Vor den Trümmern der Existenz

Veröffentlicht: Juni 16, 2013 von fluthelfer in Grimma

 

Vor genau einer Woche wurde es wieder ernst für Bewohner, Behörden und Händler in der Innenstadt von Grimma. Nach 2002 führte die Mulde erneut Hochwasser und überschwemmte die Stadt, deren Schutzmauer erst halbfertig war. Inzwischen hat sich das Wasser aus der Stadt zurückgezogen die Menschen stehen vor den Trümmern ihrer Existenz.

von Maren Beddies

Die Sonne strahlt über Grimma – Bewohner und Mieter in der Altstadt brauchen diese Energie. Genau wie die feuchten Hauswände die Wärme aufsaugen. Rund um den Marktplatz herrscht eine Woche nach dem Hochwasser reges Treiben. Menschen entrümpeln Häuser, Stadtgärtner bepflanzen die Grünanlagen mit bunten Sommerblumen, am Rathaus wird der Putz von der Felssteinwand geholt. Peter Schäfer ist Vereinsvorsitzender der angrenzenden Rathausgalerie, die neben dem Bauschaden keine größeren Mängel davongetragen hat: „Dreißig, vierzig Klappstühle für die Eröffnungsfeier sind untergegangen. Aber das Wesentliche, die Kunst an den Wänden und die Beleuchtung, ist ganz geblieben.“

Große Solidarität

Anders sieht es bei vielen Händlern in der Altstadt aus. Ronny Kaufmann betreibt mit seiner Familie einen Naturkostladen, der Bio-Kaufhalle und Bistro beherbergt. Hier brummen derzeit keine Kühlanlagen für Frischware sondern Trockner, die Feuchtigkeit aufsaugen sollen: „Wir haben uns vorgenommen, sehr intensiv zu trocknen, um eben in einem halben Jahr nicht nochmal anfangen zu müssen. Und dann fangen wir wieder an einzuräumen und Anfang Juli wollen wir wieder eröffnen.“ Ronny Kaufmann hebt einen Folien-Vorhang hinter dem die Überreste seines gerade erst modernisierten und vergrößerten Ladens sichtbar werden. Erheblicher als der Schaden am Gebäude ist der Warenverlust. Beziffern kann der Biohändler den Schaden noch nicht, aber er weiß – wenn am vergangenen Sonntag nicht so viele Leute mit zugepackt hätten, dann wäre der Schaden noch größer geworden: „Wir haben eigentlich niemanden um Hilfe gerufen und dann kamen immer mehr Leute dazu, auch Kunden, die gesehen haben, dass wir hier was machen. Ich sehe mich deshalb schon in der Pflicht weiterzumachen.“ Ronny Kaufmann blickt nach vorn, auch wenn sein Laden – wie fast alle Geschäfte und Privatwohnungen in der Nähe der Mulde – nicht versichert werden konnten und auch künftig wohl nicht versichert werden. Es sei denn, eine Elementarschadenversicherung für alle wird Pflicht. Wichtiger aber wäre ihm, dass zwischen Fluss und Altstadt endlich ein Schutz gegen Hochwasser errichtet wird.

Forderung nach Hochwasserschutz

Darauf hofft auch Peter Eibeck, der bislang ein traditionsreiches Eiscafé unweit der Mulde geführt hat: „Ich baue jetzt das Geld in mein Eiscafé ein, dann haben wir drei Wochen Regen, dann saufen wir wieder ab. Dann kann ich das Geld in die Mulde schmeißen.“ Die jüngsten Grimmaer im nahegelegenen Kindergarten und viele treue Kunden hat Peter Eibeck damit geschockt, dass er nach dem zweiten Hochwasser innerhalb kürzester Zeit das Eiscafé schließen will. Peter Eibeck und seine Frau Brigitte wollen vom Gesamtschaden und den Schutzmaßnahmen für die Altstadt in Grimma abhängig machen, ob sie nun wieder eröffnen oder nicht: „2002 hat uns die Politik auf die Schultern geklopft und gesagt: ‚Herr Eibeck, machen Sie! Wir kümmern uns um alles.‘ Das sehe ich alles ein; wenn das Gewerbe in Grimma weg ist, dann ist die Stadt tot. Wir sind ja indirekt gezwungen, weiterzumachen.“ Und zwar nicht nur wegen der laufenden Kredite, sondern auch, weil Kinder ein Bild gemalt haben auf dem steht: „Grimma ohne Eibecks Eis? Unvorstellbar!“

Vertrauen in den Bürgermeister

In fast allen Schaufenstern hängen aufmunternde Zettel. An der zerstörten Scheibe des Sporthauses Grimma jedoch hängt keine Botschaft. Ulf Weiland, Eigentümer des Sporthauses Grimma, steht in seinem zerstörten Laden, in dem Bodenplatte und Ladenbau völlig hinüber sind: „Wir machen jetzt erst mal die Heizungsanlage. Wir werden auch trocknen, weil wir die Substanz schützen müssen. Aber Aufbau? Da kann ich nur von rechts nach links den Kopf schütteln und sagen: Entweder es gibt irgendeine Zusage, dass, wenn in zwei Jahren wieder etwas passiert, unsere Investitionen geschützt sind. Ansonsten geht das nicht.“ Es ist diese Mischung zwischen Resignation, Hoffnung und dem Willen, die Stadt nicht im Stich zu lassen: „Wenn man es in elf Jahren nicht schafft, diese Investitionen nicht zu schützen, indem man diese Mauer einfach mal durchzieht, auch gegen Widerstände von irgendwelchen Quenglern, dann müssen wir jetzt erst mal die Bremse reinmachen. Aber wir haben ja Vertrauen in unsere Stadt und in unseren wirklich guten Bürgermeister“, der ebenfalls hofft, dass die Schutzmauer endlich fertig gebaut wird. Dem Land Sachsen hat Matthias Berger noch einmal deutlich gemacht, dass die Mehrheit der Bürger in Grimma diesen Bau wünscht – wie der Vereinsvorsitzende der Rathausgalerie Peter Schäfer und seine Frau Bärbel: „Dass die erst durch so eine neue Katastrophe wieder aufgeweckt werden, bringt mich schon in Wut.“

In Grimma wird dieser Tage also viel diskutiert und abgewogen – auch wenn die Stadt scheinbar wieder zur Normalität zurückfindet.

http://www.mdr.de/mdr-info/Grimma_nach_der_Flut100.html

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