Nach der Flut ist vor der Flut

Veröffentlicht: Juli 17, 2013 von fluthelfer in Sachsen
Obwohl Sachsen schon viel Geld in den Hochwasserschutz investiert hat, haben die Überschwemmungen im Juni viel Schaden angerichtet. Die betroffenen Gemeinden stellen sich bereits die Frage, wie sie sich vor dem nächsten Hochwasser schützen.
Astrid Pawassar, Dresden

Bad Schandau in der Sächsischen Schweiz hat es wieder hart erwischt. Das noble Schwimmbad mit grossem Wellnessbereich ist die Lebensader des Kur- und Freizeitbetriebes. Nach der «Jahrhundertflut» im Jahre 2002 haben die Betreiber knapp eine Million Euro in Flutschutzanlagen investiert, damit die Hauptattraktion des Ortes nicht wieder im Wasser versinkt. Doch diesmal brachte nicht die Elbe, sondern das rapide gestiegene Grundwasser das vorläufige Aus. Das Bad ist für Bad Schandau unerlässlich, deshalb wird es auch wieder instand gesetzt. «Aber allzu oft können wir so etwas nicht verkraften», sagt der Bürgermeister Andreas Eggert.

Schutz für Menschen geht vor

Jede Flut ist anders, lautet eine der Lehren aus den Überschwemmungen der letzten elf Jahre. Waren es 2002 die kleinen Erzgebirgsflüsschen, die als reissende Ströme die Täler fluteten, so kämpften die Katastrophendienste vor wenigen Wochen mit einem sieben Tage anhaltenden Hochwasserscheitel der Elbe. Nach dem Dauerregen im Mai waren die Böden gesättigt, die durchweichten Deiche konnten dem anhaltenden Wasserdruck mancherorts nicht mehr standhalten. Dennoch waren die diesjährigen Überschwemmungen in Sachsen bei weitem nicht so desaströs wie vor elf Jahren.

Seit 2002 hat der Freistaat Sachsen viel für den Hochwasserschutz getan. 120 Kilometer Deiche wurden saniert, 23 Kilometer neu gebaut. Durch Deichrückverlegungen sind gut 100 Hektaren zusätzlicher Überschwemmungsflächen für die Flüsse geschaffen worden. Mehr als 64 000 Hektaren Fläche sind als Überschwemmungsgebiete eingestuft worden, das heisst, dass dort nicht gebaut oder der Abfluss von Wasser nicht behindert werden darf. Die Kritik von Naturschutzverbänden, dies reiche nicht aus, es müssten noch viel mehr Retentionsgebiete ausgewiesen werden, kontert der zuständige Landwirtschafts- und Umweltminister, Frank Kupfer: «Die oberste Priorität ist der Schutz für die Menschen, die Polder kommen später dran.»

Dresden hat von dieser Gewichtung profitiert. 16 Millionen Euro investierte das Land Sachsen in Schutzmauern und Fluttore. Die Altstadt mit Semperoper und Kunstsammlungen blieb diesmal trocken. Anders sah es in den Aussenbezirken im Osten und Westen aus. Der östliche Stadtteil Laubegast wurde abermals zur Insel, weil sich im Nu der bebaute alte Elbarm wieder mit Wasser füllte. Stadt und Land konnten sich hier über Art, Umfang und Zuständigkeit für den Hochwasserschutz bisher nicht einigen. Im westlich gelegenen Gohlis war der neue Deich noch nicht fertiggestellt, weil sich durch Einsprüche das dafür notwendige Planfeststellungsverfahren in die Länge zog.

Die Praxis zur Genehmigung von Hochwasserschutzmassnahmen ist nicht nur den Politikern ein Dorn im Auge. Der Weg vom Planfeststellungsantrag bis zur Realisierung des Projektes ist lang und bietet mit Anhörungen, Auslegungen der Pläne und Klagemöglichkeiten viel Raum für Verzögerungen. «Es gibt Verfahren, die mehr als 20 Jahre dauern», weiss Jürgen Stamm, Professor für Wasserbau an der Technischen Universität Dresden. «Da stellt sich die Frage, ob man für einen Polder das gleiche Planfeststellungsverfahren braucht wie für ein Atommüllendlager.» Braucht man nicht, befand die Staatsregierung und liess sich soeben vom Sächsischen Landtag ein neues Wassergesetz verabschieden, das die Genehmigung öffentlicher Hochwasserschutzanlagen deutlich beschleunigen soll.

