Am Wasser gebaut

Veröffentlicht: Juni 13, 2013 von fluthelfer in Zentrale der Deutschen Fluthilfe

 

Einst gehörte Hochwasser zum Alltag. Heute flößt es Angst ein und zwingt Anrainer zur Flucht. Von Stefan Müller und Florian Gasser

Als das Wasser kam, wehrten sich die Menschen nach Kräften: Sie stellten Schutzwände auf, brachten ihr Hab und Gut in Sicherheit und verstärkten die Dämme. Die Gemeinde Baumgartenberg in Oberösterreich hatte Glück, der Machlanddamm hielt dem Druck der Wassermassen stand. Nur ein paar Zentimeter hätten gefehlt, und das gigantische Bauwerk wäre überspült worden. Es war erst im vergangenen Jahr fertiggestellt worden, fünf Jahre eher als geplant. „Das war auf Messers Schneide“, sagt Bürgermeister Erwin Kastner. „Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen.“

Besonders gefährdete Gebiete waren nach der Hochwasserkatastrophe des Jahres 2002 sogar ganz geräumt worden. 250 Häuser wurden für die Schutzmaßnahmen abgesiedelt. Wer blieb, steht nun erneut vor den Trümmern seiner Existenz. Für jene, die ihre Heimat verlassen haben, hat die Flut die Bestätigung gebracht, dass es richtig war zu gehen. Seit dem Jahrhunderthochwasser vor elf Jahren setzt die Politik auf ein umfassendes Hochwassermanagement. Nicht nur Dämme sollen künftig die Fluten zurückhalten, die Flüsse sollen wieder Platz bekommen, sich auszubreiten. Ein Unterfangen, das sich als Illusion herausstellen könnte, zu verbaut sind die Ufer bereits.

Hochwasser und Überflutungen waren schon immer Teil der Menschheitsgeschichte. Sie begegnen in der Bibel, in Sagen und Märchen. Die Schwemme machte in der Antike den Boden in Ägypten fruchtbar, blieb sie aus, waren Hungersnöte die Folge. In Europa war die Flut ein Unheilsbringer – und wurde nicht selten als Strafe Gottes empfunden. Trotz aller Bemühungen und technischen Fortschritts: Der Mensch kann sich aus der Natur nicht herausnehmen.

Erwin Kastner ist seit 23 Jahren Bürgermeister und hat viele Hochwasser miterlebt. Seit dem 11. Jahrhundert sind Aufzeichnungen zu Überflutungen, die große Teile des Ortes zerstörten, in der Dorfchronik zu finden. Nun schützt ein 45 Kilometer langes System aus einem Erdwall, Mauern und Mobilwänden die oberösterreichischen Gemeinden entlang der Donau. Die Kosten dafür: 181 Millionen Euro.

Das Siedeln am Wasser brachte Vorteile: Lange war Wasserkraft die wichtigste Energiequelle, waren Flüsse wichtige Verkehrsadern und Müllabfuhr zugleich. Kleinere Hochwasser in kurzen Abständen, oft im Jahresrhythmus, waren nichts Besonderes. Auch große Fluten gab es immer wieder. Etwa das Jahrtausendhochwasser von 1501. „Wir haben aber praktisch keine Nachrichten über Todesfälle“, sagt Christian Rohr. Der Oberösterreicher ist Professor für Umwelt- und Klimageschichte an der Universität Bern. „Es muss schon im ausgehenden Mittelalter eine Art Vorwarnsystem gegeben haben.“ Das Hochwasser sei Teil des Alltags und sogar ein Wirtschaftsfaktor geworden. Städte wie Wels, wo große Holzbrücken die Ufer verbanden, brauchten mehr Zimmerleute für häufige Reparaturen.

Im 19. Jahrhundert wurden die Flüsse Mitteleuropas zunehmend eingegrenzt, ihre Läufe begradigt. Doch das Wasser ließ sich nicht zähmen. Zwar verschwanden die kleinen, öfter wiederkehrenden Hochwasser. Geblieben sind die großen Ereignisse, die Jahrhunderthochwasser.

