Wie ein Kampf gegen die Fluten verloren geht

Veröffentlicht: Juni 10, 2013 von fluthelfer in Fischbeck

 

Sie kämpfen bis zur letzten Minute. Dann gibt der durchweichte Deich dem enormen Druck der Elbe nach. Zur Stunde ergießt sich das Wasser des zu einem riesigen See angeschwollenen Flusses aus einem 50 Meter breiten Tor mit voller Wucht über das Land. Die Schäden sind noch nicht benannt, wohl aber das Leid der Bewohner.

„Helft uns, wir saufen ab!“, ruft Heidi Gericke in den Telefonhörer. Am anderen Ende ist ein Sprecher des Krisenstabes Sachsen-Anhalt. Er hat die schwierige Aufgabe, all die Verzweifelten auf Distanz zu halten. „Wir tun alles, was wir können. Wir setzen aber kein Leben aufs Spiel. Begeben Sie sich in Ihre Notquartiere – und zwar unverzüglich.“ Der Sprecher des Krisenstabes wiederholt damit nur, was ein Polizeiwagen unmittelbar zuvor den Einwohnern des 1000-Seelen-Ortes Fischbeck über Lautsprecher mitteilte: Die Lage am Elbdeich sei kritisch, man möge das Nötigste packen und sich unverzüglich in Sicherheit bringen. Stunden später gibt es in Fischbeck keinen Ort mehr, der irgendwie erreichbar wäre. Millionen von Kubikmeter Wasser ergießen sich durch einen riesigen Riss im Elbdeich übers Land.

Wie Heidi Gericke hat zuvor niemand wirklich an die Katastrophe geglaubt. „Wir sind mit dem Hochwasser von 2002 fertiggeworden. Damals wurde unser Ort verschont. Seitdem wurden Millionen in neue Deiche gesteckt, die sind stabiler und höher als die alten von damals.“ Die 55-Jährige hat schon viele Hochwasser an der Elbe erlebt. In der gegenüberliegenden Stadt Tangermünde wurde sie geboren und kennt ihren Fluss – glaubte, ihren Fluss zu kennen. „Irgendwas stimmt diesmal nicht“, sagt sie. Der Fluss sei höher denn je. Schon immer habe es starke Regenfälle gegeben, die die Elbe habe aufnehmen können. Doch diesmal steigt das Wasser und steigt. Als der Deich dem Druck der Elbe nicht mehr standhalten kann, sind es 8,36 Meter und damit fast 70 Zentimeter mehr als 2002.

Noch am Freitag hat die Fischbeckerin ihr Haus ausgeräumt. Wie viele ihrer Nachbarn in der kleinen Eigenheimsiedlung schafft sie mit Hilfe ihres Mannes und der Geschwister ihr Hab und Gut in das Obergeschoss des Hauses. Die Fenster werden mit Platten verrammelt, das Tor zur Tiefgarage wasserdicht mit Bauschaum versiegelt. Ebenso die Toiletten, Abflüsse und Belüftungen. „Du kannst ja nicht alles mitnehmen“, sagt sie mit Tränen in den Augen. Die Sauna, der Pool, der Fitnessraum, der Waschraum, der Heizungsraum – alles liegt unter dem Niveau der Elbe. Draußen wird das Grundstück mit Sandsäcken geschützt. Schwester, Bruder, Schwager, Neffe – alle helfen beim Schippen. Am Ende müssen sie sich entscheiden zwischen Aktionismus und reeller Gefahr. Die Gefahr wird zu dieser Stunde von allen Beteiligten unterschätzt.

„Wir haben das im Griff“

Bereits am Samstag erreichte der Elbepegel fast acht Meter. In der Gemeinde bemüht sich der Bürgermeister, die Leute zu beruhigen. „Wir haben das hier im Griff“, sagt er. Wenn alle anpacken, werde die Lage beherrschbar bleiben. Irgendwie liegt zu dieser Zeit das Unheil bereits in der Luft und niemand will ihm recht glauben. „Das klingt mir sehr nach Beruhigung der Massen“, sagte Heidi Gericke.