Begehrlichkeiten

Die Politik habe sich in den vergangenen Jahren ohnehin als lernfähig erwiesen, befindet Professor Stamm: «Die 2007 verabschiedete Richtlinie der Europäischen Union zum Risikomanagement in hochwassergefährdeten Gebieten ist richtungweisend.» Sie verschiebt den Akzent vom reinen Schutzgedanken hin zur Vorsorge. So will auch Sachsen mit neuen Restriktionen für überschwemmungsgefährdete Gebiete dafür sorgen, dass künftig noch mehr flussnahe Bereiche von Bebauung freigehalten werden.

Ob sich die gesetzgeberischen Bemühungen in der Praxis bewähren, muss sich erweisen. Denn die Vergangenheit hat auch gezeigt, dass zeitgleich mit der Beseitigung von Hochwasserschäden bei manchen politischen Entscheidungsträgern ein Verdrängungsprozess einsetzt. Landwirtschafts- und Umweltminister Kupfer berichtete der Presse unlängst von Kommunalpolitikern in Dresden, die sich hinter einem neuen Deich ein Gewerbegebiet vorstellen konnten.

Noch viel grösser ist das Bauvorhaben, das Eingang in einen Masterplan zur Entwicklung des Gebietes rund um den alten Stadthafen gefunden hat. Nach Hamburger Vorbild soll hier – im Überschwemmungsgebiet – auf einem 40 Hektaren grossen Gelände eine «Hafen-City» mit exklusiver Wohnbebauung entstehen. Diese soll angeblich hochwassersicher bis zu einem Pegelstand der Elbe von 9,24 Metern werden, weil Tiefgaragen als Auffangbecken dienen sollen. Das Umweltministerium hat protestiert, kann aber gegen die Begehrlichkeiten der Stadt nur auf Überzeugungskraft setzen, denn das Gebiet ist kommunales Eigentum.

Mauer in Meissen zu tief

Weiter elbabwärts, in Meissen, ist man aus Schaden klug geworden. «Den letzten sturen Hausbesitzern ist nun klargeworden, dass sie ihre Heizungen und Elektroanlagen nach oben verlagern müssen», sagt der Oberbürgermeister Olaf Raschke. Denn Meissen hatte auch 2006 und 2010 mit Hochwasser zu kämpfen; diesmal war wieder die gesamte Altstadt geflutet. Die Schutzmauer an der Elbe hält nur kleinere Hochwasser ab; für das diesjährige hätte sie auf einer Länge von 25 Kilometern zwei Meter höher sein müssen. «Man kann nicht alles verbarrikadieren, wir müssen mit Überschwemmungen leben und den Neuaufbau so organisieren, dass die Gebäude dem Wasser standhalten», lautet Raschkes Schlussfolgerung. Nun gilt es, Schäden in Höhe von 53,9 Millionen Euro zu beseitigen. Das Theater, ein am tiefsten Punkt der Stadt gelegener Bau aus dem 16. Jahrhundert, wird künftig ohne Holz und mit Baustoffen ohne Dämmung auskommen müssen. Gartenanlagen in Elbnähe werden zu Feuchtwiesen umgewandelt, damit der Fluss mehr Raum bekommt.

Eine Sorge wird der Oberbürgermeister allerdings nicht so schnell los: Die Angst, dass die Touristen ausbleiben. Wie so viele Elbanrainer in Sachsen ist die Stadt, bekannt für ihre Porzellanmanufaktur, auf Gäste angewiesen. «Hier ist kein Hotelbett nass geworden, die Händler konnten rechtzeitig ihre Waren und das Inventar in Sicherheit bringen, und unsere Touristenattraktionen wie Porzellanmanufaktur, Burg und die Weinberge sind ohnehin nicht gefährdet», fasst Raschke die Situation zusammen. Er selbst hat aus Solidarität mit anderen Flutopfern diesmal seine Ferien in Deggendorf und Passau verbracht.

Quelle: nzz.ch

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