Warme Mahlzeit aus der Notkantine

Veröffentlicht: Juli 17, 2013 von fluthelfer in Fischbeck

In Fischbeck, das von der Elbflut überrollt wurde, beginnt der Wiederaufbau oft mit einem Abriss. Die Einwohner fragen sich, ob sie dem Deichbruch geopfert worden sind.

Die beiden Weidenbäumchen vor dem Backsteinhaus in der Kabelitzer Straße 7 erhalten eine neue Kugelkopffrisur. Ein Mann setzt die elektrische Heckenschere immer wieder an, damit aus der Kugel kein Ei wird. Als ob es nichts Wichtigeres gäbe, wo man in Fischbeck Hand anlegen könnte!

Nein, gibt es nicht. „Es soll ordentlich aussehen“, sagt die 73 Jahre alte Karin Standke. Denn sonst ist in ihrem Haus und in ihrer Welt nichts mehr in Ordnung. Das Erdgeschoss ist leer geräumt, alle Möbel und Einrichtungsgegenstände sind abtransportiert und auf dem Sperrmüll gelandet. Von den Wänden ist eineinhalb Meter hoch der Putz abgeklopft. Die Reste lassen noch erkennen, dass dies mal ein gepflegtes Haus war. In allen Räumen stehen Trocknungsgeräte. 1300 Liter Wasser haben sie in zehn Tagen aus dem Gemäuer geholt, sagt der Mann mit der Heckenschere. Karin Standke hofft, dass die Versicherung auch die Stromrechnung übernimmt, sie hat den Zählerstand aufgeschrieben. Fünf Wochen nach dem Bruch des Elbe-Deichs hat der Wiederaufbau begonnen, der zunächst oft ein Abriss ist.

In der ganzen Kabelitzer Straße sieht es so aus. Niemand kann in seiner Wohnung leben. Joachim Klemm ist froh, dass das Wasser nur bis zur Fensterlaibung gestiegen ist – die Fenster können drinbleiben. Um ihn herum aber sieht es schlimm aus. Stellenweise steht nur noch das Fachwerk zwischen den Zimmern – die Lehmfüllung hat das Wasser ausgespült. Schräg gegenüber ein ähnliches Haus, auch aus Lehm gebaut. Das Stroh, das den Lehm mehr als 100 Jahre zusammenhielt, hängt jetzt innen aus den Wänden heraus. Das Haus ist nicht zu retten und muss abgerissen werden. Guido Lüdtke, wieder ein Stück weiter, hat damit begonnen, einen Stall hinter seinem Haus abzureißen. Das Wasser, das 14 Tage stand, hat das alte Gemäuer instabil werden lassen. Da bleibt nur der Abriss.

„Die Menschen funktionieren nur“

Bei Gernot Quaschny, dem einzigen Elbfischer in der Gegend, hat ein Bagger damit begonnen, sein Elternhaus – gut zwei Kilometer von der Elbe entfernt – abzureißen. Die Bausubstanz ist zu stark beschädigt. Er möchte einen Hügel von 2,50 Meter Höhe zusammenschieben und darauf ein Holzhaus errichten. Das geht schnell, dann soll es weitergehen. Derweil wohnt er bei seiner Lebensgefährtin. Während der Flut hat Quaschny mit seinem Fischerboot Menschen und Sachen transportiert, weil anderer Verkehr gar nicht möglich war. Er zeigt auf seinen etwa zwei Meter hohen Zaun: „Da bin ich mit dem Boot drübergefahren.“

Überall in Fischbeck, Kabelitz und Wust wird angepackt. Sie wollen nicht weg von ihren Häusern und aus ihrer Heimat. Warum auch? Fischbeck liegt nicht im Überschwemmungsgebiet. „Das letzte Hochwasser liegt mehr als 100 Jahre zurück“, sagt einer. Wenn der Deich nicht gebrochen wäre – Fischbeck wäre auch dieses Mal trocken geblieben. Nun steht in allen Kellern das Wasser. Das Grundwasser, das mit der Elbe steigt, ist durch die Wände eingedrungen. Es soll jetzt nicht abgepumpt werden, weil das die Statik des Hauses gefährden würde.

Der Optimismus der Leute täuscht. „Die Menschen funktionieren nur“, sagt Pfarrer Enders vom Kirchenkreis Stendal, zu dem Fischbeck gehört. Wie recht er hat! Schon bei der vorsichtigen Frage „Und wie geht es Ihnen dabei?“ wird die Stimme brüchig, und die Tränen laufen. Viele stehen vor dem Scherbenhaufen ihres Lebenswerks.

