85 Prozent Überzeugung

Veröffentlicht: Juli 20, 2013 von fluthelfer in Sachsen-Anhalt

„Die Stadt bleibt trocken“ hatte Feuerwehrchef Schneider während der Flut gesagt – und Recht behalten. Trotzdem gibt es in der Stadt in Sachen Hochwasserschutz viel zu tun.

Vor fünf Wochen, am 14. Juni, 12.45 Uhr, hat Dessau-Roßlau den Katastrophenalarm für das Stadtgebiet aufgehoben: Nach zwölf Tagen Ausnahmezustand im Kampf gegen die Fluten von Mulde und Elbe kehrte langsam wieder Normalität ein. Dessau-Roßlau hatte – in weiten Teilen – Glück: Die Dämme hielten. MZ-Redakteur Steffen Brachert sprach darüber mit Roland Schneider und Martin Müller, den beiden Chefs des Katastrophenschutzstabes.

Herr Schneider, am zweiten Tag nach Ausrufen des Katastrophenalarms haben Sie gesagt: Die Stadt bleibt trocken. Was war davon Überzeugung, was Hoffnung?

Schneider: Zu 85, vielleicht auch 90 Prozent war das Überzeugung. Wir haben elf Jahre in jedem Stadtrat einen Hochwasser-Bericht gegeben. Wir kannten unsere Schwachstellen – und haben uns vom ersten Tag des Hochwassers darauf konzentriert, diese mit aller Kraft zu verteidigen.

Die vorausgesagten Pegel konnten einem aber Angst machen: Für die Mulde gab es Berechnungen, die auf 7,50 Meter schließen ließen. Für die Elbe waren einmal sogar 8,11 Meter vorausgesagt. Das war deutlich mehr als 2002.

Schneider: Die Zahlen waren auch für uns erschreckend. Wir wussten, kommt das so, wird es auch an den neuen Deichen eng werden. Doch die Zahlen haben sich ja nicht bewahrheitet.

Lässt sich das nur mit Deichbrüchen vor Dessau-Roßlau erklären?

Schneider: Jedes Hochwasser ist anders. Ist Sommer oder Winter? Was kann der Boden aufnehmen? Gerade dieses Mal war ja das Besondere, dass fast alle Flüsse gleichzeitig kamen. Da sind Prognosen und Berechnungen schwierig. In Sachen Mulde zum Beispiel hat der Seelhausener See in Sachsen unwahrscheinlich viel Wasser aufgenommen.

Und damit fast die Goitzsche zum Überfluten gebracht und Bitterfeld geflutet. Auch Dessau-Roßlau hatte seine Schwachstellen.

Schneider: Uns hat da nichts überrascht. Wir wussten genau, was wir wo in der Stadt zur Verteidigung machen müssen.

Kleutsch und Sollnitz wurden evakuiert. Manch einer hat das im Nachhinein kritisiert.

Schneider: Im Nachhinein ist man immer schlauer. Wir haben das anhand der vorhergesagten Pegel entschieden – und würden das wieder so tun. Wären die beiden Orte überflutet worden, hätten uns doch alle gefragt: Warum hat Ihr denn nicht eher reagiert?

Zwischen Kleutsch und Sollnitz gibt es einen Deich, der aber nicht hoch genug ist. Wie kann das passieren?

Müller: Der Deich wurde 1998 entlang der Straße errichtet – und damit vor dem Jahrhunderthochwasser 2002, das danach zum Bemessungshochwasser wurde. Auf 4,5 Kilometer Länge fehlen dort 50 bis 75 Zentimeter Höhe. Und bei einem Mulde-Pegel von 7,50 Meter hätte es dort Überspülungen geben können. Sollnitz wäre dann völlig abgeschnitten gewesen, Kleutsch irgendwann auch. Die vorsorgliche Evakuierung war richtig. Bei einem Mulde-Pegel von 7,50 Meter, hätten wir ja auch die Friedensbrücke sperren müssen und ganz andere Sorgen gehabt. Wie hätten wir die Leute dann rausholen sollen?

Das Problem des Deiches dort war bekannt.

Schneider: Aber weil dort ein relativ neuer Deich stand, hatte es beim Landesbetrieb für Hochwasserschutz nur Priorität 3. Wir hoffen, dass sich das jetzt ändert.

