Dorf muss Hochwasserschutz weichen – „Jetzt geht’s dahin“

Veröffentlicht: Juli 23, 2013 von fluthelfer in Bayern

Isarmünd, ein idyllisches Fleckchen Erde am Zusammenfluss von Isar und Donau, muss dem Hochwasserschutz weichen. Die Anwesen der Einwohner werden abgerissen. Doch nicht allen ist der Entschluss zum Umzug leicht gefallen.

Von Wolfgang Wittl

Ruhig war es hier schon immer, auf diesem idyllischen Fleckchen Erde, wo die Isar sanft in die Donau mündet. Doch an diesem Tag ist die Stille trügerisch. Umschlossen von Äckern und Wäldern brütet Isarmünd in der Mittagssonne, der nächste Ort liegt Kilometer entfernt. Nichts ist zu hören außer dem Surren eines Abrissbaggers, der sich alle paar Minuten in die Balken und Mauern eines Bauernhofes frisst. An der Hauptstraße, gleich hinter der Kapelle, warnt ein Schild vor Baustellenfahrzeugen. „Jetzt geht’s dahin“, sagt Johann Nepomuk Bauer, den alle hier nur Muk nannten. Isarmünd, seine Heimat, wird dem Erdboden gleichgemacht.

Muk Bauer und seine Frau Franziska sind die einzigen Bewohner von Isarmünd, die an diesem Nachmittag zusehen, wie das erste von sieben Anwesen zerstört wird. Schon vor drei Jahren wurde der Plan entworfen, der Donau mehr Raum zu geben. Für den Deggendorfer Landrat Christian Bernreiter ist es ein „Paradebeispiel“, wie Hochwasserschutz einvernehmlich umgesetzt werden kann. Für Michael Kühberger, den Leiter des Deggendorfer Wasserwirtschaftsamtes, ist es ein Projekt mit „Modellcharakter“. Für Isarmünd ist es der Anfang vom Ende.

Mehr als 800 Jahre soll der kleine Ort bereits bestehen, er war eine Anlaufstelle für Reisende, die auf die andere Uferseite übersetzen wollten. Im neuen Hochwasserschutzkonzept jedoch fand sich kein Platz mehr für ihn. Der Damm bei Isarmünd bietet lediglich Schutz vor einem 30-jährlichen Hochwasser. Um ihn für ein 100-jährliches Hochwasser auszubauen, wäre wohl ein zweistelliger Millionenbetrag nötig gewesen. „Ein ungünstiges Kosten-/Nutzenverhältnis“, sagt Amtschef Kühberger.

Den Freistaat kam es billiger, die etwa 20 Einwohner zum Umsiedeln zu bewegen. Nun kann auch der dringend benötigte Polder mit einem Fassungsvermögen für etwa zehn Millionen Kubikmeter Wasser entstehen. „Die Bürger, der Staat – alle sind zufrieden“, sagt Landrat Bernreiter.

Alle? „Wir hätten hier nicht weg wollen“, sagt Muk Bauer. Den Jüngeren im Ort sei die Entscheidung leichter gefallen. 91 Jahre zählt Bauer, wie seine sechs Geschwister wurde er in Isarmünd geboren. Bis auf den Zweiten Weltkrieg und die Zeit in sowjetischer Gefangenschaft hat er sein Leben hier verbracht, hat den Bauernhof seiner Eltern übernommen, hat Viehwirtschaft und Ackerbau betrieben.

Heute dienen die einst stolzen Höfe allenfalls als Nebenerwerbsgrundlage, die Kinder und Enkel arbeiten bei meist großen Unternehmen in der Region. Oder die Höfe sind zum Refugium für wohlhabende Auswärtige wie jenen Münchner geworden, der hier an seiner Traktoren-Sammlung herumschrauben wollte. Eine Glaskuppel habe der Besitzer in das Haupthaus einbauen lassen wollen, die Nebengebäude waren bereits für teures Geld saniert worden. Nun zeugt nur noch ein Haufen Steine von ihrer Existenz. „Dabei war es so stabil gebaut“, sagt Muk Bauer, „so stabil.“

Die Macht des Wassers

Der Mann aus München hat bereits einen anderen Bauernhof in der Umgebung gekauft, die meisten Isarmünder werden ins benachbarte Moos ziehen. Die Gemeinde und der Landkreis haben ihnen großzügig Baurecht gewährt. Gerade für die Jüngeren bietet sich nun die Chance, die Häuser nach ihrem tatsächlichen Bedarf zu gestalten.