Die Ernte ist mit untergegangen

Die meisten sind irgendwie versichert, die einen für das gesamte Gebäude, andere nur für den Hausrat. Die Versicherungsgutachter waren schon da und haben den Schaden aufgenommen. Aber das Geld lässt auf sich warten. „Wir brauchen das Geld jetzt, wenigstens eine Zahlungszusicherung“, sagt Guido Lüdtke. Jede Fuhre vom Baumarkt, jeder Sack Zement, jeder Spaten kostet Geld. Bei dem Thema kommt Ärger auf. Sie wissen nicht, wann, wie und wo sie die Anträge für die staatliche Hilfe stellen können. Es gebe keine Informationen. Sie fürchten, dass alles viel bürokratischer ist als angekündigt. Sie haben auch Sorge, dass von den acht Milliarden Euro nur Straßen, Brücken und öffentliche Einrichtungen repariert werden.

Auch von den Spenden ist noch nichts bei ihnen angekommen. In Fischbeck hat man nun einen „Runden Tisch“ gebildet. Der Gemeinderat berät, wie die Spenden verteilt werden, die bei der Gemeinde oder beim Kirchenkreis angekommen sind. Es soll schnell gehen und den Leuten Mut machen. „Du stehst mit deinem Schaden nicht allein da“, sagt Pfarrer Enders, „und gerecht soll es zugehen.“ Die beste Vorkehrung, dass keiner übervorteilt wird: „Wir kennen uns hier.“

Die Fäden laufen beim ehrenamtlichen Bürgermeister Bodo Ladwig zusammen. Ihn hat die Flut dreifach getroffen. Im Hauptberuf gehört der 59 Jahre alte Mann zur Leitung der örtlichen Agrargenossenschaft. Schon damit hätte er genug zu tun, denn noch immer stehen die Felder teilweise unter Wasser, die Ernte ist in diesem Jahr mit untergegangen, und was im nächsten Jahr wird, weiß noch niemand. Außerdem ist er selbst Geschädigter und muss sich um das eigene Haus kümmern. Schließlich muss er als Bürgermeister die Notlage in seinem Ortsteil bewältigen. Seit fünf Wochen tut er nichts anderes. Zunächst galt es, die gefährdeten Straßenzüge zu evakuieren, dann waren die Tierkadaver zu beseitigen, denn viele Haustiere, vom Esel bis zum Huhn, die hinter den Häusern und auf Wiesen gehalten wurden, waren verendet.

Die Menschen fürchten, alleingelassen zu werden

Die Stromversorgung war sicherzustellen und eine Notversorgung für die Menschen zu organisieren. Die ist noch heute aktiv. In einer Scheune werden Sachspenden, Waschpulver, Hundefutter, Nahrungsmittel, ausgegeben. In Fischbeck gibt es keinen Kaufladen. Eine Art Notkantine sorgt für eine warme Mahlzeit, da ja auch die Kücheneinrichtungen im Wasser untergegangen sind. Ein großer koreanischer Hersteller von Elektrogeräten hat zehn Waschmaschinen und zehn Trockner zur Verfügung gestellt, dort wäscht Dorte Steuern aus dem Nachbarort die Wäsche für das halbe Dorf.

Niemand hat hier etwas gegen Bürgermeister Ladwig. Aber hartnäckig hält sich die Überzeugung, dass Fischbeck geopfert worden sei. Das Wasser, das sich über Weiden und Felder ergoss, hat die Scheitelwelle um etwa 30 Zentimeter gesenkt und zum Beispiel Hitzacker gerettet. Die Verbandsgemeinde Wust-Fischbeck hat insgesamt 1600 Einwohner und besteht aus acht Ortsteilen. Nur drei davon, Wust, Kabelitz und Fischbeck, sind von der Elbeflut getroffen. Da wird das, was im Juni als „nationale Katastrophe“ beschworen wurde, ganz klein. Die Menschen fürchten, mit ihren großen Sorgen alleingelassen zu werden. „Wir brauchen die Klarheit, ob wir geopfert wurden, um hier weiterzuleben“, sagt Pfarrer Enders.

Inzwischen rollt der Verkehr wieder über die Hauptstraße in Fischbeck. Der eilige Autofahrer nimmt kaum etwas von dem wahr, was in Fischbeck passiert ist.

Quelle: faz.net

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