Die Mühlberger glauben langsam an den „Boss da oben“

Veröffentlicht: Juni 10, 2013 von fluthelfer in Mühlberg

 

Einige Mühlberger in der Tröbitzer Turnhalle, die als Notquartier hergerichtet ist, haben ihre dritte Nacht hinter sich – als am Samstag plötzlich Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) in Begleitung von Elbe-Elster-Landrat Christian Jaschinski (CDU) und ihrer Bürgermeisterin Hannelore Brendel (parteilos) vor ihnen steht und wissen will, wie es ihnen im Notquartier ergeht. Etwa 60 Mühlberger schlafen gegenwärtig in fremden Betten in Tröbitz, weitere 20 in Schönborn. Die eingerichteten zusätzlichen 40 Kuschelstätten im Rückersdorfer Kindergarten werden nicht benötigt. Die meisten, die aus ihrem Zuhause raus mussten, haben Unterschlupf bei Bekannten und Freunden gefunden.

Versorgt werden die Hochwasser Geplagten liebevoll. Das Mittagessen kocht der DRK-Verpflegungstrupp aus Schönborn, mit frischen Salaten und leckerem Kuchen warten viele freiwillige Helfer auf. Und dennoch sind vor allem ältere Leute aufgewühlt. „Die 100 Jahre waren aber schnell um“, debattieren einige, die schon beim so genannten „Jahrhunderthochwasser“ 2002 aus Mühlberg und aus den angrenzenden Orten vor der Flut flüchten mussten.

Eine sichtlich nervöse Frau aus Mühlberg, die nach ihrer Evakuierung in der Turnhalle in Tröbitz untergebracht ist, fällt Polizeisprecherin Ines Filohn auf. Sie berichtet, dass sie ihre Katze zu Hause lassen musste. Und eine Fichtenbergerin: „Ich habe meine Medikamente vergessen.“ Ines Filohn zögert nicht lange, „packt“ beide Frauen ins Auto und fährt mit ihnen nach Mühlberg.

Sie, die schon 2002 in Mühlberg die Medienarbeit der Polizei koordinierte, kennt die Gefühle der Menschen. „Während junge Leute das alles mitunter noch als Abenteuer verstehen, werden bei Älteren Erinnerungen an Vertreibung und Krieg wach.“ Unterwegs lotst die Polizeisprecherin noch eine Familie zur 90-jährigen Mutter, die nun auch in Sicherheit gebracht werden soll.

Schnell sind Katze „Mietzi“ und die Medikamente an Bord. Ines Filohn entschließt sich zu einem besonderen Schritt: „Wir sind noch an den Damm bei Borschütz gefahren. Die Frauen waren gerührt von dem, was sie gesehen haben. Wenn sie nun im Evakuierungslager berichten, wie sich die Einsatzkräfte zur Rettung ihrer Heimat den Arsch aufreißen, wird das auch für Beruhigung bei den Evakuierten sorgen“, erklärt die Polizistin die menschliche Komponente der Hochwasser-Situation.

Bis Sonntag früh um 3 Uhr haben Hunderte Soldaten, Feuerwehrleute, das Technische Hilfswerk und viele Freiwillige gekämpft, um drei sehr schwierige Deichabschnitte der Elbe bei Mühlberg zu stabilisieren. „Die Männer haben bis zur Brust in der Knete gestanden, Sandsäcke weitergereicht und Faschinen gebaut. Da kriegst du lange Arme“, sagt Ines Filohn. Rettungstaucher haben Folien am Deich gezogen. Zuvor ist bei Borschütz durch die schlammige Wiese eine 500 Meter lange Straße aufgeschottert worden. 10 000 Tonnen Kies wurden an die gefährlichen Abschnitte nahe der Elbestadt gekarrt.

Als am Samstagnachmittag auf sächsischer Seite noch ein heftiges Gewitter niedergeht, Mühlberg aber verschont bleibt, meint Atheistin Ines Filohn angesichts haltender Dämme und dem „Wunder von Mühlberg 2002“, als eine Hochwasserkatastrophe beim Pegel von 9,98 Metern abgewendet werden konnte: „Mühlberg muss einen Draht zum Boss da oben haben.“

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