Flutopfer stehen vor den Trümmern ihrer Existenz

Veröffentlicht: Juni 29, 2013 von fluthelfer in Zentrale der Deutschen Fluthilfe

 

Das Wasser ist weg, die Pegelstände wieder normal, doch die Sorgen bleiben. Für die Betroffenen rächt sich jetzt, dass es keinen adäquaten Versicherungsschutz in potenziellen Hochwassergebieten gibt. Von Hermann Weiß

Es ist, sagt Matthias Ziegler, eigentlich alles ganz einfach: „Wenn ich kein Geld kriege, mache ich nicht weiter.“ Dem Passauer Holzhändler ist es in den vergangenen Wochen ergangen wie vielen Betroffenen in den Hochwassergebieten Niederbayerns: Er hat Honoratioren und Politiker bis hinauf zu Ministern und Ministerpräsidenten, der Bundeskanzlerin und dem Bundespräsidenten kommen und gehen sehen. Aber weder haben sie ihm den Dreck weggeräumt, noch, sagt Ziegler, gibt es bisher eine Aussage darüber, ob er eine Entschädigung bekommt, wie hoch die sein wird und wann er damit rechnen kann.

Dabei ist der Passauer sogar noch in einer privilegierten Situation. Über 600 Menschen sind vor knapp zwei Wochen auf die Straße gegangen – nicht direkt für ihn, wohl aber für den Erhalt und die baldige Wiedereröffnung des ScharfRichterHauses, das Matthias Ziegler neben der Holzhandlung in seinem Haus in der Milchgasse 2 auch noch betreibt.

12,89 Meter, zwei Meter höher als bei der letzten Flut 2002, stand das Wasser dieses Mal im ScharfRichterHaus. „Die letzten 20 Jahre“, sagt Ziegler, „habe ich hier mein Geld investiert. Jetzt ist bis auf die Küche alles kaputt.“ Die Kleinkunstbühne, in der unter anderem Sigi Zimmerschied und Bruno Jonas groß geworden sind, die heute zu den ersten Adressen des politischen Kabaretts in der Bundesrepublik gehört, steht vor dem Aus.

Ziegler muss es schultern, kann es aber nicht

„Man sollte Himmel und Hölle, respektive eventuell nur die Hölle (der Himmel hat kein Interesse an Kleinkunstbühnen) in Bewegung setzen, dass das ScharfRichterHaus weiterhin bestehen kann“, fordert zum Beispiel der Kabarettist Günter Grünwald. Doch für derlei feinsinnig gedrechselte Bonmots kann sich Matthias Ziegler genauso wenig kaufen wie für alle noch so gut gemeinten Solidaritätsadressen.

Im Gegenteil. Ausgerechnet Ziegler läuft jetzt Gefahr, zum Buhmann zu werden, wenn er auf den subtilen Druck, der von der kulturinteressierten Öffentlichkeit, aber auch aus dem Umfeld im ScharfRichterHaus an ihn herangetragen wird, mit einer simplen Gegenrechnung reagiert. „Letztlich muss ich es schultern“, sagt Ziegler. „Und so, wie es jetzt ausschaut, kann ich das nicht.“ Das sei keine Erpressung. Er bettele auch nicht um Geld. „Aber so ist die Situation.“

Immerhin: Der Passauer bekommt die Aufmerksamkeit, die andere nicht bekommen. Sein Fall sticht heraus. Einerseits. Andererseits ist er auch repräsentativ, wenn Ziegler etwa auf die Frage nach seinem Versicherungsschutz nur mit den Schultern zuckt.

„Versicherungen? Die nehmen mich nicht“, sagt er. Das ScharfRichterHaus in der Milchgasse in der Passauer Altstadt gilt als Überschwemmungsgebiet, Versicherer winken da nur dankend ab. „Ein Unding“, meint Dietrich von Gumppenberg. Der Baron aus Bayerbach in Niederbayern, wirtschaftspolitischer Sprecher der Landtags-FDP, kann sich darüber erregen, dass „der Zusammenstoß zweier Boeings in der Luft versicherungstechnisch kein Problem sein soll“, während man die Bewohner potenzieller Überschwemmungsgebiete sich selbst überlässt.

Was das bedeutet, davon hat sich der über 70-Jährige in diesen Tagen, vor Ort, selbst ein Bild gemacht. Gumppenberg berichtet von einem Metzger in Niederaltaich, der sich gegen das Hochwasserrisiko versichern wollte: „Erst wurde er abgewiesen. Später hat man ihm eine Versicherung zu einem exorbitant hohen Preis angeboten. Die konnte er sich nicht leisten. Schadensbilanz jetzt, nach der Flut: zwischen einer halben und einer dreiviertel Million Euro. Der Mann weiß nicht mehr weiter.“

Versicherungsschutz für alle zugänglich und bezahlbar

Fälle wie diesen lässt Dietrich von Gumppenberg gerade sammeln, das Dossier soll als Arbeitsgrundlage für ein Gespräch mit der Versicherungswirtschaft, mit Banken und Wirtschaftsvertretern dienen. „Ziel muss es sein, einen Versicherungsschutz zu definieren, der allen zugänglich und für alle bezahlbar ist.“ Gumppenberg, der schon immer zumindest eigenwillig war und gelegentlich auch mit Vorschlägen der abgefahrenen Art („Hitzefrei für alle!“) von sich reden machte, rechnet sich für seine Initiative zumindest Chancen aus. Denn es geht nicht nur um Einzelschicksale. Auch viele mittelständische Unternehmen stehen mit den Rücken zur Wand.

