»Da kann noch mehr Hochwasser kommen»

Veröffentlicht: Juni 28, 2013 von fluthelfer in Landkreis Lüchow-Dannenberg

Diplom-Ingenieur Ernst-August Schulz prognostizierte die Elbewasserstände genauer als die amtliche Hochwasserzentrale

as Lüchow. Hohe Anerkennung hat sich Diplom-Ingenieur Ernst-August Schulz aus Holtorf nicht nur bei seinen Fachkollegen für seine präzisen Pegel- prognosen beim jüngsten Elbehochwasser erarbeitet. Die Vorhersagen waren weit präziser als die der amtlichen Hochwasserzentrale in Magdeburg.

Und das nicht nur beim jüngsten Hochwasser. Landrat Jürgen Schulz verlässt sich eher auf die Vorhersagen seines Leiters der Unteren Deich- und Wasserbehörde. Der 56-Jährige hatte nach seinem Abitur in Lüchow von 1976 bis 1983 an der TU in Hannover Bauingenieurwesen mit Schwerpunkt Wasserwirtschaft studiert. Seit 1995 leitet er die Tiefbauabteilung. Gegenüber der EJZ beantwortete er im Interview folgende Fragen:

EJZ: Wie ist das Rekordhochwasser für Lüchow-Dannenberg einzuordnen?

E. A. Schulz: Jedes Hochwasser ist anders und hängt von verschiedenen Randbedingungen ab. Beim Elbe-Hochwasser 2013 handelte es sich um ein Extrem-Hochwasser, das – rein rechnerisch gemessen am bisherigen Bemessungshochwasser – nur alle 200 Jahre einmal vorkommt. Da sind mehrere hohe Zufluss-mengen zusammengekommen, sowohl aus Tschechien als auch aus der Mulde und der Saale. Allerdings kam verhältnismäßig wenig Wasser aus der Havel. Und auch aus anderen Teilen Tschechiens kann durchaus noch mehr Wasser in die Elbe fließen. Das bedeutet: Da kann noch mehr Hochwasser kommen.

EJZ: Was ist der Richtwert des bisher geltenden Bemessungshochwassers (BHW) nach der jüngsten Flut noch wert?

E. A. Schulz: Bereits im August 2011 hat die Bundes- anstalt für Gewässerkunde ein neues Bemessungshochwasser, das rechnerisch nur alle 100 Jahre eintritt, berechnet und als offiziellen Richtwert herausgegeben. Bislang hat sich das Land Niedersachsen aber geweigert, das BHW anzuerkennen und rechtlich festzusetzen. Die Landkreise Lüneburg und Lüchow-Dannenberg fordern das schon lange. Wird bisher in Hannover offziell mit einer Durchflussmenge am Pegel Wittenberge von 4000 Kubikmeter pro Sekunde ausgegangen, so hat die Bundesanstalt für Gewässerkunde eine Durch-flussmenge von 4545 Kubikmeter als neues BHW ermittelt. Im November 2008 war das von den Elbanrainerländern fest- gelegt worden.

EJZ: Wie hätten sich die Wasserstände in Lüchow-Dannenberg ohne die Deichbrüche an der Elbe in Aken und Fischbeck voraussichtlich entwickelt?

E. A. Schulz: Wir hätten in Lüchow-Dannenberg keine wesentliche Erhöhung der Pegelwerte, aber eine deutliche Verlängerung der Scheitelwelle erhalten. Grund dafür ist, dass die Scheitelwelle die späteren Deichbruchstellen bereits passiert hatte. Aktuell war die Scheitelwelle rund 160 Kilometer lang von Schnackenburg bis Magdeburg und dauerte zwei Tage. Ohne Deichbrüche wäre sie dann rund 300 Kilometer lang bis etwa Torgau gewesen und hätte vier Tage gedauert.

EJZ: Welchen Einfluss hat der Wasserstand der Saale generell für die Elbe und speziell bei diesem Hochwasser?

E. A. Schulz: Im Jahr 2011 war der Zufluss der Saale für das Elbe-Hochwasser entscheidend, weil der Saale-Höchststand die damalige Scheitelwelle erhöhte und beschleunigte. Dieses Mal war der Saale-Höchststand schon viel früher vor dem Eintreffen der Elbe-Scheitelwelle in die Elbe geströmt, hatte den Basispegelwert schon angehoben, aber nicht zu einer weiteren Erhöhung der Scheitelwelle beigetragen. Saale und Mulde waren schnell angestiegen, aber als die Elbe-Scheitelwelle die Mündungen der Nebenflüsse passierte, hatte die Elbe aufgrund der Fließgeschwindigkeit praktisch Vorfahrt. Das belegen die Abflussmengen der Nebenflüsse, die sich dem Internet entnehmen lassen. Durch die Zunahme der Fließgeschwindigkeit war die Welle letztlich zwei Tage eher in Lüchow-Dannenberg als zuvor berechnet. Innerhalb von nur drei Tagen war die Elbe deswegen in Hitzacker von Freitag von 5,24 Meter am Montag auf 8,05 Meter gestiegen.