Nachdem die Gerickes ihr Haus gesichert haben, gilt die Hilfe jetzt der Allgemeinheit. Wieder werden Sandsäcke gefüllt. Wenn sie auch nicht mehr vor Ort benötigt werden, dann eben an anderen Brennpunkten. Der Deich in dieser Region, dem Landkreis Stendal, ist rund 40 Kilometer lang. Diese Strecke gilt es zu verteidigen. Die Einwohner wissen, wo die neuralgischen Punkte sind. Das sind Deiche, die zwar erneuert wurden, aber noch so „frisch“ sind, dass sich auf ihnen keine schützende Grasnarbe bilden konnte. Die hohe Fließgeschwindigkeit des Flusses und der enorme Druck lasten auf dem Bauwerk. Nach und nach stellt sich heraus, dass es ein Kampf gegen die Zeit werden wird, der Elbpegel ist längst Nebensache geworden.

Das Ende der Wildpferde

Beim Sandschippen dann eine Durchsage: Es würden dringend Helfer in Jerichow gebraucht. Dort sei ein Deich in hoher Gefahr. Die Stadt liegt fünf Kilometer südlich von Fischbeck und beherbergt eine romanische Klosteranlage – eine der größten und ältesten Backsteinbauten Norddeutschlands. Dort stehen rund 50 Freiwillige und stapeln Tausende Sandsäcke gegen einen durchweichten Deich. Unter den Freiwilligen sind auch die Familienmitglieder der Gerickes. Die Stimmung am Deich ist gut. Speisen und Getränke gibt es reichlich, dazu Geschichten vom aktuellen und von vergangenen Hochwassern. Feucht werden die Augen, als eine Anwohnerin von den Wildpferden erzählt. „Die haben eigentlich immer auf den Wiesen hier gelebt. Bis die Flut kam.“ Am Ende hätten die Przewalski-Pferde eingeschlossen von den Wassern der Elbe auf einer Insel gestanden. Niemand habe sie retten können. Bis zum Schluss habe man gehofft, sie würden einfach davonschwimmen. „Als sie bis zum Bauch im Wasser standen, sollten Jäger sie erschießen.“ Doch niemand sei bereit gewesen, über die reißenden Fluten bis zu dieser Insel zu fahren und „abzudrücken“. Dann habe man nichts mehr von ihnen gesehen – und auch nichts gehört. Für einen Moment halten die Helfer inne, dann stapeln sie weiter.

Am Montagmorgen wissen die Fischbecker noch immer nicht, was ihnen geblieben ist. Alle Zufahrtsstraßen zu ihrem Ort sind gesperrt, der Blick von der Elbe-Brücke verheißt nichts Gutes: Wasser, soweit das Auge reicht. Heidi Gericke versucht es von der gegenüberliegenden Seite, vom Tangermünder Burgberg aus. Doch auch hier nichts als Wasser. „Ein Meer liegt vor uns. Ich erkenne unseren Kirchturm und die Türme des Klosters Jerichow.“ Unklar ist, ob die Kirchen aus dem Wasser ragen, oder ob das Elbmeer davor endet.

Klar ist indes, dass der Elbpegel bei Tangermünde rasant fällt. Das Meer ergießt sich ins Hinterland und könnte bald bis Rathenow, tief nach Brandenburg, reichen. Was hier zur Katastrophe führt, könnte eine gute Nachricht für die nördlichen Anlieger der Elbe sein.

Ob den Gerickes mehr als ihre fünf Reisetaschen voller Habseligkeiten geblieben sind, ist zur Stunde unklar.

http://www.n-tv.de/panorama/Wie-ein-Kampf-gegen-die-Fluten-verloren-geht-article10792996.html

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