Heimat in Trümmern

Veröffentlicht: Juni 28, 2013 von fluthelfer in Deggendorf

Von André Jahnke

Das Hochwasser in Deutschland geht allmählich zurück, die Pegelstände sinken langsam. Im bayerischen Deggendorf allerdings stehen die Menschen nach der Flut vor neuen Katastrophen.

Deggendorf – Rosemarie Seidler hält ein Bild aus den guten Tagen in den Händen. Die Luftaufnahme aus den 1980er Jahren zeigt ihr Haus im bayerischen Deggendorf, als frisches Grün das Gebäude umrahmte. Ihr Ehemann Dietmar zeigt eine Aufnahme, die mitten in der Hochwasserkatastrophe vor drei Wochen entstanden ist. Das Haus im Stadtteil Fischerdorf ragt nur wenige Meter aus der Seenlandschaft heraus.

An der ehemals grünen Hecke, die das Grundstück der Seidlers umrahmt, zeichnen sich noch immer die einzelnen Wasserstände in Grau und Braun ab. Innen ist es wie in einem Rohbau, die Böden sind herausgerissen, die Möbel fortgeräumt. Auf der Terrasse hat Rosemarie noch Erinnerungsstücke gestapelt. Die Familienalben sind vom öligen Wasser verklebt – grauschwarze Schlieren laufen an den 37 Jahre alten Kinderbildern des Sohns herunter. „Das ist doch furchtbar, die Bilder kriegen wir doch nie mehr wieder“, sagt die 71-Jährige. Dietmar Seidler trauert seiner Schallplattensammlung nach und vor allem seiner elektrischen Eisenbahn. „Als kleiner Junge habe ich angefangen zu sammeln, jetzt ist alles weg“, sagt der 74-Jährige.

Rote Rosen als Hoffnung

Vor einer Woche sind die Seidlers erstmals in ihr Haus gekommen – in der Schaufel eines Baggers sitzend wurden sie durch das Hochwasser bis an die Haustür gefahren. „Ich habe nur noch geweint, als ich die Tür aufgemacht habe und alles durcheinander schwamm“, sagt Rosemarie Seidler. 1972 hatten sie das Haus für die Schwiegermutter gebaut. Nach deren Tod waren sie selbst 1989 eingezogen, hatten renoviert und eine Ölheizung eingebaut. Etwa 5000 Liter Heizöl liefen nun aus, verdreckten Haus und Garten. „Wir haben aber wenigstens noch unser Haus, im Gegensatz zum Nachbarn.“

Wenige hundert Meter entfernt steht Josef Straßer vor einem Neuanfang. Das Haus sei nicht mehr zu retten, sagt der 62-Jährige. „Das Wasser hat sich bis in den ersten Stock gedrückt und die Decke zerstört. Wir müssen abreißen.“ Der städtische Kraftfahrer lebt seit 53 Jahren in dem Haus, verbrachte seine Kindheit und Jugend mit seinen neun Geschwistern dort. Als vor vielen Jahren nebenan die Autobahn A 3 Regensburg-Passau gebaut wurde, glaubte er vor dem Hochwasser sicher zu sein.

Dann brach ein Damm an der Isar, das Wasser überspülte die Autobahn und Teile Deggendorfs. „Ich werde auf diesem Grundstück neu bauen, es ist schließlich meine Heimat. Was soll ich sonst tun?“ sagt Straßer. Hoffnung macht ihm ein Motiv im Garten: Alle Pflanzen sind durch das ölige Wasser eingegangen, nur an einem Strauch blühen rote Rosen. „Wenn die Rosen es schaffen, dann ich auch.“

Verzweifelt und erschöpft

Eine Schwester von Josef Straßer hat nebenan gebaut. Ihr Häuschen stand bis zum Dach unter Wasser – auf den Dachziegeln hatten vor drei Wochen Enten eine Pause eingelegt. „Nächste Woche kommt der Abrissbagger, wir wollten noch einmal vorbeikommen und Abschied nehmen“, sagt Hildegard Scholler, die 45 Jahre hier wohnte. Die 72-Jährige war gerade in Norwegen, als das Hochwasser ihr Zuhause zerstörte. Auch sie will neu anfangen.

An den Wiederaufbau denkt Rosemarie Seidler noch nicht. Sie ist verzweifelt und erschöpft. Seit drei Wochen lebt sie mit ihrem Mann bei Freunden in einem Zehn-Quadratmeter-Zimmer. Zurück will sie aber unbedingt. Ihr Mann sagt: „Ich kann das Haus doch so nicht stehenlassen.“ (dpa)

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