Der Deichgraf von Deggendorf

Veröffentlicht: Juni 12, 2013 von fluthelfer in Deggendorf

 

Er packt mit an und braucht nur wenig Schlaf: Der CSU-Landrat Christian Bernreiter besteht in den Tagen der Hochwasserkatastrophe seine größte Bewährungsprobe als Leiter des Krisenstabs. Der Politiker wird nun bereits als Minister in Seehofers Kabinett gehandelt.

 

Christian Bernreiter weiß genau, wie es sich anfühlt, wenn sich ein Damm bis obenhin vollgesaugt hat. Er geht in die Knie, wippt leicht nach vorne und wieder zurück. „Am Schluss ist das wie ein Wasserbett“, sagt er. Mit 16 Jahren trat Bernreiter in die Feuerwehr ein, er hat selbst Sandsäcke geschichtet. Jetzt ist er 49 und sieht zu, dass überall genügend Sandsäcke verteilt werden. Bernreiter ist der Landrat von Deggendorf – und so etwas wie der Krisenmann der Stunde.

Wer allzu leichtfertig über Politiker schimpft, muss dieser Tage nur nach Niederbayern fahren. Er wird dann eines Besseren belehrt. Hier laufen die Bürgermeister und Landräte durch die Straßen, als wären es die Häuser ihrer Kinder, die da abgesoffen sind. „Passt alles?“, „wie geht’s euch?“, „braucht’s irgendwas?“ – für jeden haben sie einen Satz übrig, manchmal packen sie selbst mit an.

Bernreiter ist gerade mit einer Delegation des Regensburger Bischofs unterwegs, als ihm auf der Brücke nach Fischerdorf drei dreckverschmierte Frauen entgegenkommen: „Wie schaut’s aus?“, fragt er. „Wir haben immer noch Wasser im Haus, aber es wird schon.“

Als Leiter des Krisenstabs blüht Bernreiter erst richtig auf

Wäre die Lage nicht derart desaströs, man müsste behaupten, Bernreiter befindet sich in seinem Element. Je mehr zu tun, je größer die Herausforderung ist, desto lieber ist es ihm. Enge Mitarbeiter schildern ihn als Macher, als einen, der gar nicht anders kann, als stets volles Tempo zu gehen. Wenn nicht gerade eine Krankenhausfusion ansteht, klinkt er sich eben in irgendwelche Gesetzesinitiativen ein. Nur kein Stillstand. Es gibt Politiker, die mussten sich während eines Hochwassers krankschreiben lassen, weil sie der Aufgabe nicht gewachsen waren. Bernreiter blüht als Leiter des Krisenstabs erst richtig auf. Vertraute sagen, sie hätten Angst um seine Gesundheit, so sehr stehe er unter Adrenalin.

Während der Bischof mit Flutopfern redet, gibt Bernreiter ein Interview. Er trägt sein Krisenoutfit: kariertes Hemd, aufgekrempelte Ärmel, Jeans, schwarze Halbschuhe. In Gummistiefeln ist er selten anzutreffen, meistens in der Nacht. Diesmal haben sie ihn um halb zwei geweckt, weil die Helfer moralischen Beistand brauchten. 1000 Feuerwehrleute und Soldaten ackerten, um die geborstenen Dämme zu flicken. Es war ihre letzte Chance, ehe die nächste Flutwelle auf Fischerdorf zurollte. 50 000 Sandsäcke wurden bewegt, natürlich haben sie es geschafft. „Sehr stolz“ sei er, sagt Bernreiter.

Über sich spricht er weniger gern. Schlafmangel? Welche Frage. An den Häusern in Fischerdorf zeichnen sich graue Linien ab, es waren mal Pegelstände. Die höchsten sind nicht mal für einen Riesen auf Zehenspitzen zu erreichen. Jemand aus der Entourage des Bischofs fragt, ob der Dieselgestank denn von den Pumpen stamme. Es ist das ausgelaufene Öl, das bunt in den Gärten schillert.

Zurück ins Landratsamt, nicht mal jetzt kann Bernreiter langsam machen. „Geht scho, fahr da vorn rei‘. Und jetzt gleich links“, sagt er zu seinem Chauffeur, als ob der das nicht selber wüsste. Der Fahrer nickt nur. Man kennt den Chef.

Quelle und Bearbeiter: SZ vom 13.06.2013/day

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