Große Sorgen hat auch der noch nicht ausgebaute Deich „Möster Höhen“ östlich der A 9 gemacht. Das Planfeststellungsverfahren läuft dort seit den Jahre 2006, 2007. Was dauert da so lange?

Schneider: Da sind Grundstücksfragen zu klären, Ausgleichsmaßnahmen zu bestimmen. Da gibt es Freileitungen. Da ist mit dem Bund zu reden, wegen der Autobahn, wo die Spundwände eingebracht werden sollen. Es gibt also unwahrscheinlich viele Beteiligte. Wir hoffen aber, dass im dritten Quartal dieses Jahres der Planfeststellungsbeschluss gefasst wird.

Die Verteidigung ist aufwändig. Auf der Autobahn musste ein Hilfsdeich errichtet werden.

Schneider: Ab einem Muldepegel von sechs Meter müssen wir dort auf 600 Metern Big Bags hinbringen, um ein Überfluten der Autobahn zu verhindern. Logistisch ist das ein riesiger Aufwand.

Dieser ist auch notwendig, um die Ludwigshafener Straße zu schützen. Dort gibt es vier Senken mit einer Gesamtlänge von 600 Metern.

Schneider: Auch dort wissen wir nach dem Bemessungshochwasser 2002, dass wir bei bestimmten Pegelständen aktiv werden müssen. Doch das ist dort händelbar.

Müller: Das Problem werden wir auch so schnell nicht los. Diese Maßnahme war Kategorie 3 und damit in der Priorität weit hinten. Und auch jetzt wird es im Land viele wichtigere Maßnahmen geben.

Ein Kraftakt war die Verteidigung der Wasserstadt. Da lagen zehntausende Sandsäcke.

Schneider: Wir haben beim Rückbau festgestellt, dass sich durch den Wasserdruck dort fünf Zentimeter starke Bohlen bis zu 15 Zentimeter verschoben haben. Da muss jetzt etwas passieren – und da sind jetzt auch endlich Kompromisse mit den Denkmalschützern möglich, die es vorher nicht gab. Die historische Deichscharte soll durch eine neue, höhere Deichscharte ersetzt werden.

Veränderungen muss es auch beim Schöpfwerk Kapengraben geben.

Müller: Es liegt zwar auf dem Gebiet des Landkreises Wittenberg, doch wenn die Elbe dort überfließt, fließt das Wasser nach Mildensee. Wir mussten gemeinsam mit der Bundeswehr einen enormen Aufwand betreiben, um im Juni genau das zu verhindern. Auch dort muss der Deich erhöht werden.

Aus Waldersee, 2002 komplett überflutet, gab es diesmal keine kritischen Nachrichten.

Schneider: In Waldersee war natürlich die Jonitzer Mühler eine große Baustelle. Da wurde sehr viel operativ gemacht, wie auch im gesamten Ort. Doch in der Tat gab es da keine größeren Probleme.

Außer im Luisium.

Schneider: Mit der Kulturstiftung wird es noch eine kritische Auswertung geben. Wir haben zwei Tage lang keinen Bereitschaftsdienst erreicht – und wurden dann kritisiert, dass wir nicht Bescheid gesagt und die Deichscharten geschlossen haben. Das ist ein Unding. Die Verantwortlichkeit für das Luisium liegt bei der Kulturstiftung – und die Mitarbeiter wissen, dass bei einem Muldepegel von 5,50 Meter die Deichscharten geschlossen werden. Wir haben es sogar erst bei 5,80 Meter gemacht.

Im Luisium kam es durch einen Facebook-Helfer-Aufruf zu einem großen Durcheinander.

Schneider: Auch das darf es so nicht noch einmal geben.

Es war die erste Flut in Zeiten von Facebook und Twitter. Welche Schlüsse muss der Stab ziehen?

Müller: Wir waren manche Tage nur am Dementieren. Fest steht schon, dass wir bei nächsten Katastrophen einen Kollegen hinsetzen werden, der beobachtet, was dort passiert, was dort gestreut wird.

Man hatte das Gefühl, die Dessau-Roßlauer wollten viel mehr helfen, als Hilfe gebraucht wurde.

