Sachsen und Sachsen-Anhalt nach der großen Flut

Veröffentlicht: Juli 7, 2013 von fluthelfer in Zentrale der Deutschen Fluthilfe

 

Nach dem dramatischen Hochwasser ist das Schlimmste an Elbe, Saale und Mulde zwar überstanden, viele Besucher bleiben aber trotzdem weg. Dabei brauchen die Bundesländer gerade jetzt die Gäste. Von Roland Mischke

„Sie kommen ja nur nach einer Katastrophe!“, raunzt Fred Urban mich mit vorwurfsvollem Unterton an. Ganz recht hat der Direktor des „Klosterhotels Nimbschen“ im sächsischen Grimma indes nicht: Zur Jahrhundertflut 2002 war ich zwar tatsächlich dort, in seinem Hotel an der Mulde, wo ihr Bett am breitesten und die Landschaft am romantischsten ist.

Aber ich war auch zwischendurch noch mal hier, habe in seinem Haus logiert, habe Postkutsche und Floß genutzt, bin nachts am alten Treidelpfad unterm Sternenzelt entlang spaziert und tagsüber über die Wiesen geritten. Das Gesicht des Hoteleigentümers hellt sich auf: „Dann wissen Sie also, was für ein gut gehendes Unternehmen wir waren.“ Danach wird er melancholisch: „Eine Jahrhundertflut hätte uns für ein Leben gereicht.“

Sein Hotel steht an der Ruine des Klosters Nimbschen, in der Katharina von Bora vor knapp 500 Jahren ihr Leben als Nonne fristete. Bis Martin Luther in Grimma aufrührerische Predigten hielt und sich die Bürger scharenweise seinem reformatorischen Gedankengut anschlossen.

Die fromme Schwester floh mit acht anderen Nonnen aus der Obhut ihrer Äbtissin, Luther hat sie später geheiratet. Die topsanierte Klosterruine war ein Besuchermagnet, ist „noch nass, sie hat einen riesigen Abwasch bekommen“, sagt Urban. „Aber man kann sie jederzeit besuchen.“ Sogar nachts, wenn sie zeitweise angestrahlt wird.

Sein Haus dagegen, mit Kreuzgewölbe im Gastsaal, hübschen Zimmern und Freizeiteinrichtungen, gleicht im Innern einer belagerten Festung am Ende eines Krieges. Kabelsalat in jedem Raum, vom Wasser aufgebrochene Böden, Reste von Schlamm selbst nach mehreren Grundreinigungen. „Wir wollen das finanziell und technisch stemmen“, sagt der Hausherr entschieden.

„Alles, was wir brauchen, sind Gäste“

Weil erst kurz vor Weihnachten wieder aufgemacht werden soll, gehen Fred Urban allerdings 60 Hochzeiten verloren, „ein Geschäft, auf das wir angewiesen sind. Überhaupt: Alles, was wir brauchen, sind Gäste.“ Da ist er dankbar, wenn jemand eine Jubiläumsfeier einfach vom Juli in den Dezember verschiebt und wenn Stammgäste jetzt schon für 2014 buchen.

In Dresden setzt man noch auf 2013. Das Wasser der Elbe rauschte zwar mit höherer Scheitelwelle durch die Stadt als 2002, aber der Hochwasserschutz hat funktioniert. Die Wassermassen konnten ins Hinterland fließen und sich ausbreiten in renaturierten Mooren, zwischen Misch- und Nadelwäldern und in weniger stark versiegelten Böden versickern. Die barocke Altstadt blieb komplett verschont, der Strom leckte nicht einmal am Theaterplatz vor der Semperoper oder am Zwinger.

Von den dortigen Cafés und Museen konnte man tagelang den reißenden Fluss mit einem bis zu 8,90 Meter hohen Pegelstand sehen, sogar von der Brühlschen Terrasse und den Elbbrücken. Die Bilder haben Eindruck gemacht – leider einen falschen.

„Jeden Tag haben wir Stornierungen. Dabei liegt unser Haus etwa zwei Kilometer weg von der Elbe, völlig unbeschädigt“, sagt Olaf Mertens, Geschäftsführer der Dorint Hotels, die auch in Dresden ein Hotel betreiben.

Auf der Internetseite des Hotels heißt es denn auch: „Dresden hat das Hochwasser gebannt – und freut sich auf Sie! Zögern Sie nicht, der geschichtsträchtigen Elb-Metropole jetzt und in den kommenden Wochen einen Besuch abzustatten.“ Seit Anfang Juli finden auch wieder die Touren der „Sächsischen Dampfschiffahrt“ statt, der Elbepegel ist fast wieder auf dem üblichen Stand.

Im Restschlamm blüht es bereits wieder

Die große Flut hat in acht Bundesländern 56 Städte heimgesucht. 85.000 Menschen wurden in Sicherheit gebracht, davon mehr als die Hälfte in Sachsen und Sachsen-Anhalt.

