Pegel sinken, aber keine Entwarnung

Veröffentlicht: Juni 15, 2013 von fluthelfer in Mecklenburg Vorpommern

Die Pegelstände der Elbe in Mecklenburg-Vorpommern sinken allmählich, dennoch soll der Katastrophenalarm in der Hochwasserregion erst in der nächsten Woche aufgehoben werden. Möglicherweise werde der Katastrophenabwehrstab am Montagnachmittag eine Entscheidung treffen, sagte der Sprecher des Landkreises Ludwigslust-Parchim, Andreas Bonin, am Freitag in Ludwigslust. Viele Unternehmer in der Region warten auf ein Ende des Katastrophenalarms, weil sie Aufträge derzeit nicht erledigen können. Voraussichtlich am Dienstag könnten die Schulen wieder öffnen und die Schulbusse wieder normal verkehren. Viele Einrichtungen in der Region sind geschlossen, weil sie hochwassergefährdet sind oder weil dort Notunterkünfte eingerichtet wurden. Die Busse werden für den Transport von Einsatzkräften benötigt oder stehen für den Evakuierungsfall bereit.

Starkregen der vergangenen Nacht ohne Folgen

Auf den Deichen lastet derweil weiterhin großer Druck. Fast überall sickert Wasser durch. An mehr als 20 Stellen gibt es sogenanntes schmutziges Wasser. Der Deich ist an diesen Stellen nicht mehr stabil und muss mit Sandsäcken verstärkt werden. Der Starkregen der vergangenen Nacht hat aber offenbar keine weiteren Schäden an den Deichen verursacht. Landrat Rolf Christiansen (SPD) warnte erneut nachdrücklich vor dem Betreten der Deiche. Die Deichwachen seien angewiesen worden, noch aufmerksamer zu sein. Christiansen mahnte, die Deiche nicht zu betreten oder mit dem Fahrrad zu befahren. Jede unnötige Belastung müsse vermieden werden.

Sellering: „Noch einige schwierige Tage“

Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) besuchte am Freitag erneut das Hochwassergebiet, um sich ein Bild von der Lage zu machen. „Erfreulicherweise sinken die Pegelstände“, sagte er nach dem Besuch in und bei Dömitz. Die Deiche seien aber sehr aufgeweicht. „Deshalb haben wir noch einige schwierige Tage vor uns.“ Den Helfern sei anzumerken, dass die letzten Tage für alle mit großen Anstrengungen verbunden waren. Es werde aber weiterhin sehr engagierte Arbeit geleistet. „Dafür bin ich sehr dankbar“, sagte der Regierungschef.

Höchststände wieder unterschritten

In Dömitz lag der Pegelstand am Abend bei 6,66 Meter. Damit ist der Pegel in vier Stunden um weitere vier Zentimeter gesunken. Im weiter flussabwärts gelegenen Boizenburg betrug er 6,89 Meter, acht Zentimeter weniger als am Mittag. Zu Wochenbeginn waren Höchststände von 7,21 Metern in Dömitz und 7,32 Metern in Boizenburg gemessen worden. Ausgelegt sind die Deiche für 6,80 Meter. Normalerweise ist die Elbe in beiden Städten um die zwei Meter tief. Es habe in der Nacht keine Vorkommnisse gegeben, sagte ein Sprecher des Landkreises Ludwigslust-Parchim. Entwarnung könne aber erst bei Wasserständen von unter 6,50 Meter gegeben werden, betonte er.

Das Technische Hilfswerk testete am Donnerstag erstmals einen Sandsack-Ersatz. Der gewaltige Schlauch aus Planen wurde mit Wasser gefüllt und dichtete so Sickerstellen ab. Ein Schlauch kann bis zu 1.200 Sandsäcke ersetzen. Neben den Deichläufern, die Tag und Nacht die Deiche auf Sickerstellen kontrollieren,

Jagd auf Biber erlaubt

Aus Sorge um die Deiche sind die streng geschützten Biber um Dömitz und Boizenburg zum Abschuss freigegeben worden. Die untere Jagdbehörde und die untere Naturschutzbehörde haben am Freitag zwei Ausnahmegenehmigungen im Hochwassergebiet erteilt. Die Genehmigungen gälten solange, bis das Hochwasser gewichen sei. Die Jäger dürften die Biber aber nur dann schießen, wenn eindeutig sei, dass die Tiere einen Deich gefährden. In der Region um Dömitz und Boizenburg leben nach Zählungen des Amtes für das Biosphärenreservat Flusslandschaft Elbe etwa 30 Biberfamilien. Sie haben ihre Burgen normalerweise direkt am Fluss, weil sie einen Zugang unterhalb der Wasserlinie benötigen, wie Dezernatsleiterin Anke Hollerbach von dem Amt erklärte. „Aufgrund des Hochwassers mussten sie ihre Burgen aufgeben und suchen nun neue Plätze.“ Dabei gerieten auch die Deiche in ihr Blickfeld. An den Deichen des Nebenflusses Sude hätten Biber bereits an mehreren Stellen gegraben. Hollerbach hält die Abschussgenehmigungen dennoch für überflüssig. Der Platz eines geschossenen Bibers würde mit Sicherheit schnell von einem anderen eingenommen, sagte sie.

