Flutregionen bleiben auf den Sandsäcken sitzen

Veröffentlicht: Juli 10, 2013 von fluthelfer in Zentrale der Deutschen Fluthilfe

Das Wasser geht, die Säcke bleiben – in den Flutregionen müssen Hunderttausende beseitigt werden. Freiwillige gibt es kaum, die Länder zahlen zu wenig. Von T. Steffen

Als die Flüsse über die Ufer traten, waren die Helfer schnell vor Ort: Die Bundeswehr schickte Soldaten, das Technische Hilfswerk Katastrophen-Profis, das Rote Kreuz entsandte Tausende Kräfte. Seit das Wasser abläuft, ist das anders. Statt unkompliziert und zügig zu helfen, verweisen die Verantwortlichen aufeinander, wenn es darum geht, wer die Folgekosten der Hochwasserkatastrophe trägt. „Wir hätten uns da eindeutigere Regelungen gewünscht“, sagt Ronny Schult, Ordnungsamtschef der mecklenburgischen Stadt Dömitz.

Arbeit gibt es genug: Noch immer liegen Hunderttausende Sandsäcke an den Ufern von Elbe, Mulde und Saale, an Häusern und Straßen. Manche sind mit Öl aus Heizungen belastet und damit Sondermüll. Im Hinterland müssen viele Kilometer der eilig aufgeschütteten Not-Deiche beseitigt werden. Doch die Bundeswehr darf nicht mehr helfen, seit der Katastrophenzustand aufgehoben ist. Das Technische Hilfswerk erledigt nur noch begonnene Restarbeiten, weil das Geld knapp ist. „Das vom Bund übernommene Budget von 30 Millionen Euro ist ausgereizt“, sagt Sprecherin Georgia Pfleiderer.

So rufen die Kommunen wieder ihre Bürger zu Hilfe, um Sandsäcke abzutragen. Amtsleiter fordern ihre Mitarbeiter auf, einen Tag statt am Schreibtisch am Deich zu verbringen. An den Kalißer Deichen nahe Dömitz kamen vergangenes Wochenende noch einmal 300 Menschen pro Tag. Doch das Engagement lasse nach, sagt Ordnungsamtschef Schult. „Die Leute sind ausgepowert.“

Auf dem Gebiet der Gemeinde liegt noch ein Viertel der 1,2 Millionen verbauten Säcke herum. Schult fürchtet Schäden für den Fremdenverkehr. „Die Säcke müssen weg, auch wegen der Touristen“, sagt er. Im stromauf gelegenen Katastrophengebiet um die sachsen-anhalter Gemeinde Fischbeck hat man es nicht so eilig. Von den etwa sieben Millionen Sandsäcken ist erst die Hälfte beseitigt. „So schnell, wie sie aufgeschichtet wurden, kriegen wir die da nicht wieder weg“, sagt Bürgermeister Berndt Witt, „die Bürgerhilfe reicht nicht aus“. Witts Krisenplan ist pragmatisch: Was nicht stört, bleibt vorerst liegen. „Die Reinigung der Häuser und die Straßenreparaturen sind wichtiger als das Wegfahren der Säcke“, sagt Witt.

Nun beauftragen die Gemeinden Unternehmen mit schwerer Technik, um Deiche und Straßen abzuräumen. Säcke müssen entleert oder kompostiert werden, die Plastiktüten kommen zum Müll, die Sandmassen werden deponiert. Im niedersächsischen Landkreis Lüchow-Dannenberg übernimmt der Maschinenring diese Aufträge – eine Art Mietzentrale für Landwirte. Kosten: 70 Euro pro Stunde. Zum Glück beginnt die Ernte hier erst nächste Woche, viele Traktoren, Laster und Landwirte sind derzeit verfügbar.

Wer am Ende zahlt, ist vielerorts offen: Aus dem erst vergangene Woche beschlossenen Bund-Länder-Fonds werde „mit Sicherheit nichts“ kommen, sagt Ernst-August Schulz, Fachdienstleiter Wasserwirtschaft beim Landkreis. Ordnungsamtschef Schult aus Dömitz erzählt von langen Diskussionen: Das Land schob die Verantwortung auf den Landkreis, weil der die Sandsäcke aufschichten ließ. Der Kreis dagegen verwies auf die Landesregierung, die für den Hochwasserschutz zuständig ist. „Wir drehten uns im Kreis“, sagt Schult.

Im stromabwärts gelegenen Boizenburger Land ist mittlerweile klar: Nach anfänglichem Zögern zahle das Land Mecklenburg-Vorpommern alles, sagt Karin Wienecke vom Krisenstab. Niedersachsen sicherte seinen Kommunen 50 Prozent Kostenersatz zu. Sachsen-Anhalt wollte erst nur 75 Prozent übernehmen. Nach einer weiteren Beratung im Kabinett beschloss die Regierung vollen Kostenersatz.

Manch ostdeutsche Flutregion hat es einfacher: Im nur schwach betroffenen Torgau oder in Dessau-Roßlau schickten die Krisenstäbe einfach Ein-Euro-Jobber an die Deiche. Stadt und Landkreis zahlen. Die Katastrophenmanager motivierten zudem hilfswillige Bürger mit Getränken und Proviant. Hunderte kamen und brachten „teils die eigenen Pkw mit“, sagt Feuerwehrchef Roland Schneider. Von einst fünf Kilometern Deicherhöhung in Dessau-Rosslau ist bis auf 150 Meter schon alles abgetragen.

Quelle: zeit.de

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