Pegel bis zum Hals

Veröffentlicht: Juni 13, 2013 von fluthelfer in Zentrale der Deutschen Fluthilfe

Wer der Realität nicht traut, muss unbedingt bei der Magie der Zahlen Zuflucht nehmen. Ihr kann, ganz entgegen ihrem Ruf, ungeheure Poesie innewohnen. Wie jetzt beispielsweise, wenn von der Flutkatastrophe die Rede ist. Von einem hundertjährigen Hochwasser war des Öfteren die Rede, obwohl das letzte Ereignis, das diesen Namen trug, nur zehn Jahre zurückliegt. Ebenso gut könnte man auch von einem zehnjährigen Hochwasser sprechen, das nur alle tausend Jahre wiederkehrt. Das Phänomen der verwirrenden Bezeichnungen nennt sich Statistik. Dabei handelt es sich um die Kunst, auf eine gewünschte Antwort die passende Frage zu finden. Nutznießer dieser Gedankenakrobatik ist unter anderem die Pharmaindustrie, die bisweilen zuerst ein Präparat entwickelt und erst dann die entsprechende Krankheit kreiert. Doch zurück zur ande- ren Katastrophe. Österreich kann sich glücklich schätzen. In kaum einer anderen Situation zuvor zeigte sich, über welch ungeheure Expertendichte das Land verfügt. Ein Fachmann sprach, wenn auch nur in einem beiläufigen Nebensatz, gar von einem achtzigjährigen Hochwasser, das aber eben nicht eingetreten sei. Man wurde neugierig und fragte sich, ob nicht auch ein Hochwasser, wie es alle dreiundsechzigundeinhalbes Jahr registriert wird, das Land verschont hat, ohne dass die Bevölkerung etwas davon bemerkt hat. Viele Bewohner der gefährdeten Gebiete entlang der Flussläufe und Wildbäche kennen auch das gefürchtete Naturereignis eines einjährigen Hochwassers, das durchaus auch mehrmals im Jahr auftreten kann. Klar ist, dass dem Schlamm, der in diesem Jahr in Häuser, Vorgärten und Felder gespült wurde, auf hundert Jahre hochgerechnet keine Bedeutung zukommt. Statistisch gesehen, sind also alle betroffenen Gebäude ziemlich sauber geblieben. Das sollte doch die vielen Flutopfer irgendwie trösten. Man könnte aber auch der Realität ins Auge sehen. Wie die Erfahrung zeigt, handelt es sich dabei aber eher um ein nulljähriges Ereignis.

http://www.zeit.de/2013/25/donnerstalk

Müssen wir uns an ein Leben mit der Katastrophe gewöhnen? Der Dresdner Schriftsteller Thomas Rosenlöcher über den Alltag im Ausnahmezustand.

„Sitze oben im Erzgebirge, während unten im Elbtal das Wasser noch immer steigt“, trage ich unter dem 6. Juni 2013 in mein Tagebuch ein. Die Notiz kommt mir bekannt vor, und tatsächlich habe ich am 14. August 2002 fast denselben Satz ins Tagebuch geschrieben. Das war beim letzten Jahrhunderthochwasser.

Wobei der Satz gewiss auch damals eine Art schlechtes Gewissen ausdrückte, denn als Dresdner gehöre ich bei Katastrophen nach Dresden, in meine Kleinzschachwitzer Elbwiesengegend, die ich doch nur verlassen habe, weil mir nach 1989 die Mittel für unsere plötzlich unglaublich fein gewordene Villenwohnung fehlten. – Nun, hier im Erzgebirge kann ich immerhin dabei zusehen, wie so ein Hochwasser entsteht. 2002 besuchte das Wasser unter dem schon bald deutschlandweit berühmt gewordenen Namen Weißeritz den noch viel berühmteren Dresdner Zwinger. „Gestern früh sieben Uhr“, schrieb ich damals ins Tagebuch, „vor der Tür eine weinerliche Stimme: ›Nehmt ihr uns bei euch auf?‹ Und heute morgen vier Uhr die letzte Einquartierung; der Bruder mit der Frau, gerade noch so mit dem Moped aus dem wasserumschlossenen Kleinzschachwitz herausgekommen.“ – Ja, während wir damals an langen Tischen hier oben schwatzten und tranken, meldeten wir uns am Telefon bereits mit „Auffanglager Höckendorf“! – „Die Katastrophe als Möglichkeit plötzlichen Miteinanders“, merkte ich damals im Tagebuch an. Wobei ich damals bei dem Wort Katastrophe niemals geglaubt hätte, dass es bis zur nächsten Katastrophe nur elf Jahre dauern würde. Wobei ja das Katastrophale an dieser Katastrophe ist, dass sie – nach den Zwischenfluten von 2006 und 2010 – so langsam doch die Mitteilung einschließt, dass dergleichen nun häufiger geschehen könnte: „Es regnet gar ni mehr normal“, hörte ich meine Mutter sagen, als wir sie schon einmal vorsorglich zu uns heraufholten. Und ihre Freundin aus dem dieses Mal zuerst evakuierten Laubegast meinte: „Schon wieder eine Jahrhundertflut, Christa! Na, da haben wir uns in den letzten hundert Jahren aber gut gehalten!“

Ja, auch 2013 wieder „Auffanglager Höckendorf“. Wobei der Andrang diesmal bedeutend geringer ausfiel, auch weil die meisten unterdessen besser vorbereitet sind und wissen, wo die Elbe bei welchem Pegelstand auftauchen könnte, um ihr altes Bett zu besuchen; denn egal, wie oft sie noch auftauchen wird: Das Flussgedächtnis währt länger als alles Menschengedenken. – Jedenfalls begann Kleinzschachwitz schon allmählich zu verinseln, als ich mich doch noch mal an den Absperrungen vorbeidrückte. Und während es schon seltsam ist, wenn einem auf der Johannes-Brahms-Straße plötzlich die Elbe entgegenkommt, sah ich nun vor dem Haus meines Bruders zwischen blühenden Rhododendren einen kleinen Gardasee. Wobei sich hinter den Blüten tatsächlich ein rotes Paddelboot vorschob. Ein paar Straßen weiter deutete ein Mann mit der Schaufel auf eine abgesoffene Gärtnerei und sagte: „Der kann aber froh sein, dass er schon voorsches Jahr gestorben is und das nisch mehr erleben muss!“

Freilich, der Fluss auch diesmal wieder als Riesenbild ein Bild zum Verstummen. Vielleicht, weil das Bild auch die Furcht einschließt, dass es nicht immer so weitergehen wird mit unserem ja doch geliebten, privilegierten Jetzt. Kam der Fluss doch auch dieses Mal wieder mit einer Selbstverständlichkeit daher, als habe er sich nur in sein altes Recht zurückversetzt. Als flösse er immer schon derart breit und lautlos an den Elbhängen entlang: Ein unablässiges Maestoso – nur drüben, wo vor Kurzem noch die Fahrrinne gewesen sein muss, rast ein Blechbehälter allegretto nach Hamburg hinunter. Und wieder steht das Kirchlein Maria am Wasser im Wasser, mitsamt dem Friedhof, auf dem ich begraben sein will. Und ach, Karlis Bierbude! – immer schon meine einzige, wirkliche Akademie! – unerreichbar im Fluss! Doch während die Bretterbude beim vorherigen Jahrhunderthochwasser oben in den Bäumen hing, hat sie sich dieses Mal nur gedreht, sodass der Ausschank Richtung Meer zeigt.

http://www.zeit.de/2013/25/sachsen-flut-thomas-rosenloecher

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