Minister: Höhere Schäden als 2002

Die Schäden der Flut werden nach Einschätzung von Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) im Nordosten höher ausfallen als beim Hochwasser von 2002. Damals mussten die Deiche und andere Hochwasserschutzanlagen für 1,6 Millionen Euro repariert werden. Bei den Landwirten hätten die Behörden damals Schäden in Höhe von neun Millionen Euro festgestellt. Beim aktuellen Hochwasser wurden die Pegelstände von 2002 um 60 bis 90 Zentimeter überschritten.

Kreissprecher: Trinkwasser ist sauber

Beim Trinkwasser müssen sich die vom Elbehochwasser betroffenen Mecklenburger bislang keine Sorgen über eine mögliche Verschmutzung machen. „Die Brunnen arbeiten ohne Probleme, bisher ist kein einziger überflutet worden“, sagte der Sprecher des Landkreises, Andreas Bonin, am Freitag. Niemand müsse sein Trinkwasser abkochen. Die Wasserwerke führten regelmäßig Qualitätskontrollen durch. Das Landesgesundheitsamt in Rostock hat unterdessen Hinweise an die Bevölkerung zum richtigen Verhalten auf überfluteten Feldern und Gartenflächen herausgegeben.

1,2 Millionen Sandsäcke verbaut

Die Einsatzkräfte haben bereits rund 1,2 Millionen Sandsäcke verbaut, um die Dämme zu erhöhen und zu verstärken, Mehrere hunderttausend lägen noch bereit, sagte der Sprecher des Landkreises Ludwigslust-Parchim, Andreas Bonin, am Donnerstag. Sie werden zur Abdichtung der zahllosen Sickerstellen benötigt.

Noch immer führt die Elbe mehr Wasser als bei der Rekordflut im Januar 2011. „Das darf man nicht vergessen“, betonte Bonin. Der Katastrophenalarm werde aufrechterhalten. Die Hochwasserregion zwischen Dömitz und Boizenburg darf von Ortsfremden ohne Berechtigung weiterhin nicht betreten werden.

Deichwachen patrouillieren

Rund 3.000 Helfer sind am Elbeabschnitt Mecklenburg-Vorpommerns im Einsatz, darunter 1.900 Bundeswehrsoldaten. Sie verstärken jetzt auch die Deichwachen, die mit Kontrollgängen rund um die Uhr an ihre personellen Grenzen stoßen, wie Bundeswehrsprecher Klaus Brandel sagte. Auch aus der Luft seien die Deiche überprüft worden. Der stellvertretende Landrat Wolfgang Schmülling bezeichnete die Deichwachen als zurzeit „wichtigsten Rückhalt für die Region“. Nur wenn sie Schwachstellen am Deich schnell erkennen würden, könnten die Helfer noch rechtzeitig reagieren. Problematisch seien zudem die vielen Büsche und Bäume im Deichvorland. Sie reduzierten die Abflussgeschwindigkeit der Elbefluten erheblich.

Milliardenschwerer Fluthilfe-Fonds

Die Ministerpräsidenten der Länder und mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatten sich am Donnerstag auf einen Fluthilfe-Fonds wird ein Volumen von voraussichtlich acht Milliarden Euro verständigt. Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD) kündigte an, dass sich Mecklenburg-Vorpommern an dem Hilfspaket beteiligen werde.

Der Pröpstekonvent im Kirchenkreis Mecklenburg und das Diakonische Werk riefen unterdessen die Gemeinden zu Spenden für die Flutopfer in Mitteleuropa auf. „Wir sehen das große Ausmaß der Überschwemmungen und die zerstörerischen Folgen. Viele Menschen verlieren Hab und Gut und stehen innerhalb kürzester Zeit schon wieder vor einem Neuanfang“, sagte Dirk Sauermann, Propst im Kirchenkreis Mecklenburg.

Grundwasser steht auf Ackerflächen

Das Hochwasser bringt auch den Bauern Probleme. In den Gebieten nahe der Elbe steht auf vielen Ackerflächen Wasser. Wie der Geschäftsführer des Bauernverbandes Ludwigslust, Harald Elgeti, erklärte, drückt die Elbe Grundwasser an die Oberfläche, das jetzt auf den Feldern steht. Das Ausmaß sei noch nicht abzusehen. Möglicherweise seien zur Ernte einige Flächen noch gar nicht befahrbar. Bei Roggen und Weizen leide die Qualität der Körner unter der Nässe. Bei Gerste würden bei Nässe die Ähren abfallen oder die Körner trieben am Halm neu aus. Das Getreide sei dann Sondermüll, sagte Elgeti.

155 Kilometer Deiche schützen Tausende Menschen

Das Elbehochwasser bedroht in Mecklenburg-Vorpommern rund 14.000 Menschen. Gut 10.000 leben in Boizenburg, weitere 3.200 einige Kilometer flussaufwärts in Dömitz. Rund 1.000 Menschen leben in den Dörfern entlang der Zuflüsse Elde (bei Dömitz) und Sude (bei Boizenburg), die von hereindrückendem Elbewasser und einem Rückstau der Zuflüsse ebenfalls stark gefährdet sind. Der Elbabschnitt Mecklenburg-Vorpommerns ist 21 Kilometer lang. Die Gesamtlänge der Deiche an der Elbe und ihren Zuflüssen beträgt allerdings 155 Kilometer.

http://www.ndr.de/regional/mecklenburg-vorpommern/hochwasser1261.html

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