Katastrophe hinterlässt ein Trauma bei Mädchen und Buben der ausquartierten Altstadtschule in Passau − Sie zeichnen, was sie bewegt

Veröffentlicht: Juni 21, 2013 von fluthelfer in Passau

 

Am Montag kehren die ausquartierten Kinder zurück in die Altstadtschule. Es wird nicht mehr so sein wie vor dem Hochwasser. Nicht nur, weil es keine benutzbare Turnhalle, Werk- oder Handarbeitsräume mehr gibt. Die Kinder bringen in der Katastrophe erlebte Eindrücke mit, die ihnen schwer zu schaffen machen. „Es sind traumatisierte Kinder“, sagt Schulleiterin Petra Seibert.

Die Räume im Erdgeschoss und Keller des prächtigen Schulhauses sind hin, aber die Klassenzimmer in den oberen Stockwerken intakt. Was das Gebäude angeht, hätten die Altstadtschüler schon früher zurückkommen können. Sie blieben aus einem anderen Grund länger in ihrem Ausweichquartier, der Mittelschule Nikola. „Sie mussten unbedingt einmal eine Zeit vom Inn weg in eine Situation absoluter Sicherheit“, erklärt Petra Seibert. Auch als der Inn schon seit Tagen nicht mehr auf Höchststand war, blieb er etwas Bedrohliches. „Diese Angst, dass das Wasser immer noch so nah war − nein, dem hätten wir die Kinder nicht aussetzen können.“

Die verlorene Schule ist nicht das einzige. Viele der Kinder leben auch in der Altstadt und waren daheim von der Katastrophe betroffen. „Wir haben Familien, die alles verloren haben. Die Nerven liegen blank. Auch Eltern haben sich bei uns in der Schule ausgeweint. Mir setzt alles auch persönlich zu“, schildert die Rektorin.

Alle 130 Schüler aus der Altstadtschule wurden in Nikola aufgenommen, die Klassen 1 bis 4 und eine 6. Klasse. „Wir sind zusammengerutscht, es ging irgendwie“, so Petra Seibert. „Aber zur Tagesordnung kann man nicht übergehen.“Die Katastrophe wurde thematisiert. „Das gehört zu unseren pädagogischen Aufgaben.“Unter anderem zeichneten die Kinder das Erlebte. „An diesen Bildern von Kindern der 1. Klasse sieht man, wie sie das bewegt, was ihnen im Kopf umgeht.“Etwa dass ein Erstklässler-Kind das Wasser unter dem Balkon der Oma, der voller Matsch ist, mit Wellen wie Haifischzähnen gezeichnet hat, ist für die Schulleiterin ein Zeichen, dass hier nicht nur der Fluss aufgewühlt ist.

„Jetzt schauen wir, dass wir zur Normalität zurückkehren“, blickt die Schulleiterin der Rückkehr am Montag entgegen. Drei Klassen aus Niedernburg, die während des dortigen Umbaus im Gebäude der Altstadtschule untergebracht sind, sind schon vorausgegangen und wieder im Haus, als die Aufräumungsarbeiten dies zugelassen hatten. Bei den Niedernburger Klassen handelt es sich aber um ältere Schüler.

Die Schulfamilie sei für die Rückkehr gewappnet, ist Petra Seibert überzeugt: „Wir sind durch die Katastrophe zusammengewachsen.“Das Zusammentreffen mit den Eltern im Innenhof oder der gemeinsame Gottesdienst der Schulfamilie am Sonntag seien tief beeindruckend gewesen. „Und wie sich die Großen der Kleinen angenommen haben“wird die Schulleiterin nie vergessen. Auch nicht, wie die Kinder der Altstadtschule am ersten Tag in der Nikolaschule erschienen sind: „Aufgereiht wie am ersten Schultag, alle an der Hand von Mama oder Papa. Man hat die Sorgen gesehen, die alle hatten.“

 

Ihre Turnhalle werden die Kinder in diesem Jahr nicht mehr benutzen können. Deren Doppelflügel-Eingang liegt ebenerdig − als der Inn weg war, hingen Schlingpflanzen in den Basketballkörben. 70 Zentimeter Schlick am Boden war auch in den Fachräumen, die bis zehn Zentimeter unter der Decke vollgelaufen waren. Die schweren Werkbänke, die die Hausmeister noch auf Eisengestellen aufgebockt hatten, waren von den Fluten heruntergerissen worden. Im gefluteten Erdgeschoss und Keller befinden sich auch die Umkleiden, Nasszellen und die nun zerstörte Heizanlage. „Wir brauchen jetzt Geld, viel Geld“, sagt die Rektorin. Auch das gehört dazu, damit die Kinder ihre Schule vom Fluss zurückbekommen.

Quelle: Passauer Neue Presse

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s