Laasches Inselleben

Veröffentlicht: Juni 13, 2013 von fluthelfer in Landkreis Lüchow-Dannenberg

 

Dass die Laascher von der Außenwelt abgeschnitten sind, ist nichts Neues – wie sie damit umgehen schon

Die Milch landet im Abfluss. Literweise.

Wilhelm Pewsdorf hat keinen, der sie abholen könnte. Der Landwirt lebt in Laasche, besser gesagt: auf Laasche. Denn durch das Hochwasser ist der Ort ebenso von Wasser um- wie der Fahrdamm überspült ist. Pewsdorf muss seine Kühe trotzdem melken, muss die Tiere füttern und versorgen. Die gleiche Arbeit wie immer – nur ohne Lohn. Eine wirtschaftliche Misere. »Nur einen Vorteil hat die Sache: Ich habe die ganze Woche noch keine Rechnungen bekommen», sagt er. Laasche ist zu einer Insel geworden. Mal wieder. In der Vergangenheit gab es viel Streit über den Deichbau und rund um das Hochwasser. Oft fühlten sich die Laascher von den Behörden im Stich gelassen. Letztere weigerten sich, einen Ort mit 25 Einwohnern mit Hilfskräften gegen die Fluten zu sichern, drängten auf frühzeitige Evakuierungen. Diese Zeiten sind offenbar vorbei. Nach jahrelangem Hickhack hat Laasche einen Deich, gestern haben Boote 300 Soldaten auf die Insel gebracht, um vier kritische Stellen mit 30000 Sandsäcken auszubessern.

Und auch die Laascher halten zusammen. Abends um 19 Uhr treffen sie sich auf der Terrasse des Campingplatzes zu einer Lagebesprechung. Senior-Chefin Gisela Pewsdorf serviert Getränke, die anderen sitzen im Kreis auf Plastikstühlen.

Etwas entfernt sitzen vier Bundeswehrsoldaten an einem Tisch. Gisela Pewsdorf hat ihnen Wurstbrote geschmiert und Fleischbällchen gebraten. Sie sind gekommen, um den Laaschern zu helfen und Wache am Deich zu schieben. 24 Stunden bleiben die Soldaten, dann lösen Kameraden sie ab. Sie wohnen in einer Ferienwohnung von Marina Marquardt. »Auf Soldaten waren wir nicht eingestellt, deshalb haben wir nur Ehebetten», sagt sie und grinst. Den Soldaten macht das nichts, sie fühlen sich wohl. »Die Stimmung hier im Ort ist sehr gut, die Bewohner haben uns freundlich aufgenommen und sind sehr hilfsbereit», sagt einer der Männer. »Das Frühstück stelle ich euch in den Kühlschrank», sagt Marquardt, dann geht sie zu den anderen hinüber.

Auch dort ist die Stimmung gespannt, aber gut. Die Laascher sind längst nicht so unzufrieden mit dem Krisenmanagement der Behörden wie in den vorangegangenen Flutjahren. Im Gegenteil: »Nach den Erfahrungen der letzten Jahre empfinden wir die Organisation geradezu als perfekt», sagt Hans-Wolfgang Abbass. Man habe früh angefangen, sich zu engagieren. Alle haben sich mit Lebensmitteln bevorratet. »Für mindestens eine Woche», sagt eine Frau. In der Gaststätte hängt ein Zettel, auf dem die Laascher ihren Bedarf notieren können. Hin und wieder fahren einige mit dem Boot zum Einkaufen nach Gartow. Sibylle Hauswaldt hat über die Bäuerliche Notgemeinschaft einen leistungsstarken Trecker von einem Bio-Landwirt aus Salzwedel organisiert.

Selbst ein Feriengast ist geblieben, Dauercamper Kurt Benitz. »Ich wollte einfach helfen», sagt der Norderstedter. In seinem Wohnwagen wohnt er allerdings seit ein paar Tagen nicht mehr. Das war ihm dann doch zu unsicher. Statt Camping auf dem Festland macht Benitz nun Ferienhausurlaub auf einer Insel.

Es sieht so aus, als sei das Meckern und Querstellen in Laasche zurückgegangen. »Wir sollten nicht negativ sein, sondern optimistisch», so lautet seit ein paar Tagen das Credo von Abbass. Das wirkt offenbar. »Die Solidarität ist groß», sagt Sibylle Hauswaldt, auch, weil die »Inselsituation belastend und bedrohlich» sei. Einmal am Tag fahren Thomas Hauswaldt und Thorsten Pewsdorf mit einem Motorboot zur Lagebesprechung der örtlichen Einsatzleitung nach Gartow. Gerade kommen sie von der Sitzung zurück, pünklich zur Lagebesprechung in Laasche. »Wir haben gute Nachrichten, positiver als ich vorher gehofft hatte», sagt Rechtsanwalt Thomas Hauswaldt. Vier kritische Stellen im Deich, die sich am Vortag zwei THW-Fachberater angesehen und für problematisch befunden hatten, sollen 300 Soldaten auf einer Länge von insgesamt 600 Metern mit Sandsäcken und Vlies sichern. Das DLRG versorgt die Laascher von Meetschow aus per Boot mit Kraftstoff.

»Wir müssen jetzt die Sandentnahmestelle vorbereiten, damit morgen gleich die Säcke befüllt werden können», sagt Hauswaldt. »Zu früh geduscht», ruft einer. Dann stehen die Laascher auf und legen los. Sie müssen ihre Insel retten.

http://www.ejz.de

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