragen gehabt in Japan, ob ganz Deutschland unter Hochwasser sei.“

Aus der Not eine Tugend machen: Werbung mit dem Hochwasser

Gegen Desorientierung und schlechte Information hilft nur: Information. Die Tourismus-Marketing Brandenburg dreht Videos und verbreitet sie im Internet:

„Man macht zwei Dinge: Erst mal die Touristen informieren, wie sieht es wirklich aus, wir haben sofort mit den Kollegen vor Ort auch reagiert und haben die modernen Medien wie Blogs drüber berichtet, welcher Radweg ist gerade aktuell gesperrt, wo kann man eine Alternative anbieten. Und das Zweite war, dass wir dann auch sofort auch aufgezeigt haben, man kann jetzt wieder alles nutzen, und die Leute darüber aufzuklären, wenn sie jetzt Urlaub machen, sie auch 100 Prozent Urlaub in Brandenburg bzw. in der Prignitz bekommen.“

Lutz Lange hat in der Ölmühle Wittenberge aus der Not eine Tugend gemacht, seinen eigenen Weg gefunden, Tourismus und Hochwasser wieder zu vereinen. Die Erinnerung an den Kampf gegen das Elbehochwasser, Katastrophenalarm und Teilevakuierung dokumentiert er im Getreidespeicher direkt am Wasser. Er zeigt auf ein Foto an der Wand und blickt dann aus dem Fenster:

„Das Gebäude sehen wir genau drüben auf der anderen Seite. Und das war bis über die Fenster voll. Und jetzt schauen Sie mal raus, dann sehen Sie mal, wie viel Wasser hier auch drinne war, Das ist also enorm – jetzt sind sogar oben die Stelzen frei.“

„Symbol für das Zusammenstehen der Menschen“

Glas-Tischplatten liegen auf Big-Packs, die Hubschrauber sonst aus der Luft abwerfen. Die Gäste sitzen im Sandsack, schlürfen Cocktails und gucken Filme über das Hochwasser:

„Wir haben also alte Sandsäcke gewaschen, gereinigt, mit Papier gefüllt, so dass also bedient wird. Hier ist Service und nebenbei haben wir informiert über das was kommt, haben hier noch mal so eine Sandschippe-Aktion dargestellt. Das heißt, wir haben wirklich so unsere Sandsäcke gefüllt und können auch mal probieren. Und gerade die von weiter weg vom Hochwasser kommen für die ist es was ganz Neues.“

Ein bisschen pathetisch schreibt er auf der Internetseite des Hotels: „In dieser Zeit hat sich die ‚Alte Ölmühle‘ als ein Zentrum der Deichverteidigung und als Symbol für das Zusammenstehen und für die Hoffnung an das Gute für Prignitzer und Menschen aus ganz Deutschland entwickelt.“

Sogar kleine Sandsäcke aus Jute hat er nähen lassen. Aufschrift: „Flutkatastrophe 2013“.

Quelle: dradio.de

Eine alte Idee lebt wieder auf: Ein internationaler Fonds soll für Klimaschäden aufkommen. Das klingt zunächst gut, doch der Nachweis ist schwer zu führen.

Das Hochwasser entlang von Elbe, Donau und ihrer Nebenflüsse ist abgeflossen. Nach aktuellen Schätzungen hinterlässt es in Deutschland Schäden von knapp sieben Milliarden Euro. Zahlen werden die öffentliche Hand, Versicherungen, natürlich die Betroffenen selbst und viele Spender. Da wäre es doch gut, wenn auch der Internationale Entschädigungsfonds für die Folgen des Klimawandels zahlen würde.

Noch nicht gehört? Tatsächlich diskutieren Klimapolitiker seit Jahren eine solche Idee: Die großen Kohlendioxidproduzenten zahlen Geld in einen großen Topf.

Daraus werden dann, zumindest teilweise, Schäden bezahlt, die dem Klimawandel zuzuschreiben sind. Wie so ein zentraler Fonds funktionieren könnte, dazu gibt es immer wieder Vorschläge. Erst neulich haben Detlef Sprinz und Steffen von Bünau vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung ein Konzept veröffentlicht.

