Mit dem Kopf durch die Wand

Veröffentlicht: August 12, 2013 von fluthelfer in Hochwasserfolgen, Sachsen-Anhalt

Das Ehepaar Müller war nach dem Deichbruch bei Klein Rosenburg schwer von dem Juni-Hochwasser betroffen. Uwe Müller kämpft nun um sein Heim und jede finanzielle Hilfe.

Klein Rosenburg/Bernburg/MZ. 

„Klingeln oder rufen, ich bin wie immer im Garten“, steht auf einem provisorischen Pappschild am Zaun eines Grundstücks in Klein Rosenburg. Hält man kurz inne, bemerkt man die unnatürliche Unruhe in dem kleinen Dorf. Es wird gehämmert und gesägt, am Straßenrand stehen Transporter von Handwerksunternehmen und überhaupt ist viel los. Und das bei weit über 30 Grad.

Das provisorische Schild fordert zum Klingeln auf und sogleich ruft es aus dem Garten: „Ich bin hier, ich komme Ihnen entgegen.“ Das Schild und die Stimme gehören Uwe Müller. Der 57-Jährige lebt seit 19 Jahren in diesem Haus. Es ist sein Heim – gewesen. Mit dem Juni-Hochwasser wurde alles zerstört. Wo das Wasser herkam? Von überall, denn unweit von Klein Rosenburg mündet die Saale in die Elbe. „Niemand hat geglaubt, der Deich könnte brechen“, so Müller. Doch am Sonntag, 9. Juni, brach der Deich bei Klein Rosenburg am frühen Morgen. Und das Grundstück von Uwe Müller lief voll.

Mit dem Rollstuhl fährt der 57-Jährige nun über die Wege im Garten. Die Übergänge zu den Steigungen sind hart. Er muss aufpassen, nicht umzukippen. „Früher“, so sagt er, „war da ein weicher Übergang. Alles weggespült.“ Die Wege sind genau so breit, dass er gut durchkommt. „Ich brauche keine Hilfe. Ich fahre hier seit 19 Jahren durch und wer weiß, wie oft ich schon hingefallen bin“, sagt der Mann grinsend. Er lädt zum Kaffee auf dem mit Folien beschlagenen Fundament ein, was mal eine Terrasse vor einem Gartenhaus gewesen sein soll. Über Wochen hat das Wasser gestanden und hat nichts übrig gelassen.

Das Haus ist jetzt nur noch im Rohzustand. Nur mit Gehhilfen kann Uwe Müller gerade so in das Haus, um die Trockner anzustellen. Die Hauseingänge liegen Zentimeter weit über dem Boden, alles musste rausgenommen werden. Auch der Putz wurde bis zu 1,30 Meter hoch abgehackt. Nur ein Paar Rohre schlängeln sich durch das Haus. „Heute kam der Bauleiter freudestrahlend auf mich zu“, fängt er an zu erzählen. Er habe gesagt, zu Weihnachten könnten sie wieder einziehen. Die Freude teilt Uwe Müller nicht.

Kämpferisch

Die Flut ist die eine Sache. „Wir wohnen im Hochwassergebiet. Dass man da nicht immer gut wegkommen kann, ist klar.“ Der 57-Jährige kämpft aber nun um jede finanzielle Ausgabe, jeden Tag. Es ist der Kampf um seine Selbstständigkeit. Die Gutachter kommen und gehen, die Telefonate sind zahlreich und die Versicherung zahlt oder eben nicht. Aber Uwe Müller ist pragmatisch, vor allem aber kämpferisch. „Man sagt doch: ,Nicht mit dem Kopf durch die Wand’. Ich komme durch!“

Vieles kann er nicht selber machen, da ihn eine Krankheit an den Rollstuhl bindet. Und dennoch kommt er jeden Tag und tut, was er eben kann, aus dem Rollstuhl oder kniend auf dem Boden. Mitleid ist hier fehl am Platz. Hin und wieder fragt er Nachbarn um Hilfe, aber er will so viel wie möglich selbst erledigen: Er reinigt den Garten und die Sandkiste, damit seine Enkel wieder darin spielen können. Den Zaun hat er auch schon vom grauen Schlamm befreit.

Uwe Müller hat die 2 000 Euro Soforthilfe erhalten, wie jeder Hausbesitzer – mehr nicht. Er wandte sich an den Bernburger Torsten Sielmon. Der ehrenamtliche Behindertenbeauftragte des Salzlandkreises ist 2008 vom Kreistag gewählt worden und kümmert sich um die Belange der Behinderten in der Region. Bei einer Veranstaltung Mitte Juli, auf der Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Hartmut Möllring (CDU) über Hilfen informierte, war auch Sielmon anwesend. Er hatte gehört, dass es in anderen Ländern spezielle Fördertöpfe gebe. Für Menschen, die vom Hochwasser betroffen sind und eine Behinderung haben. Durch die Reihen ging an diesem Abend nur Kopfschütteln, so etwas gebe es nicht in Sachsen-Anhalt. Sielmon habe sich aber so gut er konnte für Uwe Müller eingesetzt, so dass dieser eine Spende von anderer Stelle erhielt. „Dafür bin ich so dankbar“, sagt er. Überhaupt sei er überwältigt von Menschen, die auf ihn zukommen und ihm einfach Dinge in die Hand drücken. „Niemand will etwas dafür, nicht einmal ein Danke.“

Nur langsame Fortschritte

Das Haus, in dem er mit seiner Frau bis Anfang Juni wohnte, ist ebenerdig. Anders ginge es auch nicht mit dem Rollstuhl und den Gehhilfen. Daher sei der Schaden so immens. Mit etwa 95 000 bis 100 000 Euro rechnet Müller nun. Und nur langsam geht es voran. Anfang August waren die Trockner zwei Wochen im Gebäude. Die Messung an den Mauern zeigte aber noch immer eine Feuchtigkeit von 76 Prozent an. Daraufhin habe er mehr Putz entfernt, sagt Uwe Müller. Nun sollte es schneller gehen. „Ich habe einen Fliesenleger und Türenbauer. Sie stehen alle in den Startlöchern“, so Müller. Aber es gehe nicht voran.

Und so arbeitet er weiter. Jeden Tag bringt ihn seine Frau zum Grundstück. Denn derzeit wohnt das Ehepaar in Calbe, dort haben sie Unterschlupf gefunden. Die Firma und Mitarbeiter seiner Frau haben dort alles getan, um es den beiden so angenehm wie möglich zu machen. Aber es ist nicht das Gleiche. Was er sich für die Zukunft wünscht? „Mein Heim. Das Stückchen bedeutet mir alles.“

Quelle: mz-web.de

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s