Ein erster Lichtblick für die Opfer

Veröffentlicht: Juni 12, 2013 von fluthelfer in Halle

 

Drei Seiten Formular ausfüllen, Ausweis vorzeigen, unterschreiben – das ganze dauerte gestern in Halle, inklusive Wartezeit, keine halbe Stunde. Dann hatte Peter Mielke sein Geld: 900 Euro für sich und seine beiden Kinder. Ein erster Lichtblick für den Hallenser, der nach der Flut noch einmal von vorn beginnen muss. Wie Mielke strömten etliche Hallenser an die Serviceschalter der Stadt, um sich die Hochwasser-Soforthilfe abzuholen. 400 Euro pro Person, 250 Euro für Kinder, maximal 2 000 Euro pro Haushalt zahlt die Landesregierung den Flutopfern.

In der Bürgerservicestelle im Ratshof in Halle genießen die Hochwasseropfer Vorzugsbehandlung. Elf Schalter sind nur für sie geöffnet. Außerdem hat die Stadt exklusiv für Flutgeschädigte die Sprechzeiten verlängert, auch sonnabends und sonntags fließt das Geld. Entsprechend zügig klappte gestern, am ersten Tag der Auszahlung, die Bearbeitung. Unkompliziert und schnell sei es gegangen, berichtet eine junge Mutter, die mit ihrem acht Wochen alten Säugling gekommen ist. Sie holt das Flutgeld gleich für ihre Familie und die Schwiegereltern. Nachweise? Die können auch später nachgereicht werden. Mit mehr als 2 000 Euro geht sie am Ende nach Hause.

Leben wie auf der Baustelle

Doch das Zuhause der Flutopfer ist meistens erst einmal keines mehr. Schlamm und die braune Fluss- und Fäkalienbrühe haben Keller und Wohnungen verwüstet. „Wir haben immer noch keinen Strom und leben nur mit Kerzen und ohne warmes Wasser. Es sieht aus wie auf der Baustelle“, sagt eine andere Frau.

Ein Paar mit Säugling kann schätzungsweise erst in zwei Wochen wieder in seine Mietwohnung in der Klaustorvorstadt, Halles am stärksten betroffenes Innenstadtviertel. Mit Säugling in einer Wohnung ohne Strom – undenkbar für die beiden. Sie sind bei den Eltern der Frau im Saalekreis untergekommen. Das bedeutet täglich längere Fahrten zur Arbeit und dazu Anschaffungen außer der Reihe für das Kind. „Wir haben trotzdem Glück gehabt. Es gibt Leute, die hat es viel schlimmer erwischt.“

Zum Beispiel Erika Köcke. Ihr Haus in Halle-Planena, dem überfluteten Ortsteil in der Saale-Elster-Aue, steht immer noch im Wasser. Ihr Nervenkostüm ist sichtlich angegriffen. „Ich war gerade das erste Mal wieder dort. Ich muss das erstmal verarbeiten.“ Die 400 Euro Soforthilfe seien schnell weg, wenn es ans Aufräumen geht, sagt sie. „Was nur der Elektriker kostet, der den Strom wieder anstellt und die Anlage überprüft!“

Doch auch wenn die Hilfe unbürokratisch läuft – nicht jeder bekommt sofort Geld. Herbert Wolf hat ein Gartengrundstück an der Saale. „Aber ich weiß die Hausnummer nicht“, sagt er. Doch Wolf ist nicht böse. „Kein Problem. Ich habe jetzt die Adresse vom Vermessungsamt und muss mir nun erstmal eine Hausnummer holen.“

139 Fälle, 93 000 Euro

Er wird wiederkommen. Noch bis zum 15. Juli kann die Soforthilfe beantragt und abgeholt werden. Gestern wurden bis zum Abend 139 Fälle gezählt, 93 000 Euro ausgereicht. Rita Lachky, die Leiterin des Bereichs Einwohnerwesen sagt: „Wir rechnen aber damit, dass der Andrang noch größer wird.“ Nach Berechnungen der Stadt wohnen knapp 4 000 Hallenser in den überfluteten Gebieten. Schäden durch gestiegenes Grundwasser beträfen aber noch mehr.

Peter Mielke muss von vorn anfangen, weil das Wasser bei ihm brusthoch im Souterrain stand. Dort hatte sich der selbstständige Werbefachmann gerade erst vor zwei Monaten auf ein zweites geschäftliches Standbein gewagt: Süd-Thüringer Bratwürste, einzigartig in Halle, wie er sagt. Er war voll ins Risiko gegangen, das Geschäft lief gut an. „Doch die Flut hat mich kalt erwischt.“ Seine Produktionsräume überflutet, die Heizung seines Hauses dahin, Verdienstausfall – von den 900 Euro, die er als Privatmann erhalten hat, muss er nun erst einmal leben. Mielke hofft auf weitere Hilfen für Gewerbetreibende. Und darauf, bald wieder Bratwürste produzieren und verkaufen zu können. Um Standplätze für seinen mobilen Verkauf hat er sich schon beworben. „Ich bin seit der Wende selbstständig. Ich kann nur weitermachen.“ Das Flutgeld vom Land ist dabei ein erster Lichtblick. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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