Schicksale, die an die Nieren gehen

Veröffentlicht: Juli 11, 2013 von fluthelfer in Hochwasserfolgen

Die Flutkatastrophe ist aus den TV-Nachrichten verschwunden, aber die Not in den betroffenen Gebieten ist geblieben. Der Weilerswister Bernhard Mandt hat Schäden im Auftrag der Versicherungen vor Ort begutachtet.

Die Flutkatastrophe ist aus den TV-Nachrichten verschwunden, die allermeisten Helfer aus den neuen Bundesländern sitzen wieder daheim im Trockenen. Die Pegel der Elbe sind in Dresden, Pirna, Riesa und im Havelland gesunken.

Das Wasser ist zurückgegangen, die Ausmaße der Schäden sind erst jetzt richtig zu erkennen. Aber gewisse Stammtischparolen werden mit konstanter Hartnäckigkeit wiederholt: „Jetzt gehen schon wieder Milliarden in den Osten.“ Vollkommen zu Unrecht, versteht sich.

„Daraus spricht reine Unkenntnis“

Bernhard Mandt gehen derartige Sprüche auf die Nerven: „Daraus spricht reine Unkenntnis.“ Wenn sich die Leute selbst ein Bild von dem Leid und Elend der Flutopfer machen würden, kämen ihnen solche Sätze nicht über die Lippen. Mandt ist die Lage vor Ort bekannt. 40 Jahre lang war er Schadensregulierer in Diensten diverser Versicherungskonzerne.

Im Januar suchte der Weilerswister im zarten Alter von 63 eine neue berufliche Herausforderung und machte sich mit einem Büro für Schadenmanagement selbstständig.

Seither nimmt er Schäden für Versicherungsgesellschaften, aber auch im Auftrag der Leidtragenden unter die Lupe. Der Versicherungsbetriebswirt betreut in Sachsen rund 25 „Fälle“, hinter denen häufig menschliche Schicksale stehen, die Mandt selbst nach vier Jahrzehnten Berufspraxis noch an die Nieren gehen.

80 Prozent der Schäden abgedeckt

Bei der „Jahrhunderflut“ vor elf Jahren seien rund 80 Prozent der Schäden durch Versicherungen oder staatliche Leistungen abgedeckt worden. Mit einer ähnlichen Quote rechnet Mandt auch jetzt.

Aber die finanzielle Entschädigung für das mit viel Herzblut neu aufgebaute und eingerichtete Einfamilienheim, das nun zum zweiten Mal von den Fluten fortgerissen wurde, könne längst nicht über jedes Leid hinwegtrösten.

Erst vor wenigen Tagen ist Mandt von seiner dritten Reise in die Überschwemmungsgebiete an der Elbe zurückgekehrt. Besonderen Eindruck hinterließ bei ihm eine Frau, die vor den Trümmern ihrer Existenz stand und ihm weinend berichtete, dass ihrem Ehemann am nächsten Tag ein Bein amputiert werden müsse.

Mandt: „Sie ist jetzt mit ihren Kindern allein auf sich gestellt und weiß nicht, wie es weitergehen soll.“

„Wie bei jeder Katastrophe gibt es auch jetzt Profiteure“

Die Müllberge mit dem aussortierten zerstörten Mobiliar seien fast weggeräumt, jetzt sei „Kärchern“ das geflügelte Wort in den Überschwemmungsgebieten.

Wo man hinsehe, werde mit Hochdruckreinigern der Versuch unternommen, die Hauswände von den schmierigen Überresten der Plörre zu befreien.

Mauern würden aufgestemmt und mit Gebläsen so weit möglich getrocknet, um es nicht wieder wie vor elf Jahren zu Schimmelbildung kommen zu lassen. Während einige Helfer aus den neuen Bundesländern aus der Aktion ein „Happening“ gemacht und nur vor laufenden TV-Kameras Sandsäcke gefüllt hätten, sei die Solidarität unter den Betroffenen in Sachsen beeindruckend.

Man helfe sich gegenseitig mit allen zur Verfügung stehenden Kräften. Wenngleich es hier beklagenswerte Ausnahmen gebe: „Wie bei jeder Katastrophe gibt es auch jetzt Profiteure.“

Geräte teuer vermietet

Für ein Leih-Gebläse, das normalerweise 60 Euro pro Woche koste, würden nun astronomische 400 Euro verlangt. Auch einige Handwerker, deren Auftragsbücher aus allen Nähten platzten, hätten die Gunst der Stunde erkannt.

Wer nicht bereit sei, Wahnsinnspreise zu bezahlen, sitze womöglich noch einige Wochen mit Kind und Kegel in einem engen Hotelzimmer oder sei notdürftig bei Bekannten untergebracht. Ganz zu schweigen von Industriebetrieben, denen der komplette Maschinenpark abgesoffen sei. Bestenfalls könnten sie ihre Aufträge nicht rechtzeitig erledigen und kämen mit Konventionalstrafen davon, schlimmstenfalls müssten sie ihre Unternehmen schließen.

Mandt: „Wer einmal als Lieferant ausgefallen ist, hat es schwer, wieder mit den Kunden ins Geschäft zu kommen.“ Handwerker und Einzelhändler, deren Geschäftsräume geflutet worden seien, würden sich jetzt notgedrungen als fliegende Händler auf Marktplätzen mehr schlecht als recht durchschlagen, um dem ansonsten sicheren Konkurs zu entgehen. Versicherungsschutz gegen Firmenpleiten gebe es nämlich nicht.

Nur selten versichert

Aber es seien auch nur 15 bis 25 Prozent aller Privathäuser gegen naturbedingte Elementarschäden etwa durch Hochwasser versichert. Einigen sei die Versicherung nach der Flut im Jahr 2002 gekündigt worden, und fänden keinen neuen Versicherungskonzern.

Andere hätten freiwillig auf einen Versicherungsschutz verzichtet.

Dabei koste die Versicherung eines Hauses mit einem Wert von 230 000 Euro nur etwa 400 Euro pro Jahr, der Anteil, der auf Elementarschäden entfalle, liege bei 70 Euro – bei einer Selbstbeteiligung im Schadensfall von allenfalls 2500 Euro.

Mandt: „Dafür kriegt man kaum eine vernünftige private Haftpflichtversicheruing.“

Aber da die Katastrophe vor elf Jahren als „Jahrhundertflut“ bezeichnet worden sei, hätten die Menschen nicht damit gerechnet, so schnell erneut heimgesucht zu werden.

Eine Risikobewertung, die Mandt aufgrund seiner Berufserfahrung als durchaus üblich und völlig normal einschätzt.

Quelle: ksta.de

 

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