Es funktioniert wie eine Versicherung. Wer viel CO2 ausstößt, zahlt viel ein, was im Gegenzug die Minderung der Emissionen attraktiv machen soll. Jedes Land, das mitmacht, hat zugleich Anspruch auf Entschädigungen. Deren Höhe orientiert sich am „CO2-Gepäck“ der Fonds-Mitglieder. Wenn also die teilnehmenden Länder nur für 30 Prozent des globalen Kohlendioxidausstoßes verantwortlich sind, übernimmt er nur 30 Prozent der benötigten Summe.

Das klingt alles fair. Nur, kann das funktionieren? Wie schwer es ist, gute Absichten zur Tat werden zu lassen, zeigt das Beispiel der jüngsten Flut. Da ist es keineswegs klar, ob sie tatsächlich eine Folge des Klimawandels ist oder doch „nur“ ein Hochwasser war, wie es sie bereits in vorindustrieller Zeit gab. Sie reichte an vielen Stellen höher als viele Fluten vor ihr, an anderen aber nicht. Waren die neuen Rekordpegel das Plus, das der Klimawandel auf ein „normales Hochwasser“ draufgelegt hat, oder war es ein ungünstiges Zusammenspiel natürlicher Faktoren, das die reale Welt nun einmal ausmacht? Keiner kann diese Fragen verlässlich beantworten. Aber genau das wird von dem „Klimagericht“ gefordert, das dem Konzept zufolge darüber entscheidet, ob es einen ursächlichen Zusammenhang mit dem Klimawandel gibt.

 

Klimaschäden schwer beweisbar

Es hätte sich nicht nur mit Flusshochwassern zu befassen, sondern auch mit Stürmen oder Dürren, die Simulationen zufolge häufiger auftreten werden. Doch der statistische Nachweis ist bei so extremen (und damit seltenen) Ereignissen schwer zu führen, vor allem nicht für alle Regionen der Erde. Dafür sind der Beobachtungszeitraum häufig zu kurz und die Ursachen zu komplex. So ist die Häufung von Hurrikanen im Nordatlantik nicht allein mit der Erderwärmung verknüpft. Seit die Luftverschmutzung durch die Industrie zurückgeht, gibt es weniger Aerosole, was letztlich die Entwicklung von Hurrikanen begünstigt, wie kürzlich britische Forscher berichteten.

Bemerkenswert an dem Konzept des Klimafonds ist, dass er nicht nur nach Schadensfällen zahlen, sondern auch Vorsorgemaßnahmen finanzieren soll. Ein Ansinnen, das unbedingt zu unterstützen ist. Wenn etwa Bangladesch seinen Küstenschutz verbessert, um dem steigenden Meeresspiegel zu begegnen, ist der Gewinn offensichtlich. Auch der Zusammenhang mit der Erderwärmung ist bei den steigenden Pegeln einfach zu führen. Wie beschrieben, ist das bei anderen Naturereignissen komplizierter. Dürfen die Anwohner großer Flüsse darum kein Geld aus dem Fonds für ihren Hochwasserschutz erhalten? Das wäre ungerecht. Selbst wenn, was soll damit bezahlt werden? Höhere Deiche, die den Schaden flussab vergrößern, oder die Renaturierung von Siedlungsflächen, um Platz für die Wassermassen zu schaffen?

Offensichtlich sind die Folgen des Klimawandels und die Möglichkeiten, ihm zu begegnen, zu komplex, um sie über einen zentralen Fonds zu managen. So lange sind überschaubare, bürokratiearme Projekte, die jeweils auf eine bestimmte Region zugeschnitten sind, die bessere Wahl. Für die Betroffenen, weil ihnen zügig geholfen wird, aber auch für die Geber, die sehen, dass ihr Geld sinnvoll eingesetzt wird – oder es künftig in andere Projekte investieren.

Quelle: tagesspiegel.de