„Die Unterstützung ist der Wahnsinn“

Veröffentlicht: Juni 9, 2013 von fluthelfer in Lauenburg

 

Patrick S. steht auf seiner Terrasse und blickt hinunter auf den reißenden Strom. Eigentlich trennt eine Uferpromenade sein Haus von der Elbe, doch seit einigen Tagen ist der Weg nicht mehr zu sehen. Nur das schon zur Hälfte versunkene Radwegschild lässt erahnen, dass hier sonst Menschen flanieren und Fahrrad fahren. „Wir gehen heute raus“, sagt er und blickt an diesem Sonntagnachmittag über die Fluten. In wenigen Stunden wird er sein Haus verlassen, denn der Krisenstab hat wegen des erwarteten Hochwasserpegels von 10,15 Metern die Evakuierung der Elbstraße angeordnet.

Alles aufgebockt, was geht

Die Zimmer von der Wohnung ähneln einem Lager: Alles Hab und Gut hat der 40-Jährige mit seiner Freundin zusammengepackt und auf Holzböcke gehoben. Das Schlafzimmer ist leergeräumt, die Küche abgebaut und auf Getränkekisten gestellt. Auch die Pflanzen auf der Terrasse stehen auf einem Tisch, umringt von Sandsäcken. „Wenn das Hochwasser wirklich so hoch steigt, dann steht hier alles mindestens einen halben Meter unter Wasser“, sagt S.. Seit Ende 2010 lebt der gebürtige Dresdener hier und hat schon das Hochwasser 2011 miterlebt. „Damals hatten wir aber noch knapp 40 Zentimeter Luft“, erinnert er sich, „diesmal wird das aber anders sein.“ Die nächste Zeit werden er und seine Freundin bei Bekannten in Geesthacht verbringen. „Sie räumen gerade das zweite Kinderzimmer für uns frei.“

Die Ungewissheit plagt die Anwohner

In den letzten Tagen wurde der erwartete Hochwasserpegel mehrmals korrigiert, mal nach unten, dann wieder nach oben. Beim Hochwasser vor zwei Jahren stieg die Elbe auf 9,22 Meter. So hoch wie die aktuelle Prognose war das Wasser in Lauenburg noch nie. So eine Situation hätte es bisher noch nicht gegeben, jede neue Entwicklung müsse abgewartet und neu eingeschätzt werden, meint Thomas G. von der Feuerwehr. Kein gutes Gefühl für die Bewohner. Das Schlimmste sei die Ungewissheit, wie hoch die Elbe nun tatsächlich steigt, und das Warten darauf, dass das Wasser kommt – so lauten die Empfindungen vieler Lauenburger.

„Die Unterstützung ist der Wahnsinn“

In dieser Krisenlage hat sich unter den Anwohnern eine große Solidarität entwickelt. Jeder hilft jedem, sei es beim Klavier schleppen oder Küche abbauen, und jeden Abend treffen sich alle auf einen Caipirinha im benachbarten Lokal. „Hier kommen wir dann zusammen zum Reden und Fachsimpeln, es herrscht ein wundervoller Zusammenhalt“, sagt Peter W., der auch zu den Betroffenen gehört, „und außerdem möchten wir gerne den Besitzern des Restaurants helfen, jetzt wo sowieso viel Umsatz wegbricht.“ S. Erfahrungen sind ähnlich. „Es kamen Helfer aus Neumünster, das war der Wahnsinn“, sagt er, als könne er er nicht fassen, „und sogar vier junge Menschen aus Kiel, die haben hier bis tief in die Nacht geackert, im Auto geschlafen und früh morgens wieder weitergemacht.“ Die Erinnerung daran lässt seine Stimme zittern.

Zuversichtlicher Blick in die Zukunft

Trotz der kritischen Situation versucht die Mehrheit der Bewohner zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. Doch dies fällt nicht leicht, zumal Existenzen auf dem Spiel stehen. Viele Bewohner konnten nicht zur Arbeit gehen, weil sie sich in den vergangenen Tagen um ihren Häuser und Wohnungen gekümmert haben, so auch S. Der selbstständige Elektriker war in der Nachbarschaft unterwegs und hat die Stromleitungen gesichert, seine eigentlich anstehenden Aufträge konnte er nicht ausführen. Während er davon erzählt, ringt er um Fassung. Doch er sagt: „Wir hatten ja noch Glück. Wir konnten uns vorbereiten und wurden nicht so plötzlich von der Flut erwischt wie die Menschen in den anderen Hochwassergebieten.“ Was aus seiner Wohnung wird, weiß er nicht. „Aber es gibt immer ein ‚Danach‘, genau wie vor zwei Jahren“, sagt er zuversichtlich. Damals hat er sich ein Foto der überfluteten Uferpromenade auf den Briefkasten drucken lassen. Dieses Mal muss wohl ein neues Foto her.

http://www.ndr.de/regional/schleswig-holstein/lauenburg377.html

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