Im Strafraum nur Schlamm

Veröffentlicht: Juli 29, 2013 von fluthelfer in Wittenberge

 

Das Hochwasser ist schon seit einiger Zeit vorbei, doch die Schäden werden noch nach lange nachwirken. So auch im Ort Breese bei Wittenberge. Die Bewohner klagen, dass die Folgen der Fluten nur schleppend beseitigt werden.

Aus grünbraunem Schlamm ragen ein paar wenige Halme. Was aussieht wie ein naturbelassener Tümpel, ist die stinkende Hinterlassenschaft des schlimmsten Hochwassers seit langem: In Breese bei Wittenberge (Prignitz) überschwemmte das Flüsschen Stepenitz im Juni einen der zwei Fußballplätze, bis heute liegt er unter Wasser. Durch die Brühe sind hier und da noch Seitenlinien zu erkennen.

„Da wird so bald niemand spielen können“, sagt Werner Steiner und schüttelt den Kopf. Er ist ehrenamtlicher Bürgermeister von Breese. Als das Wasser kam vor gut sechs Wochen, da sorgte Steiner zusammen mit dem Landrat und zahlreichen Helfern dafür, dass der größte Teil des Dorfes trocken blieb: Auf der Landstraße nach Perleberg wurde aus Sandsäcken ein Damm errichtet, vier Kilometer lang.

Dennoch war Breese der einzige Ort in Brandenburg, in dem dieses Jahr Häuser überflutet wurden. An der Straße Trift, die in einen Fahrweg durch den Stepenitzgrund mündet, sind die Folgen noch zu sehen. Vor dem backsteinroten Bauernhaus von Silvio Stock liegt meterhoch Gerümpel: Dielenbretter, Holztüren, Pappe, Putz und Plastikeimer. „Der Haufen wird langsam zum Problem“, sagt Stock. Niemand holt ihn ab, als Sperrmüll darf er wegen möglicher Schadstoffe nicht entsorgt werden. Für eine Sondermüll-Abfuhr aber fehlt dem Frührentner das Geld.

Klagen über Klagen

Auch seine Nachbarin Karissa Nickel klagt über eine schleppende Bewältigung der Hochwasserfolgen. In ihrem Elternhaus, in dem sie mit ihrem Mann lebt, stand das Wasser hoch bis fast unter die Fensterbänke im Erdgeschoss. Den fauligen Holzboden und den Estrich hat das Ehepaar selbst herausgerissen, den halben Putz abgeschlagen, nun geht es nicht weiter. „Es gab noch keine Hilfe“, sagt Karissa Nickel. Weil in der früheren Küche alle Möbel und Schränke zerstört sind, kocht sie auf einem Campingkocher in einem Verschlag auf dem Hof. Der einzig verbliebene Wohnraum liegt unter dem Spitzdach des Hauses.

Wie Stock erhofft sich auch Nickel endlich Klarheit über einen finanziellen Schadensausgleich, „damit wir mal vorankommen. Ich kann nicht Ende Oktober noch so hausen“. Ihre Hausratversicherung hatte wegen der gefährdeten Lage des Hauses Wasserschäden ausgeschlossen, von dieser Seite ist nichts zu erwarten. Und von der Gemeinde fühlen sich manche Flutopfer hingehalten: „Bis jetzt habe ich nur Rechnungen bekommen“, sagt Karissa Nickel, für neue Gas- und Stromleitungen etwa. Wer wie viel von den Spenden erhalte, die in Breese eingingen, sei indes völlig unklar.

Bürgermeister Steiner räumt ein, dass „relativ viel“ Spenden eingegangen seien. Über die Vergabe des Geldes müsse aber die Gemeindevertretung entscheiden. Steiner weist darauf hin, dass alle Geschädigten jeweils 400 Euro bekommen hätten, „völlig unbürokratisch“. Zudem habe der Landkreis den 14 Familien, deren Häuser überschwemmt wurden, 5 000 Euro ausgezahlt – als Ausgleich dafür, dass der Notdamm nicht noch um ihre Häuser gezogen werden konnte. Andernfalls wäre ganz Breese in Gefahr geraten, so sieht es Steiner.

Auch er kritisiert Verzögerungen bei den versprochenen Hilfen, allerdings denen des Bundes: „Da ist noch keine Klarheit da.“ Und vom Land wünscht sich der Bürgermeister Unterstützung beim Wiederaufbau des Sportplatzes, am liebsten mit Rollrasen. Denn auch das zweite Fußballfeld ist unbenutzbar. Tiefe Furchen von Lastwagen-Reifen ziehen sich durch den Strafraum im Westen. Hinter dem Tor liegen noch immer tausende Sandsäcke. „Das war die Verteidigungslinie“, sagt Steiner. „Ohne schnelle Hilfe ist hier kein Sport möglich – und der ist wichtig für unsere Gemeinde.“

Neidische Sprüche

Die Flutopfer am Ende der Trift plagen ganz andere Sorgen als ein geregelter Spielbetrieb. Möbelspenden haben Nachbarn ihnen angeboten, aber Silvio Stock sagt: „Im Moment wüssten wir nicht mal, wo wir die hinstellen sollen.“ Auch sein Haus gleicht innen einer Ruine.

Die Menschen am Stepenitzgrund fühlen sich alleingelassen – während der Flut und danach. „Die haben uns absaufen lassen“, schnaubt Karissa Nickel. Wer? „Die Obrigkeit“, antwortet Stock anstelle seiner Nachbarin. Seit elf Jahren schon werde ein Deich versprochen, aber nichts passiert. Stock glaubt im Gegensatz zu Bürgermeister Steiner auch nicht, dass der Deichbau nächstes Jahr beginnt, wie im Juni zugesagt.

Und nun kämen von einigen Breesern noch neidische Sprüche. „So gut möchte ich es auch mal haben“, habe ihm wegen des Schecks vom Landkreis jemand gesagt, dessen Haus der Flut entgangen ist, „den alten Plunder wegschmeißen und alles neu kaufen“.

Quelle: berliner-zeitung.de

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