Evakuierungsgebiet wird zunehmend zur Geisterstadt

Veröffentlicht: Juni 10, 2013 von fluthelfer in Wittenberge

 

Die Einbaumöbel müssen drinbleiben. Da ist alles eingepasst und festgeschraubt.“ Ilona Görs schaut sich in ihrer Küche um. Der Kühlschrank und diverse Möbel sind schon im Obergeschoss in Sicherheit, die Fahrräder hängen am Haken. „Alles Bewegliche eben“, sagt die 58-Jährige. Sie hat noch Hoffnung, dass sie vom Hochwasser verschont bleiben, aber ihr ist auch zum Heulen. Ihr Mann Volker hat vieles selbst gemacht in dem kleinen Reihenhaus in der Wittenberger Sandstraße: Wände mit Holz verkleidet, Fliesen verlegt – ein Schmuckstück ist es geworden. „Und nun ist vielleicht alles futsch?“ Die Frage bleibt im Raum stehen an diesem sonnigen Sonntagnachmittag, wo man ein paar Kilometer weiter landeinwärts in Ruhe beim Kaffee sitzt.

Die Sandstraße liegt in Elbnähe und somit im Evakuierungsgebiet, das von der Polizei bereits am Samstag weiträumig abgesperrt worden war. Wittenberges Bürgermeister Oliver Hermann hat die 1500 Einwohner in dem betroffenen Areal aufgefordert, ihre Häuser freiwillig zu verlassen. „Das ist noch eine Vorsichtsmaßnahme“, so Hermann. „Die Leute sollen das Nötigste zusammenpacken.“ Die ersten Wittenberger bezogen bereits gestern eine Notunterkunft in der Sporthalle einer Perleberger Schule. Drei Schulen und eine Kita im Evakuierungsgebiet bleiben heute und wohl auch morgen geschlossen. Die Straßenzüge gleichen zunehmend einer Geisterstadt. Rolläden sind heruntergelassen. Sandsäcke liegen vor den Haustüren.

„Wenn die Gefahr weiter wächst und es Pflicht wird, dann gehen wir auch“, sagt Ilona Görs. Eine Nachbarin ist ebenfalls noch da. Andere, vor allem Pflegebedürftige, haben ihre Wohnungen verlassen. „Wir ziehen erstmal in unser Gartenhäuschen.“ Die Altenpflegerin hat die Tasche mit den wichtigsten Dokumenten bereitgestellt. Ihr Mann Volker klebt Terrassenfenster mit Folie zu und stapelt Sandsäcke davor. Der 53-jährige Bahnschlosser bangt auch um sein neues Garagentor – ein teures Stück. Görs ist gegen Hochwasserschäden versichert. „Aber wer will schon absaufen?“ Sohn Andreas beruhigt ihn. Beim Jahrhunderthochwasser 2002 sei auch nichts passiert. Aber der Elbpegel liege schon jetzt 40 Zentimeter darüber, so Volker Görs.

Auch Fritz Gensel und Timo Horst sorgen sich um ihr Haus. Die Löwen-Apotheke ist ein prachtvoll restaurierter Gründerzeitbau mit Stuckverzierungen und hohen Fenstern. Horst wohnt im obersten Stock, darunter ist ein Quartier für Betreutes Wohnen. Gensels Frau ist Eigentümerin des Hauses. Die Männer kleben die Fenster im Souterrain zu. „Ob das hält?“, fragt Timo Horst skeptisch und drückt das Klebeband noch fester an.

Ob Familie Görs oder die Löwen-Apotheke von der Flut verschont bleiben, hängt auch von der Neuwerbener Wehranlage bei Quitzöbel gut 30 Kilometer südlich von Wittenberge ab. Dort schießen seit gestern 14 Uhr mächtige Wassermassen durch das geöffnete Wehr in die Havel – 100 Kubikmeter pro Sekunde. Herr des geordneten Flutens ist Ragnar Wenzel. Er hat errechnet, dass der Pegel Wittenberge um 34 Zentimeter entlastet werden könnte, wenn Elbwasser sowohl in den sogenannten Havelschlauch als auch in die Havelpolder abgegeben wird. Bei einem Höchstand von mehr als acht Metern, der heute erwartet wird, könnten das die magischen Zentimeter sein, die den tobenden Strom unter der mit gut 250 000 Sandsäcken verstärkten Deichkrone halten.

Die Öffnung des Wehrs hat der Stepenitzniederung in Breese nicht mehr helfen können. Sieben Häuser in der Gemeinde vor den Toren Wittenberges mussten aufgegeben werden. „Das Wasser steht in den Stuben“, so ein Anwohner. Das Eiscafé an der Wittenberger Straße wird immer mehr zum Seecafé. André Krüger und zehn Angehörige der Freiwilligen Feuerwehr Grube hatten seit Sonntagmorgen den Sandsackwall höher geschichtet. Am Nachmittag überflutete das Wasser die Straße. „Das war hier nicht zu verhindern“, sagt Krüger. Er wischt sich den Schweiß von der Stirn und nimmt einen Zug aus der Mineralwasserflasche. Arbeit wartet auch an anderer Stelle jede Menge.

http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/12529747/62249/Sandsaecke-vor-den-Tueren-Folie-an-den-Fenstern.html

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