Erst herrschte Skepsis im Ort, ob man sich darauf einlassen solle. Bis einer sich vom Freistaat ein Angebot unterbreiten ließ. Sechs der sieben Hofbesitzer sind inzwischen darauf eingegangen, auch beim letzten sehe es gut aus, sagt Kühberger. Was ihm wichtig ist: „Alle Anwohner haben freiwillig entschieden.“ Über die Höhe des Kaufpreises will niemand etwas sagen. Nur so viel: Der Freistaat habe den Schätzwert des unabhängigen Gutachters nicht überschritten. Muk Bauer sagt: „So viel Geld gibt es nicht, dass man die Heimat aufgibt.“ Andererseits weiß auch er, dass sich die Zeiten ändern.

Bauer war der letzte Fährmann von Isarmünd, er kann sich gut erinnern, wie am Weihnachtstag 1961 nach einer Kollision mit einer Eisscholle das Fährseil riss, danach war Schluss. Er weiß, wie einst 70 Menschen im Ort lebten, als die Landwirte noch Dienstboten beschäftigten. Wie die Männer Karten spielten, die Frauen gemeinsam strickten oder wie getanzt wurde. „So einen Zusammenhalt hat’s woanders nicht gegeben.“ Vor 25 Jahren haben sie ihr Haus schon einmal abgerissen, fast alles mit eigenen Händen, ein Gebäude anno 1783. Doch das war etwas anderes, sie blieben ja in Isarmünd. Nun wird auch Muk Bauer nach Moos ziehen, dieses Jahr oder nächstes, „wenn ich es noch erlebe“.

Die Bauers haben über Jahrzehnte gelernt, mit der Gewalt des Wassers zurechtzukommen. Das Hochwasser im Juni hat allerdings auch sie beeindruckt. Zum ersten Mal überhaupt wurde der Damm überspült, Isarmünd musste als erster Ort im Landkreis Deggendorf evakuiert werden. Eines von ihren vier Hühnern ist in den Fluten ertrunken, erzählt Franziska Bauer. Wären nicht bereits oberhalb zwei Dämme gebrochen, Isarmünd wäre es wohl ergangen wie Fischerdorf, das metertief in den Fluten versank. Das Hochwasser habe viele in ihrer Entscheidung bestätigt, den Ort zu verlassen. Zwei Familien sind gar nicht mehr zurückgekommen, sondern in ihre halb fertigen Neubauten eingezogen.

An einer Scheune hängt eine alte Ortstafel, als Isarmünd noch zum Landkreis Vilshofen gehörte. Auf einem Schild darunter steht: „Das sterbende Dorf.“ Etwa 25 bis 30 Höfe zwischen Straubing und Vilshofen sollen dem Beispiel von Isarmünd folgen, auch sie sollen dem Hochwasserschutz weichen. Die Eigentümer bekämen einen Kaufpreis zum Wert vor dem Hochwasser angeboten, auch hier hoffe man auf einvernehmliche Lösungen, sagt der Chef des Wasserwirtschaftsamtes. Isarmünd sei jedoch die größte Siedlung gewesen.

Franziska Bauer wischt gerade die Kapelle feucht durch. Tags darauf wird hier eine Andacht stattfinden, ein Mal im Jahr kommt der Dorfpfarrer. Die Kapelle wird das einzige Bauwerk sein, das als Erinnerung an Isarmünd überdauern wird. Geweiht ist sie dem Heiligen Nepomuk, dem Schutzpatron gegen Wassergefahren.

Quelle: sueddeutsche.de

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