Konzertierte Absiedlungen ganzer Ortschaften sind historisch eher selten. Zu groß waren die Vorteile der Flusslagen, zu festgefahren die Besitzverhältnisse von Grund und Boden, zu kostspielig ein Neubau ganzer Siedlungsgebiete. Und doch finden sich Beispiele. So gab es bis ins 12. Jahrhundert nahe Wien eine Ortschaft zu beiden Seiten der Donau namens Neuburg. Immer wieder war sie vom Hochwasser zerstört worden. Bis schließlich der östliche Teil 2,3 Kilometer weiter weg neu errichtet wurde, erzählt Rohr. Er heißt seitdem Korneuburg.

Mehr als 700 Jahre später versank Oberndorf bei Salzburg 1899 komplett in der Salzach. Die Regierung machte die Katastrophenhilfe davon abhängig, den Ort 600 Meter weiter wieder aufzubauen. Das nächste große Hochwasser 1954 überstand Oberndorf trocken. Dann passierte lange Zeit nichts, der Fluss blieb in seinem Bett. Neue Einfamilienhäuser ließen den Ort wachsen. An die Hochwassergefahr konnte sich bald niemand mehr erinnern. 2002 kam es dann wieder zu massiven Schäden; ausgerechnet an der Stelle, die einst geräumt worden war.

Die Regierungen, gleich welcher Couleur, nahmen den Hochwasserschutz ernst – wenn auch die Kompetenzzersplitterung zwischen Bund, Ländern und Gemeinden für Verzögerungen in der Umsetzung sorgte. Beim passiven Hochwasserschutz, also der Räumung gefährdeter Zonen, gehörte Österreich sogar zu den Vorreitern. Bereits in den siebziger Jahren war es in Niederösterreich zur Absiedlung von mehr als 100 Häusern gekommen – freiwillig und möglichst unter Beibehaltung der gewachsenen sozialen Bindungen. Die Flächen wurden in immerwährendes Grünland rückgewidmet.

Aussiedeln ist der letzte Ausweg

Im Zuge der Errichtung des Hochwasserschutzes Machland nach 2002 verschwanden die Ortschaften Hütting, ein Großteil von Mettensdorf und Pitzing sowie Eizendorf, die Froschau und Teile von Saxendorf. Es waren die größten Maßnahmen dieser Art in Mitteleuropa. Die Kosten für den Abbruch und die Ablöse der Häuser von mehr als 110 Millionen Euro teilten sich Bund und Land. Die Aussiedler entkamen zwar dem Hochwasser für immer, trugen jedoch Narben davon. „Manche sind dabei um Jahre gealtert“, erzählt Bürgermeister Kastner.

Ein Am Schauplatz-Bericht des ORF veranschaulichte am Beispiel Eizendorf die Probleme. Über einen Zeitraum von zehn Jahren dokumentierten die Reporter, wie die Dorfgemeinschaft in die Brüche ging. Eine geplante gemeinsame Neuansiedlung in Untersaxen scheiterte am Widerstand der Politiker. An die Häuser der Familien erinnern heute nur noch die quadratischen Quader eines Mahnmals.

Bis 2016 sollen in der Gemeinde Enns weitere Häuser abgesiedelt und der ganze Ort Kronau soll geräumt werden. Doch Aussiedeln ist die Ultima Ratio, der letzte Ausweg. In Zukunft soll ein integrierter Hochwasserschutz unter Einbeziehung aller relevanten Fachrichtungen von Hydrologie bis Raumplanung den Menschen Sicherheit bieten. „Wir sind auf jeden Fall auf dem richtigen Weg“, sagt Helmut Habersack, Professor für Wasserbau und hydraulische Modellierung an der Universität für Bodenkultur Wien: „Wir haben aus der Vergangenheit gelernt.“

Mit seinem Team hat er eine Methode entwickelt, um den Wert von Überflutungsflächen für ein Flusssystem zu beziffern, die „Floodplain Evaluation Matrix“. Damit kann man bei der Entscheidung, ob eine Fläche bebaut werden darf oder nicht, die Wirkung dieser Einzelmaßnahme auf das gesamte Flussverhalten beurteilen. Wenn bis jetzt eine Aufschüttung in Flussnähe beantragt wurde, konnte nur dieser Einzelfall betrachtet werden. Ein Parkplatz beispielsweise mag lediglich eine Veränderung des Wasserstandes um wenige Zentimeter bewirken. „Der Jurist wird sagen, der Effekt ist marginal. Aber in Summe führt eine Vielzahl solcher Entscheidungen zu der heutigen Situation“, sagt Habersack.

