Die Flut schluckt, ohne zu kauen

Veröffentlicht: Juni 9, 2013 von fluthelfer in Saale

Es sind gespenstische Szenen: menschenleere Orte, vor denen Wasserwände an maroden Dämmen stehen. Elbe und Saale verwandeln große Landstriche und Städte in Katastrophengebiet. Etlichen Orten droht der Untergang: Der Damm der Saale ist gebrochen.

Jener Winkel im Salzlandkreis, wo sich Elbe und Saale vereinen, verblüfft auch sonst nicht mit Menschenmassen. Die Orte liegen lose im flachen Land, sie heißen Klein- Rosenburg oder Groß-Rosenburg, Lödderitz und Sachsendorf und ähneln sich: gerade Straßen, ein paar Höfe, viel Ordnung, wenig Luxus. Häuser von Menschen, die sich eingerichtet haben im Land hinterm Damm, das auf eine leise Art schön ist, aber nicht so spektakulär reizvoll, dass sich Sommerfrischler hierhin verirren. Jetzt ist dieses Land noch leerer als sonst. Die 3000 Menschen, die sich diese Gegend teilen, sind nun weg, keine Autos fahren, nur ein paar Busse rattern mit hoher Geschwindigkeit über den brüchigen Asphalt. Sie sollen die letzten Bewohner aus dem Elbe-Saale-Winkel einsammeln. Niemand steigt ein, denn fast keiner ist mehr da. Es sind Geisterbusse in einer Geisterlandschaft. Später wird noch ein schwimmfähiger Fuchs-Panzer kommen, um die allerletzten Bewohner zu holen.

Die Angst vor einer großen Flut hat die Menschen vertrieben. Saale und Elbe, die schon für sich alleine auf dem Weg aus dem Osten ihre zerstörerische Wucht gezeigt haben, entfalten bei Groß-Rosenburg gemeinsam ihre Kraft. Am Zusammenfluss haben sie einen Deich auf einer Länge von 300 Metern angefressen, seine Krone hat er schon verloren. Das wurde am Freitagmorgen entdeckt und schnell stand fest: Hier hilft nur noch Rückzug, jeder Einsatz am Deich wäre für die Helfer lebensgefährlich.

An einer der verlassenen Straßen geht ein junger Mann, das Handy am Ohr. Er hat sich hierher durchgeschlagen, weil er zurück will, um zu helfen. Ole Mävers erzählt, dass er am Freitagmorgen noch im Krankenhaus lag. Beim Füllen von Sandsäcken auf einem Hof in Lödderitz hatte er sich tags zuvor verhoben und einen Wirbel verrenkt. Der Schmerz stach so zu, dass ihm die Luft wegblieb und ihn ein Rettungswagen wegbringen musste. Doch Mävers hielt es nicht aus in seinem Krankenbett, entließ sich selbst aus der Klinik und trampte los – zurück ins bedrohte Land. Er kann doch nicht in weißen Laken herumliegen, während 15 Kilometer weiter seine Freundin und ihre Eltern gegen die Flut kämpfen.

Ole Mävers will nach Rajoch, ein kleines Dorf, das ein paar Hundert Meter hinter der evakuierten Zone liegt. Hier ist seine Freundin aufgewachsen. Er hat mitgeholfen, das Haus zu verrammeln, jede Öffnung mit Sandsäcken abzudecken, die Fenster zu versiegeln, den Keller auszuräumen. Seine Freundin und das gemeinsame Töchterchen sind noch dort. Das Auto steht bereit, um davonzufahren, sobald sie aufgefordert werden oder sobald das Wasser kommt. Doch bis dahin gibt es noch etwas zu tun. Mävers stapelt schon wieder Säcke, auch wenn der Rücken noch arg zwickt.

Die Flut schlägt leise zu

Obwohl er die Bilder aus Deggendorf gesehen hat, wo Häuser bis zum Dach versanken, konnte sich der Lagerarbeiter aus Niedersachsen lange nicht vorstellen, dass es auch hier ernst wird. „Du schippst halt Sand, machst einen Sack nach dem anderen voll, und Du kannst Dir nicht ausmalen, dass irgendwann Wasser sein soll, wo Du jetzt stehst.“ Die Gefahr ist unsichtbar, das Land ist durch die Sonne längst getrocknet. Der Deich liegt so viele Kilometer weit weg, dass er von hier nicht einmal zu erahnen ist. Nur der Verstand sagt, dass dieses Land binnen Stunden zwei, drei Meter unter Wasser stehen kann, weil es tief liegt und wie eine Badewanne vollläuft, wenn der Damm bricht.

Die Flut schlägt leise zu, nicht mit Krawall. Sie schluckt, ohne zu kauen. Das ist auch in Magdeburg so, wo die braunen Fluten ins Stadtgebiet drängen – beobachtet von den Menschen auf den Brücken. In der Zollstraße am Werder drückt die Elbe mit einem Pegel von 7,4 Meter gegen die Ufermauer, Wasser sickert durch, langsam, aber unaufhaltsam. Einen zwei Kilometer langen Wall aus Sandsäcken schichteten Helfer auf. Auch diese Mauer hinter der Mauer weicht auf.

Am Sonntagmorgen bricht der Damm

Am Freitagmorgen waren am Werder auf einmal keine Sandsäcke mehr da, es konnte nicht mehr zügig nachgebessert werden. Der Grund: Die Lastwagen fuhren nun verstärkt zum August-Bebel-Damm im Stadtteil Rothensee. Auch der ist inzwischen nicht mehr zu halten, Wasser läuft in Wohngebiete, der Strom wird abgestellt, weil es Kurzschlüsse und Brände gibt.

Theorien und Vermutungen gedeihen an jeder Ecke. Da brechen Dämme, die noch stehen, es fallen Pegel, die steigen, und es soll am Wochenende stark regnen – oder doch nur ein bisschen. Die Situation ist unübersichtlich. Schönebeck, Tangerhütte, Susigke, Ferchland, Aken – dauernd wird es anderswo brenzlig. Was unbestritten ist: Das Wasser geht in die Breite und hetzt die Retter an seinen Rändern durchs Land. Mit Blaulicht und Martinshorn rasen die Kolonnen der Feuerwehr, der Bundeswehr und der Wasserwacht von einem Einsatzort zum anderen.

Die andauernde Ausnahmesituation zehrt an den Nerven der Menschen, das Wasser hat ihren Wesenskern freigespült. „Magdeburg geht unter“, raunt eine Apokalyptikerin beim Blick auf eine Pfütze am Elbufer. Andere entdecken ihr Talent für Galgenhumor: „Ich hoffe, mein Vermieter erhöht nicht, wo ich jetzt Fluss-Blick habe“, sagt ein Mann, der nur noch mit dem Schlauchboot die Wohnung erreicht. Manche werden auch starr. Sie bleiben einfach in ihrem Haus, schicksalsergeben, bis die Bundeswehr sie mit Spezialfahrzeugen holt.

Und dann gibt es sehr viele Typen wie Ole Mävers, die kämpfen bis zum Umfallen. Im Elb-Saale- Winkel kann er nichts mehr tun außer warten, ob die Apokalypse wirklich eintritt. Sie tut es am frühen Sonntagmorgen: Um 7.20 Uhr bricht der Saaledamm zwischen Klein Rosenburg und Breitenhagen. Die Wassermassen kommen.

© FOCUS Online 1996-2013

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