Jungtiere hatten keine Chance

Veröffentlicht: Juli 29, 2013 von fluthelfer in Dessau

Das Hochwasser reißt gravierende Lücken in den Wildbestand. Über 80 Prozent der jungen Rehe in diesem Jahr haben nicht überlebt. Viele Tiere haben ihr Revier in ein anderes Gebiet verlegt. Die Jäger sollen in den kommenden Monaten behutsam vorgehen.

 

Nicht „das Hochwasser“ im Allgemeinen, sondern „dieses Hochwasser“ im Besonderen vom Juni 2013 hat die Wildtierwelt in Wald, Feld und Flur auch in und um Dessau-Roßlau böse erwischt. Zu dem Schluss kommt Kreisjägermeister Michael Mitsching, nachdem peu à peu die überfluteten Flächen abgetrocknet sind und die Jäger ihre Reviere wieder befahren und in Augenschein nehmen konnten.

Mitsching war Anfang Juli auf Tour. Gemeinsam mit Anke Lange von der Unteren Jagdbehörde in der Stadtverwaltung Dessau-Roßlau und Ulrich Mette von der Oberen Jagdbehörde am Landesverwaltungsamt Halle. Was die drei zu sehen bekamen, erhielt unisono die gleiche Bewertung: „Schlimm!“

Wildtiere aller Arten haben den Kampf mit der entfesselten Natur mit ihrem Leben bezahlt. Auch die Waidmänner selbst hat das Hochwasser 2013 aus zweierlei Gründen überrascht, um nicht zu sagen überrumpelt: Nach den starken Regenfällen im April/Mai führten in der Region drei Flüsse zugleich Hochwasser: die Elbe, die Mulde und die Saale. Dazu kam zweitens die ungewohnte Zeit und Dauer der Flut. Sie setzte ein, als die Natur alles auf Wachstum ausgerichtet hatte: Die Vegetation in Wald und Wiese war in der Flora eben wie explodiert, die Tiere umsorgten in der Fauna in der sogenannten Brut- und Setzzeit ihren Nachwuchs.

Gerade die Jungtiere aber wurden zu den Opfern des Hochwassers. Sie waren zu klein und zu schwach, um sich den Wassermassen entgegenzustemmen, schafften auch die Flucht nicht in höher gelegene Rückzugsgebiete. Auf den Wiesen stand zum Beispiel das Gras vor der ersten Heumahd noch kniehoch. Und dann kam das Wasser. „So ein winziges Kitz hatte überhaupt keine Chance und musste ertrinken“, spricht Mitsching von dramatischen Ereignissen, die sich im Juni in der heimischen Tierwelt abspielten.

Die Ausfälle beim Rehwild sind eklatant. Die Jäger in Dessau-Roßlau rechnen mit 80 bis 100 Prozent Verlusten bei den Jungtieren vom Jahrgang 2013. Wenig Überlebenschancen hatten auch die Jungtiere, die in Erdbauten aufwachsen wie Fuchs und Dachs, Feldhamster oder Maulwürfe.

Die erwachsenen Tiere hingegen haben auf der Flucht vor dem Wasser ihre Reviere verlassen. Damwild, Rotwild (um Kleutsch oder Sollnitz) und Schwarzkittel als erfahrene Tiere vielleicht sogar der Gefahr „vorausschauend“. Diese Wildarten können auch ganz gut schwimmen.

Von Natur aus besser dran ist „alles, was fliegen und schwimmen kann“, beschreibt Michael Mitsching dem Laien das unter Jägern so genannte Niederwild. Enten, Schwäne, Haubentaucher oder Fasane sind wohl den Hochwassergewalten entkommen. Aber auch sie haben ihren Nachwuchs in Gelegen und Nestern verloren. Hier rechnen die Jäger über alle Bruten des Jahres mit deutlich geringeren Zuwächsen in den Populationen.

Auch die Hochwasser-Nachlese gibt Anlass zu Sorgenfalten bei den Jägern und Jagdfreunden. Vier Wochen meldeten ganze Landstriche „Land unter“. Die Hinterlassenschaft sind oftmals verschmutzte Tümpel und Wiesen. „Was meterweit gegen den Wind nach Jauche stinkt, das wird kein gesundes Tier fressen oder saufen“, weiß Mitsching von den zu erwartenden Folgeschäden in bestimmten Tierbeständen.

Umso bedeutsamer ist für die Jäger jetzt die sorgfältige und zurückhaltende Beurteilung der aktuellen Bestände. Denn die Reviergrenzen der Tiere haben sich aufgrund der Notsituation deutlich verschoben. „Während beispielsweise an der einen Stelle kein Stück Rehwild mehr zu finden ist, tauchen anderswo plötzlich ungeahnte Mengen auf“, beschreibt der Kreisjägermeister die Lage. Nun habe der Jäger zwar (gemäß Bundesjagdgesetz) eine Jagdpflicht. Aber ebenso die Pflicht zur „Hege eines gesunden, artenreichen Wildbestandes“. Und weil die Jäger ihre Reviere kennen, wissen sie, dass zum Beispiel Rehe sehr standorttreu sind und schnellstmöglich in ihr vertrautes Terrain zurückkehren. „Also wird der erfahrene Jäger den plötzlichen ,Überschuss’ nicht vorschnell erlegen. Das Wild muss nach dem Schock erst einmal wieder zur Ruhe kommen.“ Für Mitsching brauchen die Jäger neben ihrer ruhigen Hand gerade jetzt sehr viel Fingerspitzengefühl.

Dieser Grundhaltung folgen auch die Jagdbehörden. Und setzen den Abschussplan für das Rehwild zunächst für ein halbes Jahr aus. Danach bewerten die Experten vom Amt und Jagd-Ansitz die Lage neu.

Bis dahin haben die Waidmänner und -frauen in den Jagdrevieren ohnehin noch große Flurschäden zu beräumen. Der Druck des Hochwassers hat etliche Einrichtungen wie Hochsitze, Kanzeln, Leitern oder Salzlecksteine förmlich zerlegt oder mit Treibgut behängt.

Für diese Schäden gibt es keinen Ersatz und kommt keine Versicherung auf. Das macht einzig der Jäger. Er allein entscheidet, worauf und wie er jagt. Und er ist in seinem gepachteten Revier allein auch Herr des Wiederaufbaus.

Quelle: mz-web.de

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