EJZ: Welches Geheimnis steckt hinter der hohen Treffergenauigkeit Ihrer Prognosen?

E. A. Schulz: Mit den Pegelwerten, die alle 24 Stunden herausgegeben werden, lässt sich nicht rechnen. Aus dem Internet lassen sich die Pegelwerte aus Tschechien, Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt ablesen, und zwar im Zwei-Stunden-Rhythmus. Neben den Pegelwerten gilt es, auf die Durchflussmengen zu achten, aus denen sich dann die Fließgeschwindigkeiten errechnen lassen. Durch diese differenzierte Datenerhebung lassen sich sehr genaue Vorhersagen über die Wasseranstiege berechnen. Dabei dürfen Randbedingungen wie zusätzliche Niederschläge nicht außer Acht gelassen werden.

Was bei diesem Elbe-Hochwasser bemerkenswert war, ist die Tatsache, dass in Tschechien die dort vorhandenen Speicher voll ausgeschöpft worden sind. Da haben die Tschechen gute Arbeit geleistet. Als aber nach dem Wochenende mit kontinuierlichem Starkregen die Fließgeschwindigkeit der Moldau am 2. Juni innerhalb von nur 30 Stunden von 500 Kubikmeter pro Sekunde auf 3000 Kubickmeter pro Sekunde explodierte, haben wir im Lüchower Kreishaus die Einberufung des Krisenstabs vorbereitet.

EJZ: Weshalb hat die amtliche Hochwasserzentrale in Magdeburg so wechselnde und teil-weise falsche Vorhersagewerte geliefert?

E. A. Schulz: Das kann ich nicht sagen. Ich kenne das Computermodell nicht. Allerdings hat es den Anschein, als seien dort nicht alle nötigen Randbedingungen berücksichtigt worden, die für ein dynamisches Vorhersagemodell erforderlich sind, nämlich Fließverhalten der Gewässer, Geschwindigkeiten und das Zuflussverhalten der Nebenflüsse. Darin könnte die Ursache für die fehlerhaften Prognosen liegen.

EJZ: Wie sind die Hochwasserstände an der Seege speziell an der Landesstraße 256 zu erklären?

E. A. Schulz: Bisher waren alle davon ausgegangen, dass die Landesstraße 256 zwischen Meetschow und Gartow auf einem recht hohen Niveau liegt. Das war ein Fehler. Bei den erreichten Extrem-Wasserständen wäre die Landesstraße – ohne die umfangreichen Schutzmaßnahmen – überströmt worden. Mit Ankunft der Scheitelwelle in der Elbe an der Seegemündung war der Fluss praktisch aus- gespiegelt und eine große Wasserfläche. Da war es positiv, dass das Land Sachsen-Anhalt das Wehr in Bömenzien geschlossen hat und eine umfangreiche Notdeichlinie errichtet hat. Sonst wären dort zwischen 4000 und 6000 Hektar landwirtschaftliche Fläche unter Wasser gesetzt worden. Für Gartow und Laasche hatte das Schließen des Wehres nur eine geringe Bedeutung für die Wasserstände.

EJZ: Was bedeutet die Forderung, dem Fluss mehr Raum zu geben, für den Landkreis Lüchow-Dannenberg?

E. A. Schulz: Die 420 Hektar große Rückdeichung bei Lenzen in Brandenburg hat dazu geführt, dass der Pegel in Schnackenburg um 21 Zentimeter niedriger war als ohne diese Retentionsfläche. Die Seegeniederung ist das größte natürliche Rückstaugebiet mit einer Fläche von rund zehn Quadratkilometern. In Lüchow-Dannenberg sind neben den Flächen der Seege- und Jeetzelmündung keine weiteren Flächen vorhanden, wo wir der Elbe mehr Raum geben können. Deswegen ist es notwendig, dass die Wasserrückhaltung im Oberlauf der Elbe stattfindet. Die Nutzung der sechs Havel-Polder mit einer Gesamtfläche von rund 9900 Hektar ist der richtige Weg. Die Tschechen sind uns mit der Steuerung ihrer Rückhaltebecken da ein Stück voraus.

Quelle:ejz.de

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