Wer nun, wenige Wochen später, die Regionen bereist, sieht nur noch an den ramponierten Ufern von Elbe, Saale, Mulde, Gera oder Pleiße, dass tagelanger Starkregen aus einem Tiefdruckgebiet herabprasselte und die Flüsse auffüllte. Doch selbst im Restschlamm in den Büschen blüht es bereits wieder.

Allerdings ist der Tourismus ins Stocken geraten. Viele Urlauber glauben, Ostdeutschland sei mehr oder weniger untergegangen. Das ist falsch: Die Hochwasserzeit in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Brandenburg ist schon Geschichte.

Die Menschen dort freuen sich über die Spenden, an Ortsschildern, Brücken und Gebäuden danken sie auf Transparenten. Sie sagen aber übereinstimmend, was jetzt die schönste Spende für sie wäre: ein Besuch. Touristen, kommt! Ostdeutschland braucht Gäste.

Urlauber könnten helfen, das einzuspielen, was abermals verloren ging. Etwa im „Erlebnishotel zur Schiffsmühle“ in Grimma an der Mulde. Dort haben die Eigentümer Thomas und Mario Sörnitz mit hohen Krediten ihre Herberge erst im Frühjahr aufgewertet. Eine nagelneue Küche montiert, die modernste Variante einer Kläranlage einbauen lassen.

Die Reiseveranstalter klopften ihnen auf die Schultern, die Toplage am Wasser mit einer der letzten intakten Schiffsmühlen in Deutschland, dem Juttapark mit uralten Baumriesen auf dem Hügel darüber, auf der Mulde Wassersport und Reiten am Ufer – eine wirtschaftlich verheißungsvolle Perspektive.

Von der Wucht des Wassers zerlegt

Aber am 31. Mai begann es „zu prasseln wie im Monsun“, erzählt Mario Sörnitz. Die Flutwelle schwappte innerhalb weniger Stunden über die Hotelanlage, noch Tage später fielen im Park durch aufgeweichte Böden an die 40 Bäume um. Die denkmalgeschützte Schiffsmühle, eine Sonderform der wassergetriebenen Mühlen, wurde von der Wucht des Wassers in mehrere Teile zerlegt und steckt verkantet in der Uferwiese.

„Aber diesmal hatten wir 50 Zentimeter weniger Wasser als 2002, das hat uns gerettet.“ Der neue Küchenblock ist Schrott, das Kühlhaus ebenso. Aber nach dem Trocknen der über den halben Parkplatz verteilten Rustikalmöbel aus dem Biergarten geht es weiter. „Auf der Straße gibt es keinen Matsch mehr“, sagt Sörnitz. „Für uns kommt alles darauf an, dass die Gäste wieder kommen.“

Darauf hofft man auch in Bernburg. Die Stadt ist eine anhaltische Schönheit an der Straße der Romanik, ganz auf die Saale konzentriert: Beide Ufer mit Promenaden und Fahrradwegen, auf dem Felsen ein Schloss, malerisch die Altstadt, dazu Parkeisenbahn, Tiergarten mit Bären und Geparden. Besucher lieben die Rundfahrt mit dem Dampfer „Saalefee“ im Stadtgebiet und durch die Schleusen.

Als der Regen vom Himmel prasselte, vertäute Kapitän Uwe Neumann das Schiff an den höchsten Baumästen. Dadurch blieb es unbeschädigt, der Fahrbetrieb hat wieder begonnen, „aber wir haben Umsatzeinbrüche, weil Busgruppen, Schulklassen und Tagesgäste auf dem Schiff abgesagt haben“, sagt Neumann. „Eigentlich ist alles wieder gut hier, nur die Gäste fehlen.“

Die Katastrophe wurde souverän gemanagt

In Halle war man im „Krug zum grünen Kranze“ seit 2011, dem letzten Hochwasser der Saale, gewappnet. Der Boden im 200 Jahre alten Gasthaus und auf der Terrasse ist seither versiegelt, kein Wasser kann ihn aufquellen. Alles Mobiliar ist schnell abmontierbar und zu bergen. Obwohl die Saale im Juni so hoch stieg wie seit 400 Jahren nicht mehr, wurde die Katastrophe souverän gemanagt.

An der Idylle gegenüber der Burg Giebichenstein, wo ein gewisser Wilhelm Müller 1818 beim Saale-Unstrut-Wein das wahrscheinlich bekannteste deutsche Volkslied „Das Wandern ist des Müllers Lust“ komponierte, ist nur die Straße leicht marode. „Wir wussten, was zu tun war“, sagt André Grenzdörffer vom „Krug“-Team. „Wir hatten Handwerker vertraglich an uns gebunden, alles war geregelt vor, während und nach der Flut, keinem unserer Mitarbeiter musste gekündigt werden.“

Der Gasthof konnte deshalb Ende Juni, noch ohne Strom, wieder eröffnen. Auf dem Grill wurden Speisen zubereitet, es gab zunächst nur kalte Getränke. Sofort kehrten die ersten Stammgäste zurück.