Das immer engere Korsett für Flüsse bedeutet auch mehr Hochwasser für Nachbarländer oder angrenzende Bundesländer. Mittlerweile gilt die Vorgabe, dass niemand flussabwärts durch Baumaßnahmen schlechtergestellt werden darf. In Mettensdorf in der Gemeinde Baumgartenberg waren 44 Objekte abgesiedelt worden, doch sieben Hausbesitzer wollten bleiben. Sie bekamen einen Schutz gegen ein dreißigjähriges Hochwasser, weit niedriger als der Machlanddamm, der für ein Jahrhunderthochwasser gerüstet wurde. „Weil sie so nahe an der Donau liegen und die Widerstände aus Niederösterreich so groß waren“, sagt Bürgermeister Kastner. Sonst wären die Wassermassen flussabwärts gerauscht. Mettensdorf ist vergangene Woche zur Gänze untergegangen. Wieder einmal.

Andere hausgemachte Probleme seien kaum noch umkehrbar, sagt Habersack. Seit den späten sechziger Jahren gibt es einen Gefahrenzonenplan mit roten und gelben Zonen, für besonders und weniger gefährdete Flächen. Doch die Bewilligung von Bauprojekten in diesen Gebieten wurde den Bürgermeistern und Raumplanungsbüros der Länder überlassen, mit dem Ergebnis, dass heute 400.000 Häuser in diesen Zonen stehen. „Das ist Wahnsinn“, sagt Habersack. Doch gerade strukturschwache Gemeinden kämpfen um jeden Bewohner und jeden Betrieb. Bauverbote sind dabei keine gute Werbung. Und je länger die letzte Flut zurückliegt, umso mehr gerät sie in Vergessenheit. Das zuständige Umweltministerium will die Länder in Zukunft stärker in die Pflicht nehmen, echte Bauverbote zu erlassen.

„Es gibt schon erschreckend wenig Einsicht dafür, welche Fehler passiert sind“, sagt Gerlind Weber, Professorin für Raumplanung an der Universität für Bodenkultur Wien. „Wenn wir das kritisiert haben, hat man uns zu Fortschrittsfeinden erklärt – als würden wir jemandem den Wohlstand nicht gönnen oder dem Kommunismus zusprechen.“ Weber fordert, verstärkt die ausufernde Zersiedelung einzudämmen. Das würde oft mehr freies Land sowie mehr Sicherheit bedeuten und zugleich große Kosteneinsparungen ermöglichen. Doch der Wille dazu fehle. „In unseren Gesellschaften haben wir das Problem, dass die Naturgefahren weitgehend aus unserem Alltag verdrängt sind“, sagt Christian Rohr.

Im Buch Genesis findet Gott nach der Sintflut tröstende Worte, nie wieder wolle er so eine Flut schicken. Doch inzwischen hat der Mensch längst am Klima gedreht. Glaubt man dem jüngsten Bericht des Weltklimarates IPCC, werden extreme Wetterereignisse zunehmen.

Sich dafür zu rüsten und Maßnahmen zum Hochwasserschutz umzusetzen wird schwer, glaubt Gerlind Weber. Zu wenig Naturflächen seien übrig, zu viele Siedlungsräume schon erschlossen. Und historisch gewachsene Städte abzusiedeln sei unmöglich. An der Macht des Faktischen sei nicht zu rütteln. „Vielleicht sollte man davon ausgehen, dass der Staat alle 10 Jahre drei Milliarden auf die Seite legen muss, weil Hochwasserschäden zu reparieren sind.“ Vielleicht liegt die Zukunft darin, immer erneut in den Wiederaufbau zerstörter Strukturen zu investieren, statt neue zu schaffen. Das würde einen Paradigmenwechsel nötig machen.

http://www.zeit.de/2013/25/hochwasser-oesterreich/seite-2

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