Mehr als 1000 Betriebe sind nach Angaben der IHK Niederbayern vom Hochwasser in Mitleidenschaft gezogen worden. „In Fischerhäuser bei Deggendorf etwa hat es einen BMW-Zulieferbetrieb getroffen“, sagt Dietrich von Gumppenberg: „Neben dem Sachschaden von fünf bis acht Millionen Euro stehen hier auch die Arbeitsplätze von gut 100 Menschen auf dem Spiel. Und auch in diesem Fall war es so, dass kein Versicherungsunternehmen den Betrieb gegen das Hochwasserrisiko versichern wollte.“

Er sei zuversichtlich, dass man beim angestrebten Round Table-Gepräch „zu einer guten Lösung“ für die Zukunft kommen werde, so Gumppenberg. Es könnte aber auch sein, dass er das tricky Business unter- und die Verhandlungsbereitschaft der Versicherer überschätzt. Denn wenn es stimmt, was die Verbraucherzentrale Bayern sagt, dann geht die Branche im Umgang mit den Flutopfern längst ihren eigenen Weg – und profitiert dabei von den „uneinheitlichen Vorgaben zur Auszahlung von Soforthilfen für Hochwasseropfer“ in Landkreisen und Kommunen.

So müssten beispielsweise Geschädigte im Landkreis Deggendorf, deren Haus in einem nicht versicherbaren Gebiet liegt („Gefährdungsklasse IV“), sich erst von einer Versicherung bestätigen lassen, dass ihr Gebäude tatsächlich nicht versichert werden konnte, um Geld zu bekommen. Clevere Versicherer könnten die Gelegenheit nutzen, „Betroffene als Neukunden für andere Versicherungssparten zu gewinnen“, warnen die Verbraucherschützer.

Können sich bald noch weniger Menschen versichern?

Außerdem könnten die Versicherungen auf diesen Weg an Daten kommen, die sie brauchen, um eine Region in Zukunft in die höchste Gefährdungsklasse, mit besonders hohem Hochwasserrisiko, einzustufen. Konsequent zu Ende gedacht – und unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die Flut in diesem Jahr auch Gebiete traf, die selbst Hochwasserexperten nicht auf der Rechnung hatten – würde das bedeuten, dass sich noch weniger Menschen gegen die Risiken einer Flut wappnen könnten.

Gerade jetzt, nachdem die Pegelstände sich wieder auf Normallevel eingependelt haben und das ganze Ausmaß der (Milliarden-)Schäden sichtbar geworden, kämpfen die Menschen in den niederbayerischen Überschwemmungsgebieten mindestens so sehr wie gegen die Folgen der Flut – gegen das Gefühl der eigenen Ohnmacht. Die Frage ist nicht, ob sie etwas tun können. Die Frage ist, ob sie etwas ausrichten können und ob diese Anstrengung reicht, um sich und das, was ihre Existenz gewesen ist, wieder in die Spur zu bringen. Auf wen können sie dabei zählen?

Nicht nur auf sich selbst. Das ist auch eine Erfahrung der letzten Zeit. Weil klar war, dass es nicht von heute auf morgen Geld regnen würde, dass es aber auch nichts hilft, den Kopf in den Sand zu stecken, haben Leute wie der Deggendorfer Webdesigner Thomas Hermanns und der Passauer Student Peter Schnoor ihre ganze Social Media-Kompetenz in eilends konzipierte Internet-Plattformen wie hochwasser-passau.de oder hochwasser-niederbayern.de gepackt, um auf diese Weise Hilfsbedürftige mit Hilfswilligen zu vernetzen. Die Angebote fallen bisweilen rührend aus, wenn etwa „Spielzeug-Lkws für Kinder, alle original in Schachteln“ angeboten werden. Ein paar Smarties tummeln sich auch auf den Seiten, die gleich mit billigen Krediten zur Stelle sind. Aber in der Regel geht es handfest zu, Hobby-Landwirtin Tine etwa verleiht ihre Maschinen, kostenlos für Aufräumungsarbeiten.

„Bayern ist in diesen Tagen zusammengerückt“, meint Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und, ja, es ist was dran. Allein der BR hat bisher 9,6 Millionen Euro für die Hochwasseropfer im Freistaat gesammelt. Eine vom Veranstalter Till Hofmann auf die Beine gestellte Promi-Band hat einen Flut-Aid-Song ins Internet gestellt („Weida miteinand“), der für ca. 1 Euro unter anderem bei iTunes und google play heruntergeladen werden kann. All das ist toll. Aber klar ist auch: Es wird nicht reichen.

Quelle: welt.de

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