Deiche oder Auen? Das ist hier die Frage

Veröffentlicht: Juli 27, 2013 von fluthelfer in Zentrale der Deutschen Fluthilfe

Nach der Juni-Flut an Elbe und Donau ist ein Streit über den richtigen Hochwasserschutz entbrannt. Naturschützer wollen den Flüssen vor allem wieder mehr Raum geben, die Politik will Polder anlegen.

 

Mit der Hitze steigt die Waldbrandgefahr zwischen Elbe und Havel. Dort, wo vor wenigen Wochen noch 150 Quadratkilometer Land unter Wasser standen, herrscht derzeit die höchste Alarmstufe. Und doch ist Sachsen-Anhalts Regierungschef Reiner Haseloff (CDU) ganz froh über das trockene Wetter. Solange keine Sturzregen niedergehen, ist kein neues Hochwasser zu befürchten.

Der geborstene Elbdeich bei Fischbeck im Landkreis Stendal ist lediglich mit einer Spundwand provisorisch repariert. Der Deichbau steht daher ganz oben auf der Prioritätenliste des Landes. „Das muss jetzt sehr schnell gehen“, sagt Haseloff und versichert: „Am Hochwasserschutz wird nicht gespart.“

Bis 2020 will allein Sachsen-Anhalt weitere 600 Millionen Euro in den Hochwasserschutz investieren. Das Land kann mit der Unterstützung aus Fördertöpfen der Europäischen Union und des Bundes rechnen und hofft zudem auf etwa 100 Millionen Euro aus dem aktuellen Fluthilfefonds.

Auch Bayern hat nach dem verheerenden Juni-Hochwasser an der Donau sein Aktionsprogramm zum Hochwasserschutz überarbeitet und die Gelder für die notwendigen Maßnahmen aufgestockt. Bis 2020 will das Land insgesamt 3,4 Milliarden Euro in den Hochwasserschutz investieren. Die notwendigen Planungsverfahren sollen verkürzt werden. Um die Arbeiten zu beschleunigen, wurden bereits 150 neue Stellen geschaffen.

Mehr Überflutungsräume schaffen

Über die richtigen Maßnahmen zum Schutz vor Überschwemmungen wird jedoch heftig gestritten – zwischen den Parteien, aber auch zwischen Politik und Naturschutz. Einig sind sich alle Beteiligten lediglich, dass es nicht mehr ausreicht, immer höhere Deiche und Flutmauern zu bauen.

Auf die Kombination von technischem und ökologischem Hochwasserschutz kommt es an. Doch da gehen die Vorstellungen auseinander. Die Naturschutzverbände fordern, den Flüssen in erster Linie wieder mehr Raum zu geben.

Nabu-Präsident Olaf Tschimpke verweist auf den Koalitionsvertrag, in dem sich Union und FDP zum Ziel gesetzt hätten, natürliche Auen zu reaktivieren und Flusstäler zu renaturieren. Passiert sei aber nicht viel, kritisiert Tschimpke. Das 2005 noch von Rot-Grün verabschiedete Hochwasserschutzgesetz sei vom Bundesrat „massiv verwässert“ worden – indem es etwa Ausnahmeregelungen für das Bauverbot in ausgewiesenen Überschwemmungsgebieten gibt.

Die Naturschützer fordern als Konsequenz aus dem jüngsten Hochwasser, entlang der Flüsse „naturnahe Überflutungsräume“ zu schaffen. Dabei haben sie vor allem die Bundeswasserstraßen im Blick. Diese sollten auf ihren volkswirtschaftlichen Nutzen überprüft werden. Ineffiziente Schifffahrtswege sollten aufgegeben und renaturiert werden. Eine Renaturierung bringe für eine Region mehr als etwa marode Schleusen zu unterhalten, argumentiert Tschimpke.

Zwei Drittel der Auen sind verschwunden

Zur Renaturierung gehört, den Flüssen ihre natürlichen Überschwemmungsflächen zurückzugeben. Eine Studie des Bundesamts für Naturschutz (BfN) hat ergeben, dass entlang der Flüsse in Deutschland zwei Drittel der ursprünglichen Auen ausgedeicht wurden.