Müller: Das war sicherlich so. Doch wir können nicht Sandsäcke füllen, nur damit alle helfen können. Schon in der Ludwigshafener Straße waren die dort gebauten Hilfsdeiche länger, als sie eigentlich notwendig waren.

Muss eine eigene, offizielle Facebookseite her, die eine direkte Kommunikation ermöglicht?

Müller: Vielleicht auch das. Wir müssen mit den Neuen Medien anders umgehen.

Die Kommunikation haben einige bemängelt. Es gab Beschwerden von Wirten, sie wären zu spät über das Hochwasser informiert worden.

Schneider: Über die Vorwürfe sind wir sehr enttäuscht. Alle wurden per SMS über die Hochwasserwarnstufen informiert. Die stieg am Freitag von 1 auf 3. Wenn dann am Sonntagnachmittag immer noch Eis verkauft wird, dann sollen wir Schuld sein, dass etwas überflutet wurde?

Nach dem Mulde-Hochwasser kamen die Wassermassen der Elbe. Dort gibt es aus Aken heftige Vorwürfe, die Dessau-Roßlauer hätten nach der Überspülung bei „Mutter Sturm“ zu spät geholfen.

Müller: Fakt ist: Es ist nicht Schuld der Dessau-Roßlauer, dass in Aken Schäden entstanden sind. Wir haben von der Überströmung zeitnah erfahren. Hätten wir uns früher gemeinsam zusammengesetzt, dann hätten wir auch eher eine Lösung gefunden. Doch die Kommunikation mit der Akener Einsatzleitstelle war schwierig. Wir mussten einen Kollegen rüberschicken, um überhaupt etwas zu erfahren.

Schneider: Wir haben von Beginn an gesagt, wir müssen direkt was an der Überströmungsstelle tun. Den Deich entlang der Straße zu bauen, das haben wir nie für zielführend gehalten.

Trotzdem: Hätte Dessau-Roßlau mehr tun können?

Schneider: Es gab weder eine offizielle, noch eine inoffizielle Anfrage um Hilfe. Trotzdem haben wir alles, was wir konnten, rübergeschickt, um bei der Evakuierung zu helfen. Und dass Aken beispielsweise eine Schotterpiste hin zu der Überströmungsstelle baut, das haben wir gar nicht gewusst.

Wann wird diese Stelle sicher sein?

Schneider: Es gab am Donnerstag eine große Vor-Ort-Beratung: Ziel ist eine dauerhaft taugliche Hochwasserschutzanlage im Hochuferbereich. Dort sollen schon im September Planungen vorliegen.

Viele Probleme gab es auch in der Roßlauer Südstraße. Weil das Schöpfwerk nicht fertig war. Der Ortschaftsrat hat zudem generelle Zweifel an der Spundwand angemeldet.

Müller: Die Spundwand sollte die Südstraße stabilisieren. Das hat sie getan. Es gab Probleme mit ein paar Durchlässen – und es war auch nicht unkritisch. Doch eine akute Gefahr für Roßlau hat es nicht gegeben. Wir hätten jederzeit reagieren können: Es standen beispielsweise ständig mit Kies beladene 40-Tonner bereit.

Die Roßlauer sehen das anders – und haben einen riesigen Wall auf der Südstraße gebaut.

Schneider: Der war aber einfach zu groß. Das hat bei den Roßlauern unnötig Ängste geweckt.

Wann ist das Schöpfwerk fertig?

Schneider: 2014. Es wird gebaut, und es wird fertig, und es wird uns entlasten, weil das ganze Umpumpen der Rossel unwahrscheinlich viel Kraft und Zeit kostet.

Es gab zuletzt viele, viele Wortmeldungen zum Hochwasser. Wie läuft die Aufarbeitung?

Müller: Wir haben gerade erst mit den Wasserwehren zusammengesessen und über das Hochwasser geredet. Am Ende habe ich gesagt: „Macht Zuarbeiten. Aber nur das Schlechte, was nicht geklappt hat.“ Nur dann können wir beim nächsten Hochwasser besser werden. Ziel ist der 1. Oktober. Dann tagt der Hochwasser-Ausschuss.

Quelle: mz-web.de

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