Hochwasser: Regen droht Deiche aufzuweichen

Veröffentlicht: Juni 12, 2013 von fluthelfer in Mecklenburg Vorpommern

Das Hochwasser der Elbe in Mecklenburg-Vorpommern geht ganz langsam zurück, die Gefahr bleibt dennoch groß. In Dömitz stagniert der Pegel leicht unter dem Höchststand bei etwa 7,10 Metern, in Boizenburg ist das Wasser am Nachmittag leicht gesunken, auf 7,31 Meter. Die Deiche sind durch das Hochwasser weiter stark belastet. Zudem wird Regen erwartet, der die Deiche zusätzlich aufweichen kann.

Kampf gegen Sickerstellen

Allein in Dömitz haben Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerkes knapp zwei Kilometer Deichböschung befestigt. Rund 30 Sickerstellen mussten dort geschlossen werden, weil sich das Wasser der Elbe einen Weg durch die Sandsäcke gesucht hatte. Kurz hinter Boizenburg haben Feuerwehrleute einen aufgeschütteten Notdeich gesichert. Dort drohte das Wasser die Bundesstraße 5 zu überfluten. Sie ist eine der Verkehrsadern in der Region und zugleich Rettungsweg im Falle eines Deichbruchs. Der regionale Energieversorger kündigte unterdessen an, den Strom erst dann abzuschalten, wenn eine Evakuierung angeordnet werde.

Pegel soll weiter sinken – Lage bleibt angespannt

In Kürze soll der Wasserstand nach Expertenvorhersagen etwas stärker sinken. Für Mittwoch lautet die Prognose der Magdeburger Vorhersagezentrale für die Elbe 6,95 Meter am Pegel Dömitz und 7,05 Meter in Boizenburg, wie der Sprecher des Landkreises Ludwigslust-Parchim, Andreas Bonin, sagte. Von Entwarnung kann dennoch keine Rede sein. Es gebe immer mehr Sickerstellen an zahlreichen Punkten. Sie würden von Experten des Staatlichen Amtes für Umwelt und Natur ständig begutachtet und danach gesichert. Die Elbdeiche sind nicht dafür gemacht, Wasserstände dieser Höhe über längere Zeit auszuhalten.

Tierische Helfer bei der Deichverteidigung

„Wir müssen weiter sehr genau beobachten“, mahnte auch der Landrat des Landkreises Ludwigslust-Parchim, Rolf Christiansen (SPD). Eingreiftruppen der Bundeswehr würden in unmittelbarer Deichnähe postiert, um undichte Stellen notfalls sofort abdichten zu können. Die bisher entdeckten Stellen seien aber alle unproblematisch gewesen. Bei der Deichverteidigung setzen die Einsatzkräfte neben „Deichläufern“, die ständig die Böschungen kontrollieren, auch auf tierische Helfer. Wühlmäuse und Maulwürfe seien gute Indikatoren für den Zustand der Deiche. Wenn sie die Deiche verlassen, sei das ein Anzeichen für eindringendes Wasser. Doch die tierischen Flussanwohner bereiten auch Probleme: An der Sude haben sich Biber in die Deiche gegraben.

Land verhandelt über Sofortprogramm für betroffene Firmen

Unterdessen kündigte Mecklenburg-Vorpommerns Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) ein Sofortprogramm für von der Flut betroffene Unternehmen an. Die Verhandlungen mit dem Bund über diese Hilfe sollen noch in dieser Woche abgeschlossen werden. In welcher Höhe Geld an Firmen aus Mecklenburg-Vorpommern gegeben werden kann, ist laut Wirtschaftsministerium bisher noch nicht geklärt. Klar ist bereits, dass Bund und Land sich die Finanzierung der Hilfe je zur Hälfte teilen wollen. Grundsätzlich soll diese Soforthilfe für die Wirtschaft in allen Bundesländern gleich geregelt werden. Wie viele Unternehmen in Mecklenburg-Vorpommern durch das Hochwasser bisher geschädigt worden sind, ist noch nicht bekannt.