„Viele Touristen haben aber noch die Sperre im Kopf, dass Urlaub in Halle nicht geht,“ klagt Grenzdörffer. Als eine Seniorengruppe auf „Nie wieder Hochwasser in unserem Krug“ anstößt, merkt er an, das sei völlig unrealistisch: „Manche Gegenden müssen mit Tornados leben, wir mit den braunen Fluten. Aber es geht: Wir sind eine gut gerüstete Hochwasserregion.“

Fatale Ausfälle in Hotellerie und Gastronomie

Schlecht beraten war indes Halles Oberbürgermeister, als er die Händel-Festspiele absagte. Warum bloß? Auf den kleinen Berg, auf dem die alte Stadt angesiedelt ist, floss kein Wasser, Halle hätte sich selbst feiern können nach dem Kampf gegen das Hochwasser – in Halle-Neustadt mussten 30.000 Bewohner evakuiert werden – und Tausende Besucher hätten Geld, Hilfe und Optimismus an die Saale gebracht.

Nun hat die Stadt Hochwasserschäden plus saftige Regressansprüche zu beklagen. Dazu fatale Ausfälle in Hotellerie und Gastronomie. Bertram Thieme vom örtlichen „Dorint Hotel“ hat nachgerechnet: „Durch die Absagen gehen uns 152.000 Euro verloren. Ich bin ein Freund des Bürgermeisters, aber er hätte mit uns reden sollen statt einsam zu entscheiden. Viele Künstler wären zu Benefiz-Veranstaltungen bereit gewesen, das hätte positive Energien freigesetzt.“

Besser ist es für Dessau gelaufen. Die Stadt mit ihrem Unesco-Welterbe – Bauhaus nebst Meisterhäusern – blieb von den Fluten verschont. Im nahegelegenen Gartenreich Dessau-Wörlitz waren keine größeren Schäden zu verzeichnen, nur im dazugehörigen Park Luisium laufen noch Aufräumarbeiten.

Auch in Lutherstadt Wittenberg gibt es keine Einschränkungen aufgrund des Hochwassers – Luther- und Melanchthon-Haus, die Cranach-Höfe und die historischen Kirchen sind nicht beschädigt worden.

Die Weinbauregion Saale-Unstrut lag zum Glück etwas abseits des großen Regens; Burgen, Schlösser und Weinberge waren deshalb nicht betroffen. Ebenso sind die Dome in Naumburg und Merseburg, das Besucherzentrum Arche Nebra, Fundort der berühmten Himmelsscheibe, und das Heinrich-Schütz-Haus in Weißenfels nicht heimgesucht worden. Die Schifffahrt dort läuft in vollem Gange, Kanu- und Schlauchboottouren im Naturpark Saale-Unstrut-Triasland sind uneingeschränkt möglich.

„Das Leben geht weiter“

Auch in Magdeburg sind touristische Dienstleistungen wieder in vollem Umfang zu bekommen. „Aber dem Hochwasser folgte die Flutwelle der Stornierung“, bedauert Ralf Steinmann von Magdeburg Marketing. „Die Leute glaubten, der Dom sei abgesoffen. Aber der steht auf dem Domberg, dort erreicht ihn seit 800 Jahren kein Wasser.“

Die Stadt hat die Elbe erst in den letzten Jahren richtig entdeckt: Radler und Skater am Wasser, Gastronomie und Rendezvous-Bänke mit Elbblick, direkt anschließende Parks zum Lustwandeln, Anleger für Flusskreuzfahrtschiffe und die Weiße Flotte. „2012 hatten wir 553.000 Übernachtungen. 2013 könnte uns wegen der Flut aber ein herber Einbruch bevorstehen.“

Die Radtouristiker Christoph Kadlubski und Toralf Büchner halten dagegen. Sie sind Ende Juni erst von Dresden und dann von Hamburg aus nach Magdeburg geradelt, insgesamt mehr als 400 Kilometer. „Der Elbe-Radweg ist Deutschlands schönster Fernradweg, aber diesmal war die Tour ganz besonders. Der Weg ist durchweg frei, nur an manchen Stellen noch etwas matschig. Hier und da erinnern noch einige Sandsäcke an die Flut“, sagt Kadlubski.

„Die Radtour an der Elbe ist aber ein einmaliges Naturerlebnis. Wir sind durch dichte Auenwälder gefahren, haben unter Stieleichen Rast gemacht und Störchendörfer passiert, in denen die Vögel ihre Brut versorgten. Das Leben geht weiter, bei den Tieren und bei uns Menschen.“

Quelle: welt.de

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