Abriss bis auf die Grundmauern – Wo das Wasser war, sind fast nur noch Ruinen

Veröffentlicht: Juli 6, 2013 von fluthelfer in Deggendorf

Der Schlamm ist auf den Autos eingetrocknet, Schutthaufen türmen sich am Straßenrand, Häuser müssen abgerissen werden. Das Wasser ist gegangen – Schäden in Millionenhöhe bleiben. Knapp einen Monat ist das verheerende Hochwasser nun vorbei. Ein Besuch in Deggendorf.

Um die vier Wochen ist es her, dass im bayrischen Deggendorf ein Damm der Donau brach. Etwa 51 Millionen Kubikmeter Wasser begruben laut Feuerwehrkommandant Reinhard Janka die Ortsteile Natternberg und Fischerdorf unter sich. Das entspricht in etwa dem Volumen des bayrischen Schliersees. Die A9 in Richtung München glich einem Flusslauf. Geschockt betrachtete Deutschland die Bilder von grau-braunen Wassermassen, aus denen lediglich noch Dächer und Baumwipfel herausragten.

Heute scheint die Sonne über Deggendorf. Die Straßen sind wieder trocken, nur auf einigen Feldern stehen noch Pfützen. Neben Vogelgezwitscher dröhnen die Geräusche von Baustellengeräten. Am Straßenrand liegen Türme von Putz, Holz und anderem Bauschutt. An manchen Hauswänden verrät ein dunkler Streifen, wie hoch das Wasser stand. Blumen, Bäume und Autos sind von einer Schicht eingetrockneten Schlamms bedeckt.

Nur die Wände stehen noch

Wer die Häuser betritt, steht in einem Rohbau. Manchmal ist der Putz schon abgeschlagen, an anderen Stellen kratzen Helfer und Betroffene ihn noch von den Wänden. Fußböden und Estricht sind herausgerissen, Möbel verschwunden. Das Wasser hat Heizöl aus den Kellertanks in die Wände geschwemmt. Dann müssen Putz und die Fassadenisolierung raus, denn das bedeutet nicht nur Gestank, sondern auch Feuchtigkeit. Je nachdem, wie viel Öl ausgelaufen ist, reicht das jedoch nicht mehr aus. In Natternberg müssen ganze Häuser abgerissen werden.

Rund 400 Haushalte seien in den Ortsteilen Natternberg und Fischerdorf betroffen gewesen, sagt Reinhard Janka, der den Hochwassergeschädigten in den vergangenen Wochen geholfen hat. In 33 Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr hat er keinen derartigen Einsatz erlebt. „Wir waren absolut machtlos“, erinnert er sich.

„Es war furchtbar, wie es hier ausgesehen hat“

Während der Flut mussten die Betroffenen ihre Häuser verlassen und bei Verwandten, Freunden oder in anderen Unterkünften Unterschlupf suchen. Mit Schrecken verfolgten sie wie das Wasser stieg: Höher und immer höher. Die Feuerwehr musste Haustiere evakuieren, die in den Häusern zurückgeblieben waren. Feuerwehrmann Reinhard Janka erzählt von einem Landwirt, der 100 seiner Bullen durch das Hochwasser verlor. Da Helfer sie nicht mehr rechtzeitig evakuieren konnten, mussten sie sie erschießen, damit sie nicht qualvoll ertranken.

In den Wohnungen wartete das Chaos

Manche Menschen konnten acht Tage nicht in ihr Haus zurück, manche elf oder sogar länger. Als es endlich soweit war, fanden viele das totale Chaos vor. „Wir sind mit dem Boot zu unserem Haus gefahren“, sagt Evi Bauer aus Natternberg. Sie erinnert sich, dass sie bis zum Bauchnabel im Wasser stand. Im Garten sei der Kühlschrank geschwommen und der Hasenstall der Nachbarn. Ihre Nachbarin Maria Reithmeier zeigt Fotos von Verwüstungen in Wohnzimmer und Küche. Schränke sind schlammverschmiert, umgerissene Möbel liegen mitten im Zimmer. „Es war furchtbar, wie es hier ausgesehen hat“, sagt Reithmeier. Das meiste Inventar – Möbel, Trockner, Kühltruhen etc. – hat die Flut nicht überlebt. Es ist längst auf dem Sperrmüll gelandet. Jetzt bestehen die Räume fast nur noch aus Steinmauern.

Manchen Menschen fehlt warmes Wasser, sie müssen kalt duschen. Viele Häuser sind im Rohbauzustand. Die Wände müssen trocknen. Erst dann können die Menschen ihre Wohnungen wieder aufbauen, streichen und neu einrichten. Die Arbeiten könnte noch vier Monate oder länger dauern, sagt Feuerwehrmann Janka.

Viele fragen sich, wer den Millionenschaden zahlt

Die Behörden in Deggendorf schätzen den Schaden auf 500 Millionen Euro. Wer das zahlen soll, wissen die meisten Betroffenen nicht. Sie hoffen auf finanzielle Unterstützung vom Staat, manche auch auf Spendengelder. Viele können das Ausmaß des materiellen Schadens noch immer nicht abschätzen.
Manfred Weber wohnt mit seiner Frau jetzt in einem Wohnwagen. Das wenige Inventar, das sie nicht verloren haben, steht in der Garage. Er wirkt niedergeschlagen. Ihm sei nur der Jogginganzug geblieben, den er gerade anhabe, eine kurze Hose und zwei T-Shirts. Sonst sei nichts mehr da.

Trotzdem ist die Stimmung der Menschen meist positiv. Betroffene und Helfer packen kräftig an. Für die Hilfe der Freiwilligen sind die Natternberger extrem dankbar. „Wir arbeiten einfach jeden Tag“, sagt eine Hochwassergeschädigte. „Es geht uns besser, wenn wir wieder etwas aufbauen können.“
Quelle: focus.de
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