Hohe Kosten für den Landkreis

Der Kampf gegen die Elbeflut wird den Landkreis Ludwigslust-Parchim voraussichtlich mehrere Millionen Euro kosten. Ein großer Teil seien Lohnersatzkosten für Einsatzkräfte von Organisationen wie Freiwilliger Feuerwehr oder Technischem Hilfswerk, sagte Landkreis-Sprecher Andreas Bonin. Die Arbeitgeber zahlten Helfern während ihres Einsatzes am Fluss den Lohn weiter und könnten Anträge auf Erstattung beim Landkreis stellen. Wer allerdings nicht über eine Organisation, sondern privat als Freiwilliger Sandsäcke abfüllt, geht demnach leer aus. Diese Helfer müssten entweder Urlaub nehmen oder sich unbezahlt von ihrem Job freistellen lassen, hieß es. Der Einsatz der Bundeswehr wird grundsätzlich in Rechnung gestellt, wie Sprecher Klaus Brandel sagte. Ob wirklich Geld für den Einsatz verlangt wird, sei aber derzeit offen und werde im Einzelfall entschieden. Die Bundeswehr hat derzeit 1900 Soldaten in Mecklenburg-Vorpommern im Einsatz.

Anzeigen gegen Spendenbetrüger

Derweil wurden in Groß Trebbow im Landkreis Nordwestmecklenburg am Dienstag Spendenbetrüger von der Polizei aufgebracht. Die fünf Männer aus Rumänien gaben vor, Geld für Flutopfer zu sammeln. Allerdings konnten sie keinen Spendenausweis vorlegen – ein Anwohner wurde misstrauisch und rief die Polizei. Die Männer im Alter zwischen 18 und 38 Jahren hatten bereits rund 270 Euro eingesammelt und mussten das Geld zurückgeben. Außerdem wurden sie wegen Betruges angezeigt. Bereits zuvor waren an mehreren Orten in Mecklenburg-Vorpommern Spendenbetrüger unterwegs. Die Polizei rät, Geld nur auf bekannte Spendenkonten zu überweisen.

Grundwasser steht auf Ackerflächen

Das Hochwasser wird zunehmend für die Landwirtschaft zum Problem. Obwohl sie nicht von der Elbe überflutet worden sind, stehe auf vielen Ackerflächen Wasser, erklärte der Geschäftsführer des Bauernverbandes Ludwigslust, Harald Elgeti. Die Elbe drücke Grundwasser an die Oberfläche, dieses stehe jetzt auf den Feldern. Das Ausmaß sei noch nicht abzusehen. Möglicherweise seien zur Ernte, die in der Regel Anfang Juli mit der Gerste beginnt, einige Flächen noch gar nicht befahrbar. Bei Roggen und Weizen leide die Qualität der Körner unter der Nässe. Bei Gerste würden bei Nässe die Ähren abfallen oder die Körner trieben am Halm neu aus. Das Getreide sei dann Sondermüll, sagte Elgeti. Bei den überfluteten Grasflächen dürfe der erste Schnitt nach dem Abfluss des Wassers wegen möglicher Schadstoffbelastung nicht verfüttert werden.

Das Hochwasser bedroht auch die Nutztiere. Laut Agrarministerium sind in den Überflutungsgebieten von 21.000 Hektar im Nordosten 426 Tierhalter betroffen. Diese müssten im Ernstfall ihre Tiere in Sicherheit bringen, betonte Minister Till Backhaus (SPD). Es gehe um Tausende Rinder, Schweine, Schafe, Pferde und auch Geflügel.

4.000 Helfer im Einsatz – Eine Million Sandsäcke gefüllt

Sicherheitshalber haben in Dömitz viele Einwohner ihre Kellerfenster vernagelt oder mit Sandsäcken abgedichtet – der Katastrophenstab rief ausdrücklich dazu auf, das eigene Hab und Gut zu sichern. Freiwillige Helfer füllen weiterhin Sandsäcke. Seit dem Beginn des Hochwassereinsatzes sind bereits über eine Million Sandsäcke verbaut worden. Zwischen Dömitz im Süden und Boizenburg im Norden sind gut 4.000 Helfer von Bundeswehr, Technischem Hilfswerk und Feuerwehr mit der Sicherung der Region beschäftigt. Einige Schulen sind geschlossen – die Schulbusse verkehren nur noch stark eingeschränkt. Unter anderem in Hagenow, Lübtheen, Eldena und Gresse wurden Schulgebäude für mögliche Evakuierungen vorbereitet. Der Katastrophenstab rief dazu auf, alte und hilfsbedürftige Menschen aus der Gefahrenzone zu bringen.

