Nicht mal die Bahn kann übers Wasser fahren

Veröffentlicht: Juni 12, 2013 von fluthelfer in Zentrale der Deutschen Fluthilfe

Brücken sind gesperrt, Gleise überflutet, Tausende Mitarbeiter im Hochwassereinsatz. Die Bahn tut viel, lange Verspätungen aber sind nicht zu vermeiden. Von Kerstin Schwenn

In Zeiten des Hochwassers kann eine Bahnfahrt von Berlin nach Karlsruhe schon einmal acht Stunden dauern und erst nachts um zwei enden. Wer in diesen Tagen mit dem Zug unterwegs ist, muss Geduld aufbringen. „Eine Bahnfahrt aus dem Ruhrgebiet oder aus dem Rhein-Main-Gebiet nach Berlin dauert im Moment ungefähr 60 Minuten länger als sonst“, sagt ein Sprecher der Deutschen Bahn, „manchmal auch 90 Minuten mehr.“ Weil Gleise überflutet sind oder angeschwollene Flüsse die Stabilität von Brücken gefährden, muss die Bahn viele Züge umleiten. Einige Hochgeschwindigkeitsstrecken sind vollständig lahmgelegt. Die Bahn will sich derzeit nicht darauf festlegen, wann alles wieder nach Fahrplan laufen wird. Die Störungen wirken sich inzwischen nicht nur in den Hochwasserregionen, sondern im gesamten Schienennetz aus. Fahrgäste brauchen also weiter Ausdauer. „Wir haben aber den Eindruck, dass angesichts der Bilder aus dem Fernsehen bei den meisten Kunden Verständnis vorhanden ist“, berichtet ein Bahnsprecher. Vorsorglich entschuldigt sich die Bahn für die Unannehmlichkeiten.

Kunden, die ihre fest gebuchten Züge wegen des Hochwassers nicht erreichen, können ihre Fahrscheine mit Zugbindung auf den nächstmöglichen Zug umschreiben lassen. Fahrkarten für Verbindungen in Hochwassergebiete werden außerdem unentgeltlich erstattet, wenn Reisende von der Fahrt zurücktreten möchten. Diese Kulanzregelung gilt zunächst bis zum 23. Juni. Für alle ratlosen Kunden hat die Bahn eine kostenlose Servicenummer eingerichtet: Auskünfte sind unter 08000/996633 zu erhalten oder auf der Internetseite des Unternehmens. Bis heute hat die Bahn über die Servicenummer schon rund 100.000 Anrufe zum Hochwasser entgegengenommen.

Ein neuralgischer Punkt für die Bahn sind die Brücken, da durch die Wassermassen deren Standfestigkeit gefährdet ist. Schwemmholz kann die Belastung zusätzlich verschärfen. So bleibt etwa die wichtige Elbbrücke bei Hämerten in Sachsen-Anhalt bis auf weiteres gesperrt, weil die Bahn mit Schäden am Bauwerk rechnet. Im Personenverkehr zwischen Hannover und Berlin sowie Frankfurt/Main und Berlin kommt es daher zu spürbaren Verspätungen und Teilausfällen. Der ICE Berlin-Hannover-Hamm-Düsseldorf/Köln wird zwischen Berlin und Hannover ohne Zwischenstopp über Magdeburg umgeleitet. Die Halte dieser Züge in Berlin-Spandau, Stendal und Wolfsburg fallen weg. Der Umweg kostet etwa eine Stunde.

Die ICE-Linien München- oder Basel-Frankfurt-Berlin werden ab Fulda über Erfurt, Halle und Lutherstadt Wittenberg umgeleitet – ohne Zwischenhalte in diesen Orten. Die Halte in Kassel, Göttingen, Hildesheim, Braunschweig und Wolfsburg entfallen. Hier verlängert sich die Fahrzeit sogar um etwa 90 Minuten. Weil die Kapazität der Umleitungsstrecken begrenzt ist, werden jetzt Trassen, auf denen nachts eigentlich kein Zugverkehr stattfindet, auch nachts geöffnet, vor allem für Güterverkehr. In Süddeutschland hat sich derweil die Lage im Schienennetz mit dem Sinken der Flusspegel etwas entspannt. Nach Angaben des Bahnsprechers hat sich der Verkehr auf den zeitweilig unterbrochenen Strecken – auch von und nach Österreich – wieder stabilisiert. Wegen Murenabgängen gibt es allerdings noch Sperrungen in Österreich zwischen Salzburg und Graz.

Das Hochwasser belastet den Infrastruktur-Etat erheblich. Das Ausmaß der Kosten ist allerdings noch nicht zu beziffern, da noch nicht alle Schäden begutachtet werden können. Diese Bestandsaufnahme wird nach Angaben eines Bahnsprechers mehrere Wochendauern. Noch ist auch ungewiss, wie sich Bund und Bahn die Schäden an Gleisen und Brücken aufteilen werden. Dem Vernehmen nach verliefen die Gespräche nach der Flut 2002 nicht ganz spannungsfrei.

Das Hochwasser kostet aber auch im Betrieb mehr Geld. So schickt die Bahn zusätzliche Mitarbeiter in die Fahrdienstleiterschichten auf Stellwerke und in Betriebszentralen. Auch zur Koordinierung der neuen Fahrpläne wird zusätzlich Personal eingesetzt. Auf den Bahnsteigen stehen mehr Servicekräfte, um gestrandete Reisende zu unterstützen. „Über alle Bereiche hinweg haben wir Tausende Mitarbeiter im Hochwassereinsatz“, heißt es in einem Vermerk. Zusätzlich unterstützt die Bahn den Einsatz von Helfern, die in den Hochwassergebieten eingesetzt werden. Helfer von Polizei, Feuerwehr, Technischem Hilfswerk und anerkannten Hilfsorganisationen können kostenfrei in die Einsatzgebiete fahren. Als Legitimation ist die Vorlage eines Ausweises, eines Einsatzbefehls oder das Tragen von Uniform ausreichend. Diese Regelung gilt bis einschließlich 30. Juni. Bahnchef Rüdiger Grube hat überdies für durch die Flut geschädigte Mitarbeiter des Konzerns einen Hilfsfonds aufgelegt, der mit einer Million Euro dotiert ist.

Quelle: faz.net

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s