Zweimal Glück in Mühlberg

Veröffentlicht: Juli 29, 2013 von fluthelfer in Mühlberg

Das Elbe-Hochwasser vor einigen Wochen richtete in Brandenburg Millionenschäden an. Nur einige Gegenden hatten Glück im Unglück. So hielten zum Beispiel Mühlbergs Deiche dicht. Doch der Ort fürchtet schon die nächste Flut.

Die Tore und Fenster des Bootshauses vom Ruderverein Mühlberg an der Elbe (Elbe-Elster) stehen sperrangelweit offen, sie geben den Blick frei auf die Sportboote. Es ist Freitagmittag, es ist heiß, kein Sportler ist zu sehen. In ein paar Metern Entfernung plätschert die Elbe sanft vorbei. Nichts erinnert an den reißenden Strom und das Hochwasser vor sechs Wochen, das das Bootshaus fast bis zum Dach in den Fluten versinken ließ – als einziges Haus der gesamten Stadt. „Wir müssen noch immer lüften, damit die Feuchtigkeit aus dem Gemäuer zieht“, erklärt der Vereinsvorsitzende Matthias Lohfink die offenen Fenster und Türen.

Auf einem Blechschild an der Hauswand kurz unter dem Dach steht die Zahl 9,98. Knapp zehn Meter hoch stand das Wasser am 17. August 2002. „Diesmal blieb der Pegel neun Zentimeter unter dieser Rekordmarke“, sagt Lohfink. Doch die Schäden für den kleinen Ruderverein seien trotzdem immens. 30.000 Euro kosten neue Wasserleitungen, der neue Putz an den Wänden und die Möbel. „Wir haben nach dem Hochwasser 2002 zwei Fehler gemacht“, erzählt Lohfink. Damals seien für die zerstörte Wasserversorgung Plastikwasserleitungen gelegt worden. „Das war damals der letzte Schrei. Die sind nun natürlich hinüber“, sagt Lohfink. Und Edelputz kam an die Wände. „Dabei ist der nicht atmungsaktiv. Das wussten wir aber nicht.“

Jetzt soll ein Kalk-Zement-Putz angebracht werden, der nach dem nächsten Hochwasser mit einem Kärcher gereinigt werden kann. Die Kosten für die Reparaturen sollen aus Hilfsfonds bezahlt werden, so hofft Lohfink. Am Montag kommt Finanzminister Helmuth Markov (Linke) nach Mühlberg. Mit ihm will Lohfink alles bereden.

Deiche wie Pudding

Der Hafen von Mühlberg hat nach dem Hochwasser von 2002 eine Mauer und eine Spundwand bekommen. Elf Millionen Euro hat das gekostet. Von Luxus- oder Prunkwand sprechen manche Einwohner. „Warum die Spundwand am Ufer nicht weitergezogen wurde, ist mir ein Rätsel“, sagt etwa Bernhardt Zimmer. Er wohnt hinter einem der alten Dämme und bangt bei jeder größeren Flut, dass die teils 200 Jahre alten Schutzanlagen den Druck des Wasser überstehen. „In Mühlberg haben die Dämme wieder gehalten, vermutlich tut sich hier deswegen auch weiterhin nichts“, sagt Zimmer säuerlich.

Vom zweiten Wunder von Mühlberg war die Rede, als die Dämme nach 2002 auch in diesem Jahr den Wassermassen der Elbe widerstanden. Der Ort wurde evakuiert. Unzählige Helfer auch aus anderen Gegenden halfen beim Verfüllen und Verlegen von Sandsäcken. „Eine Woche hat das Hochwasser gestanden und auf die Deiche gedrückt. Die waren weich wie Pudding“, erzählt Bürgermeisterin Hannelore Brendel (parteilos). Sie hat in ihrem Amtszimmer im Rathaus eine große Karte aufgerollt. Das Rathaus liegt vielleicht 200 Meter vom Hafen entfernt. Überhaupt ist hier alles dicht am Wasser gebaut. Idylle pur – wenn der Fluss kein Hochwasser trägt.

Die Karte vor Hannelore Brendel zeigt den Verlauf der Elbe um Mühlberg herum und die Schutzanlagen. Die roten Punkte seien Schadstellen im Deich, erklärt die 56-Jährige. Viel rot ist auf der Karte zu sehen. „Wenn das Hochwasser so kurz hintereinander auftritt, dann kommt man schon ins Grübeln“, sagt Brendel. Denn nach 2002 bangten die Mühlberger auch 2006 mit jedem Zentimeter, den der Pegel der Elbe zulegte. Vor sieben Jahren stiegen die Wassermassen nicht so bedrohlich, wie zunächst gefürchtet.

Hannelore Brendel erzählt von einer Studie, die ein unheilvolles Szenario zeichnet. „Wenn die Deiche in Mühlberg brechen, dann steht der halbe Landkreis Elbe-Elster unter Wasser, und ein Teil von Sachsen ist weg.“ Brendel sagt, sie wolle sich stark machen dafür, dass die Dammsanierung endlich vorankomme. Ursprünglich sollte 2017 alles fertig sein. „Der Termin steht jetzt bei 2020“, sagt die Bürgermeisterin. „Das hält der Deich niemals aus.“

Gleich neben dem Rathaus steht „Gudrun’s Imbiß“, seit 23 Jahren eine Institution in der Stadt. Gudrun Hebert steht in weißer Kittelschürze hinter dem Tresen ihres Wagens und verkauft kalte Getränke, Kaffee, Würstchen, Nudeln mit und ohne Gulasch und Schnitzel mit Bratkartoffeln oder Pommes. Die Radtouristen, die an der Elbe entlangfahren, sind längst wieder da und machen Halt an der Bude.

Wie alle Mühlberger musste auch Gudrun Hebert weg, als das Wasser kam. Den Imbisswagen brachte sie zu einem Bekannten auf ein höher gelegenes Grundstück. „Vier Tage war ich bei meinen Kindern“, sagt die 59-Jährige. Das war keine Erholung. „Ich hatte Angst, dass die Deiche diesmal nicht halten. Wir haben ein Fachwerkhaus, da wäre alles weggespült worden.“ Auch sie denkt, dass die Deichsanierung nun endlich schnell gehen müsse. „Ein drittes Wunder wird es nicht geben.“

Quelle: berliner-zeitung.de

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s