Bisher keine Evakuierungen

Ortsfremde – darunter auch freiwillige Helfer, die nicht aus der Region kommen – mussten bereits am Dienstagnachmittag zur Sicherheit eine Sperrzone in der Elbregion verlassen. Ausgenommen sind laut Katastrophenstab Anwohner, die sich ausweisen können, Zulieferer von Lebensmitteln und Menschen, die eine Bescheinigung vom Arbeitgeber besitzen. Das Sperrgebiet umfasst Neu Kalliß, Lübtheen, Dömitz, Boizenburg, Boizenburg Land und Teile der Teldau.

Notunterkünfte mit 2.000 Betten vorbereitet

Sollten Evakuierungen erforderlich werden, werde die Bevölkerung durch Sirenen, Radio, Internet (www.kreis-swm.de) oder durch Lautsprecherdurchsagen informiert, hieß es in einer Pressemitteilung des Kreises, der Busse zur Verfügung stellen will, sofern eine Zwangsevakuierung bestimmter Orte notwendig werden sollte. In Turnhallen und Schulen sind nach Angaben des Landkreises Ludwigslust-Parchim Notunterkünfte mit rund 2.000 Betten vorbereitet. Ein Altenheim in Dömitz und ein Pflegeheim in Neu Kaliß sind am Montag bereits geräumt worden, ebenso das Krankenhaus in Boizenburg, das sich in direkter Hafennähe befindet. Ambulante Pflegedienste brachten ihre Patienten ebenfalls aus der Hochwasserzone.

Verkehrsbehinderungen im Hochwassergebiet

Die Elbbrücke bei Dömitz ist bis auf Weiteres für den Autoverkehr geschlossen. Die Polizei hat inzwischen diverse Straßen im Hochwassergebiet für die Durchfahrt gesperrt (PDF-Karte der Polizei). Der Betrieb der Elbfähren ist eingestellt. Der Bahnverkehr in MV ist bislang nach Informationen der Bahn nicht direkt betroffen. Fahrgäste nach Lüneburg müssen allerdings ab Büchen mit Behinderungen rechnen. Die Polizei wies daraufhin, das Durchfahrtsverbot auf der vom Elbe-Hochwasser betroffenen Bundesstraße 191 in Heiddorf (Kreis Ludwigslust-Parchim) künftig konsequenter durchzusetzen. Trotz Vollsperrung der Straße seit mehreren Tagen missachteten immer wieder Autofahrer das Verbot, teilte ein Sprecher am Mittwoch mit. Die Fahrzeuge behinderten die Arbeiten der Rettungskräfte an einem Problemdeich. So seien bereits Privat-Pkw über Pumpschläuche gefahren, hieß es.

155 Kilometer Deiche schützen Tausende Menschen

Das Elbehochwasser bedroht in Mecklenburg-Vorpommern rund 14.000 Menschen. Gut 10.000 leben in Boizenburg, weitere 3.200 einige Kilometer flussaufwärts in Dömitz. Rund 1.000 Menschen leben in den Dörfern entlang der Zuflüsse Elde (bei Dömitz) und Sude (bei Boizenburg), die von hereindrückendem Elbewasser und einem Rückstau der Zuflüsse ebenfalls stark gefährdet sind. Der Elbabschnitt Mecklenburg-Vorpommerns ist 21 Kilometer lang. Die Gesamtlänge der Deiche an der Elbe und ihren Zuflüssen beträgt allerdings 155 Kilometer.

http://www.ndr.de/regional/mecklenburg-vorpommern/hochwasser1261.html

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