„Beim Hochwasserschutz gibt es kein Sorglos-Paket“

Veröffentlicht: August 7, 2013 von fluthelfer in Hochwasserschutz, Thüringen

Erfurt. Das Jahr 2013 stellte die Erfurter Wasserexperten schon vor einige Herausforderungen. Die Schutzbauten haben sich bisher aber bewährt.

Wie beurteilt der Wasserexperte den bisherigen Jahresverlauf 2013?

 

Das Jahr 2013 ist wasserwirtschaftlich schon jetzt eine Herausforderung.

 

Sie unterscheiden zwischen Starkregen, Schneeschmelze, Hochwasser. Wo ordnen Sie die Erfurter Ereignisse von Mai und Juni ein?

 

Die Schneeschmelze 2013 ist relativ geordnet abgeflossen. Dann kamen die Niederschläge im Mai zu Pfingsten und bis 2.Juni. Der starke Regen stellte die Nebenvorfluter in den Ortsteilen auf eine Bewährungsprobe.

 

Danach kam ein Dauerregengebiet, das das Einzugsgebiet von Gera und Apfelstädt reichlich mit Wasser versorgte. Hier waren die Hochwasserspitzen am 31. Mai und 1. Juni am Pegel Möbisburg etwa mit dem Sommerhochwasser von 1984 vergleichbar. Damit nicht genug, folgte am 20. Juni ein Niederschlagsgebiet über den Haarberg, es traf den Linderbach. In 2 Stunden fielen 80 Liter auf den Quadratmeter. Diese Menge in diesem Zeitraum liegt über dem statistischen Abflusswert des Jahrhunderthochwassers (HQ100), der die Hochwassermenge für Gewässer einstuft.

 

Stichwort Hochwasserschutz – was hat sich bewährt ?

 

Dank der Gewässerumbauten am Eingang zum Orphalgrund blieb in Tiefthal der Weißbach in seinem Bett. Die Schadensbilanz für Erfurt fiel dank einer guten Gewässerunterhaltung und einer guten Koordinierung in der Leitstelle des Katastrophenschutzes relativ gering aus.

 

Gut klappte das Zusammenspiel der Freiwilligen Wehren mit den Ämtern der Stadt. Den Hochwasserschutz in Möbisburg konnten wir leider aus planungsrechtlichen Gründen bis jetzt noch nicht umsetzen. Der Planfeststellungsbeschluss ist aber jetzt rechtswirksam.

 

Sie sind auch Fachberater im Katastrophenschutz. Wo sehen Sie dringend Handlungs- und Klärungsbedarf?

 

Zuallererst müssen Hochwässer als ein Naturereignis und als ester Bestandteil des natürlichen Wasserkreislaufs vom Bürger akzeptiert werden. So ein starker Niederschlag wie am 20. Juni kann von keiner Kanalisation und teils von den Gewässern nicht aufgenommen werden. Auch fehlt es dem Wasser durch die Bebauung an Platz zum Abfließen.

 

Konnte der Deich nach den Problemen 2011 bei Bischleben rechtzeitig stabilisiert werden?

 

Die Ursachen der plötzlichen Setzung konnten nicht mehr ermittelt werden. Die zuständige Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie ertüchtigte den Deich. Gleichzeitig wurde das Gewässerbett geräumt. Das hat sich in Bischleben beim Hochwasser positiv ausgewirkt.

 

Haben sich die Schutzbauten bei Molsdorf bewährt?

 

Ja, die Schutzbauten und auch der kleinteilige Hochwasserschutz in den Oberläufen der Kleingewässer.

 

Es fallen aber immer die selben Namen bei den Katastrophenmeldungen: die Wasserdörfer Hochheim, Bischleben zum Beispiel. Ist Büßleben neu dazu gekommen und warum?

 

Wir müssen bei den Hochwasserereignissen unterscheiden: Im Bereich des Linderbaches waren die Niederschläge – eine Sturzflut – am 20. Juni besonders heftig. Der Peterbach in Büßleben ist Bestandteil des Linderbaches in seinem Oberlauf.

 

Dort gibt es Gewässereinbauten, die den Abfluss behindern; zum einen die Brücke über den Peterbach an der Straße „Zur Trolle“ und zum anderen die Wehreinbauten am Platz der Jugend. Hier ist immer die Gefahr, dass sich durch umgestürzte Bäume oder herabfallende Äste Treibgut bildet. Das macht bei Hochwasser zusätzliche Probleme.

 

Nach Ihren Beobachtungen: Werden die Unwetterabstände kürzer und deren Heftigkeit weiter zunehmen? Was bedeutet das für den Schutz?

 

Ob die Häufigkeit zunimmt oder ob wir durch eine hochwertigere Nutzung der Grundstücke empfindlicher geworden sind, mag ich nicht beurteilen. Am 24. Mai haben wir erst der Thüringer Sintflut von Bruchstedt im Jahr 1950 gedacht.

 

Wir werden unsere Philosophie zur Schaffung von naturnahen Wasser-Rückzugsräumen in den Oberläufen der Gewässer mit den Kollegen von Naturschutz und Gewässerunterhaltung mit Nachdruck fortsetzen. Wo notwendig, setzen wir den technischen Hochwasserschutz um wie am Wiesenbach und an der Gera in Möbisburg.

 

Wichtig ist es, die Bürger zu sensibilisieren, dass Starkniederschläge wie am Linderbach oder Hochwässer wie an der Gera immer Naturereignisse sind, die nicht einhundertprozentig durch Hochwasserschutzmaßnahmen verhindert werden können. Es gibt kein Sorglospaket im Hochwasserschutz. Jeder muss an seinem Haus und Grundstück prüfen, wie durch Eigenvorsorge Schäden durch Hochwasser vermieden werden können. Das nächste Hochwasser, das nächste Starkregenereignis kommt bestimmt.

Quelle: otz.de

 

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