Trauma, Tränen, Trauer: Die Flut wirkt nach

Veröffentlicht: Juli 10, 2013 von fluthelfer in Landkreis Lüchow-Dannenberg

 

Das Hochwasser hat sich aus Vietze zurückgezogen, aus den Köpfen vieler Bewohner nicht – Diakonie-Katastrophenhilfe spendet Luftentfeuchter

In der Vietzer Kapelle riecht es muffig. »Das stinkt ja wie bei uns zu Hause», sagt Marlene Harder und zwingt sich ein Lächeln ins Gesicht.

Nach Lachen ist ihr seit ein paar Wochen eigentlich nicht zumute. Harder ist eine Hausbesitzerin, die die Flut besonders hart getroffen hat. Kniehoch stand die Brühe in der unteren Etage. 40 Zentimeter hoch stand sie auch in der Vietzer Kapelle. Ein Novum. Alle Bänke sind nun auf Holzblöcke aufgebockt, ein Gebläse soll helfen, die Feuchtigkeit herauszubekommen. Kapellenvorsteherin Susanne von Imhoff liest die Luftfeuchtigkeit ab. »80 Prozent», sagt sie und verzieht das Gesicht. Nächste Woche kommen Mitarbeiter der Denkmalpflege, um den Altar, die Kanzel und die Orgel zu begutachten. Von Imhoff, Marlene Harder und deren Tochter Hilke gehen hinüber zur Aussegnungshalle, um einen Luftentfeuchter zu holen. Von Imhoff hat zusammen mit anderen aus dem Kirchenkreis 20 Geräte bei der Diakonie-Katastrophenhilfe in Berlin organisiert. »Sie sollen vor allem an Menschen gehen, die keinen Versicherungsschutz haben», sagt von Imhoff.

Das Wasser hat die gesamte Dämmung in der unteren Etage von Marlene Harders Haus zerstört, die Tapeten, den Boden, die Fußbodenheizung. Im Keller steht das Wasser noch immer. Die Nerven liegen blank. Hilke Harder schaut zu ihrer Mutter hinüber, ihr kommen die Tränen. Sie ist mitgenommen, obwohl sie gar nicht in Vietze, sondern in Meetschow wohnt. »Es ist schlimm, wenn die eigene Mutter wie eine Nomadin herumziehen muss», sagt sie. Noch nie hat die Elbe Marlene Harders Haus unter Wasser gesetzt. »Das war ein Riesenschock, damit hatte niemand gerechnet», sagt sie. Sie habe auch schon mit dem Gedanken gespielt, das Haus zu verlassen, woanders hinzuziehen. Sie hat sich trotz allem anders entschieden. Die Flut-Erlebnisse sind längst nicht überwunden. Manche Menschen seien traumatisiert, sagt von Imhoff, deshalb sei das persönliche Gespräch besonders wichtig: »Lasst es raus, schluckt es nicht runter.» Selbst Marlene Harders Katze hat die Flut einen Schlag versetzt: »Sie hat sich seit dem Hochwasser in die obere Etage verkrochen, versteckt sich unter den Möbeln.» Mut mache ihr die Hilfsbereitschaft. Die von Olaf Roitsch zum Beispiel. Er ist bei der Freiwilligen Feuerwehr Stade, war in Vietze eingesetzt gewesen und hatte mit seinen Kameraden Harders Grundstück vor den Fluten zu bewahren versucht. Als er die Frau später im Fernsehen wiedererkannte, sie in ihrem überschwemmten Haus stehen sah, konnte er nicht anders, als von Schleswig-Holstein aus nach Vietze zu fahren. »Er hat die Elektrik gemacht, das war einfach unglaublich», sagt Marlene Harder.

Brigitte und Benno Rüppel sind ein paar Häuser entfernt schon etwas weiter. Auch bei ihnen stand das Wasser im Haus. Den 10. Juni 2013, 3.30 Uhr, wird Benno Rüppel so schnell nicht vergessen: »Wir hatten uns gerade hingelegt, um etwas zu schlafen, da schoss das Wasser plötzlich in den Garten.» Überall habe es gegurgelt, als das Wasser ins Haus eingedrungen sei. Ein schlimmes Gefühl sei das gewesen, erinnern sich die beiden. »Erst habe ich noch versucht, das Wasser mit Frottee-Handtüchern aufzuhalten – man tut die verrücktesten Sachen, weil man es einfach nicht glauben will», sagt Brigitte Rüppel. Das schlimmste Gefühl der Fluttage sei allerdings gewesen, als die Einsatzkräfte Vietze aufgegeben hätten. Das können die Rüppels bis heute nicht verstehen. »Wir fühlten und verraten und verkauft», sagen sie.

Sie hoffen, dass es bald einen stärkeren Wall gibt, der den Ort schützt. In der Vergangenheit hatten nicht alle Vietzer das gewollt, teilweise nicht ihre Grundstücke hergeben wollen. »Es muss immer erst das Kind in den Brunnen fallen», sagt Benno Rüppel. Ihn macht das etwas wütend. Viele andere Dinge rund um die Flut auch. Die Soforthilfe für Hochwasser-Opfer in Niedersachsen zum Beispiel. Bis heute sei kein Cent bei ihnen angekommen. »Was ist das für eine Soforthilfe?», fragt er. In Bayern und Schleswig-Holstein sei es zügiger gelaufen. Auch der Merkel-Besuch in Hitzacker kam bei den Menschen in Vietze eher weniger gut an, schließlich sei die Stadt durch die Hochwasser-Schutzmauer sowieso sicher gewesen. »Und der Landrat ist lieber zu Mutti Merkel gegangen, anstatt hierher nach Vietze zu kommen», sagt er. Der Zusammenhalt im Ort hingegen sei vorbildlich gewesen. Es klingelt. Vor der Tür steht Michael Bertram. Der Vietzer hat ein Schreiben an Landesumweltminister Stefan Wenzel aufgesetzt. Der Tenor: Die Landesregierung solle für einen umweltverträglichen Hochwasserschutz, nicht für einen Deich, sondern für einen breiteren Wall, sorgen. Bertrams Nachbarn unterschreiben. Etwas wie am 10. Juni um 3.30 Uhr wollen sie in ihrem Leben nicht noch einmal erleben müssen

Quelle: ejz.de

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