Nur noch ein Drittel dieser Auenflächen ist erhalten – und wird zu einem großen Teil landwirtschaftlich genutzt. Nach Einschätzung von BfN-Präsidentin Beate Jessel gehören diese intensiv genutzten Ackerflächen aber nicht dorthin. Sie plädiert für Flächentausch oder veränderte Nutzungskonzepte.

Jessel rechnet vor, dass die 15.000 Quadratkilometer Auenflächen an insgesamt 79 Flüssen einen großen Nutzen für die Gesellschaft erbringen. Bei Hochwasser schützen sie als natürliche Überschwemmungsflächen entlang von Flüssen Vermögenswerte von mehr als 300 Milliarden Euro.

Sie filtern Jahr für Jahr 42.000 Tonnen Stickstoff und mehr als 1000 Tonnen Phosphor aus dem Wasser und leisten so einen Beitrag zur Reinhaltung der Flüsse. Diese Filterleistung der Auen entspricht einem Betrag von 500 Millionen Euro, der eingesetzt werden müsste, um das Wasser mit technischen Maßnahmen zu reinigen.

Strenge Vorschriften an den Deichbau

Um neue Auen zu schaffen, müssten Deiche zurückverlegt werden. An der mittleren Elbe bei Dessau wurde eine solche Deichrückverlegung durchgeführt. Beim jüngsten Hochwasser hat sich der neue Deich bewährt. Die Elbe konnte sich auf einer zusätzlichen Fläche von 140 Hektar ausbreiten – was den Pegel an diesem Flussabschnitt um einige Zentimeter absenkte und so die Ortschaften hinter dem Deich vor einer möglichen Überflutung bewahrte.

Solche Beispiele sind auch für Grünen-Fraktionsvize Bärbel Höhn eine Beleg dafür, dass es „der technische Hochwasserschutz allein“ nicht bringe. „Das Wasser muss sich wieder in die Auenwälder ausbreiten dürfen, sonst wird es sich seinen Weg beim nächsten Mal wieder durch die Innenstädte suchen.“

In der Praxis stoßen Deichrückverlegungen jedoch auf erhebliche Konflikte, weil Landwirte bereit sein müssen, die dafür notwendigen Flächen bereitzustellen. Der Bau neuer Deiche erfordert seit dem Hochwasserschutzgesetz von 2005 ohnehin schon mehr Fläche. So muss an der landwärtigen Seite ein Deichverteidigungsweg angelegt werden, der auch mit Schwerlastern befahren werden kann.

Auf der Wasserseite wird ein gehölzfreier Streifen verlangt. Entsprechend breiter müssen die Deiche an der Basis sein. Aus bislang 20 Metern werden so schnell 55 Meter und mehr. Rund eine Millione Euro kostet es heute, einen Kilometer neuen Deich zu bauen.

Treffen der Umweltminister im September

Wie es mit dem Hochwasserschutz weitergehen soll, wollen die Umweltminister von Bund und Ländern am 2. September beraten. So müssen die Maßnahmen am Oberlauf eines Flusses mit den sogenannten Unterliegers abgestimmt werden.

Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) hatte bereits einen länderübergreifenden „Masterplan“ angemahnt. Die Konferenz der Ministerpräsidenten hat sich auf ein „Nationales Hochwasserschutzprogramm“ verständigt, für das die Länder nun konkrete Vorschläge machen müssen. Die Erfahrungen aus dem jüngsten Hochwasser sollen in dieses Konzept einfließen.

Sachsen-Anhalts Umweltminister Hermann Onko Aeiken ist in diese Tagen entlang der Elbe unterwegs, um mit Bürgermeistern und Bauern zu sprechen. So sollen auch Flächen eingeeicht werden, um Polder zuschaffen. Sie können gezielt geflutet werden, um einem Hochwasser die gefährliche Spitze zu nehmen. Die Arbeiten an der Deichbruchstelle in Fischbeck sollen im kommenden Frühjahr beginnen.

Die Planungen haben bereits begonnen. Der Deich soll dort auf einer Länge von mehreren Kilometern eine ganz neuen Verlauf erhalten, sagt Aeiken. Vor allem aber soll der „gefährliche Knick“ verschwinden, an dem die Strömung der Elbe ein so zerstörerische Kraft entwickeln konnte, dass der Deich schließlich dem Druck nicht mehr standhielt und brach.

Quelle: welt.de

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