Pirna trocknet dem Herbst entgegen

Veröffentlicht: August 18, 2013 von fluthelfer in Hochwasserfolgen, Sachsen

Das Elbehochwasser stand lange in der Stadt und traf vor allem die Geschäftsleute. Die Mauern der Läden trocknen langsam, aber in ein paar Wochen soll das normale Leben wieder beginnen.

Aus dem Hauseingang mit der Nummer 10 dringt das schrille metallische Rasseln eines Bohrhammers auf die Lange Straße in Pirna. Das spätgotische Bürgerhaus von 1730 hat schon wer weiß wie viele Hochwasser der Elbe überstanden, denn die Lange Straße steht fast immer unter Wasser, wenn der Fluss über die Ufer tritt. Zuletzt 2006 bei dem „Zwischenhochwasser“ und eben dieses Jahr wieder. Nun werden abermals die Spuren und Schäden beseitigt. Gegenüber auf der anderen Straßenseite liegt ein Schaufenster dunkel.

Da war einmal ein Kosmetikladen. Durch die blinden Scheiben ist der frühere Verkaufsraum zu erkennen, bis auf eineinhalb Meter Höhe ist der Putz abgeschlagen. Je weiter man in die historische Altstadt Pirnas kommt, desto mehr dunkle Schaufenster. An der Dohnaischen Straße, der Geschäftsstraße, die direkt zur Elbe führt – wo auch Bundeskanzlerin Angela Merkel war, als das Wasser ihr noch entgegen kam – ist aus geöffneten Ladentüren noch immer das rauhe Gebläse der Trocknungsgeräte zu hören. Vereinzelt bunte Schilder: „Wir haben geöffnet“.

Wie ein Weihnachtsmarkt im Hochsommer

„Acht Wochen ging das Ungemach – nu’s wieder uff ab Donnerschdach – und däden uns ooch sehre freuen – Sie wie vorher scheen zu betreuen“, heißt es an einem Bekleidungsgeschäft. Am Markt steht das Schuhhaus Eppstädt leer. In dem weiträumigen Geschäftsraum rührt sich nichts. „Es muss trocknen“, sagt später Kerstin Emmrich, die Tochter der Eigentümerin. „Sie finden uns im Hüttendorf auf dem Marktplatz“, heißt auf einem Schild. Vor dem Pirnaer Rathaus wirkt das Hüttendorf wie ein Weihnachtsmarkt im Hochsommer. Tatsächlich sind die Verkaufsstände aus dem Lager geholt worden, wo sie auf den nächsten Weihnachtsmarkt warteten.

Jetzt werden daran Blumen und Gemüse, Kleider und Haushaltswaren und eben Schuhe verkauft. „So können wir wenigstens unsere Sommerkollektion anbieten“, sagt Kerstin Emmrich. Zwei Plastikstühle und ein grüner Kunststoffläufer dienen zur Anprobe. Die junge Frau erzählt: In der Woche, als das Wasser kam, wollte das Schuhhaus den 80. Jahrestag seines Bestehens feiern. Die Ware für den Sonderverkauf war schon ausgepackt, und die ganze Familie war am Sonntag damit beschäftigt, kleine Präsente für die Kunden zu packen – bis am Mittag die Hochwasserwarnung kam.

Dann brachte die Familie die Schuhe in Sicherheit. Es ist nicht viel Betrieb zwischen den Verkaufsbuden. „Wir wollen aber zeigen, dass es weitergeht“, sagt Kerstin Emmrich. Nein, sie wollen sich nicht geschlagen geben vom Wasser und den Naturgewalten. „So viel Anfang war noch nie,“, fasst Stadtsprecher Thomas Gockel die Stimmung zusammen. Rund um den Marktplatz haben die Restaurants, Gasthöfe und Imbisslokale die Sommermöbel auf die Straße gestellt. In den Gaststuben bietet sich dasselbe Bild: Baustelle, abgeschlagener Putz, Trocknungsgeräte. Unter den Sonnenschirmen aber lässt es sich gut aushalten.

Der schöne Sommer macht es leicht, das Leben nach draußen zu verlagern. „Man muss ja auch mal Glück haben“, sagt Uwe von Schröter vom „Café und Bistro“. Doch etwa zwei Drittel der Stühle sind leer. Die Touristen, für die Pirna sonst eine feste Station ist, kommen nicht. Auch der städtische Touristen-Service nebenan verzeichnet 30 Prozent weniger Besucher, berichtet Antje Pötschke, die Leiterin. Die Stornierungswelle habe gleich mit dem Hochwasser eingesetzt.

„Viele wollen nicht als Gaffer erscheinen“

„Da haben auch Leute abgesagt, deren Quartiere gar nicht vom Hochwasser getroffen waren“, sagt sie. Obwohl in Pirna alle touristischen Ziele vom Hochwasser unbeschadet geblieben sind, und obwohl der Elbe-Radweg wieder zu befahren ist, bleiben die Besucher weg. „Viele wollen nicht als Gaffer erscheinen oder bei den Aufräumarbeiten im Weg stehen“, mutmaßt sie über die Motive. Manches bekommt sie bei den telefonischen Anfragen zu hören. „Aber gerade jetzt brauchen wir die Besucher.“ Erst am Ende des Jahres wird man eine Bilanz ziehen können.

Das Wasser hat viele Tage in der Pirnaer Altstadt gestanden und ist tief ins Mauerwerk eingedrungen. Das muss jetzt trocknen, das dauert und ist kaum zu beschleunigen. In Pirna traf das Hochwasser überwiegend Geschäftsleute, denn im Parterre der Häuser liegen eben die Geschäftsräume.

Fast alle konnten ihre Waren und die Einrichtung rechtzeitig in Sicherheit bringen, aber die Böden quollen auf, die Mauern sind nass. Oft sind die Geschäftseigentümer auch die Hauseigentümer. Während Mieter sich flutsichere Quartiere suchen konnten, bleibt den Hausherren gar nichts anderes übrig, als weiterzumachen.

„Wir wollen wieder Leben in die Stadt bekommen“, sagt Oberbürgermeister Klaus-Peter Hanke. Dazu hat man kürzlich schon das traditionelle Hoffest genutzt, bei dem Privatleute ihre versteckten Höfe öffnen und die Gäste bewirten. Zum ersten Mal stand das Fest unter einem Motto: „Wir sind wieder aufgetaucht“. Ausnahmsweise waren auch die Geschäftsleute geladen, ihr Sortiment anzubieten. Die übliche Verkaufsnacht, die sonst Anfang September stattfindet, wurde auf Ende des Monats verschoben. Es soll der Startschuss werden für ein wieder „normales“ Geschäftsleben in Pirna.

Quelle: faz.ne

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