Viele Menschen verlassen schweren Herzens ihr Heim, andere bleiben

Veröffentlicht: Juni 8, 2013 von fluthelfer in Mühlberg

 

Die Zufahrtswege sind von der Polizei abgeriegelt. In Weinberge hat die Einsatzleitung Stellung bezogen. Die Bundeswehr rückt mit weiteren Fahrzeugen an. Schwimmpanzer stehen auf dem Gelände der Agrargenossenschaft. Am Ortseingang versammeln sich Feuerwehren aus vielen Teilen der Republik. Die Supermärkte sind noch geöffnet und der Parkplatz steht voller Autos.

In der Innenstadt bietet sich ein anderes Bild: Der Weg durch die engen Gassen des Städtchens ist frei. Vereinzelt räumen Bewohner Taschen, Beutel und Katzenkörbe in ihre Autos. Noch am Tag zuvor herrschte hier ein Durcheinander. Autos, teils mit fremden Kennzeichen, drängten sich durch die Straßen. Volle Sandsäcke wurden geliefert und vor den Kellerfenstern gestapelt. Gestern 10 Uhr läuft die Evakuierung seit 17 Stunden. Die Stadt scheint verlassen – fast.

Pater Alois hilft. Der Mann aus dem Kloster ist neu in der Stadt. Als Notfallseelsorger geht er nun durch die Straßen. „Wir laufen von Haus zu Haus, klingeln und fragen, ob jemand Hilfe braucht“, sagt der Süddeutsche. Dass ihn seine neue Heimat in einer solchen Lage braucht, habe er nicht gedacht. „Wir vergessen niemanden“, sagt er, als die Polizei vorbeifährt und seine Worte im Hall der Lautsprecherdurchsage untergehen. Die Busse würden um 14 Uhr das letzte Mal aus der Stadt fahren. Viele Türen öffnen sich nicht mehr. „Die Leute sind schon evakuiert. Sie haben sich vorbereitet. Aber das Zuhause verlassen zu müssen, ist schmerzhaft“, sagt der Geistliche.

In der Schlossstraße öffnet sich eine Tür. Karl Pfeifer tritt auf die Straße. „Ich muss doch meine Hühner noch versorgen. Hier ist kein Nachbar mehr, der aufpassen könnte. Aber die Tasche ist gepackt.“ Er werde zur Verwandtschaft nach Altenau gehen. „2002 war es hier nicht so aufregend. Die Deiche sind doch durchweicht. Hoffentlich halten sie“, sagt Karl Friedrich. Ein kurzer Plausch und Pater Alois verabschiedet sich. Seine Runde ist zu Ende.

Indessen kommt eine Gruppe junger Helfer am Stadthafen zusammen. Die Freiwillige Feuerwehr geht den provisorisch gesicherten Deich ab. „Alles in Ordnung“, sagt Jörg Müller. Claudie Theilemann steht in der Nähe. Ihr Hund Dexter watet am überfluteten Ufer, hinterlässt Fußabdrücke. „Ich wollte noch einmal den Pegelstand sehen, bevor ich nach Oschatz muss. Wenn ich aus meiner Stadt bin, kommen die Emotionen hoch. Man ist nur beruhigt, wenn man hier steht und sieht, dass alles in Ordnung ist“, sagt die Mühlbergerin, lässt ihren Hund in ihren VW-Käfer springen und fährt.

Bei der Familie Könitz räumt Lucie das Geschirr hoch. Auf dem Herd dampft der Kartoffeltopf, auf dem Tisch steht ein Schälchen Quark. Herbert Könitz: „Wir haben damals über die Spundwände geschimpft. Aber jetzt sind wir froh, dass wir sie haben.“ Er wolle noch bleiben. „Ich bin hier geboren, in der Elbstraße wohnen wir seit 1973. „Wir haben oft Wasser im Keller, aber die Angst, dass der Deich bricht, bleibt.“

Auf dem Deich, gleich hinter seinem Haus, sitzt Christoph Nawroth. „Wir bleiben. 2002 mussten wir raus und es ist nichts passiert“, sagt er. Sein Vater Helmut fügt hinzu: „Der Damm ist sicher. Es hat mich gefreut, dass besonders Jugendliche von Anfang an der Feuerwehr geholfen haben.“ Karl-Michael Kramer hat seine Tischlerei unweit vom unsanierten Deich entfernt. „Wir bleiben“, sagt auch sein Vater Karl. „Mühlberg ist es doch wert zu bleiben.“

Auch Nachbar Jörg Diecke räumt noch im Haus die Wertsachen in obere Stockwerke. Er wolle noch bleiben. „Ich habe doch ein Boot im Hof“, scherzt er. Die Vorfahren hätten mit dem Hochwasser gelebt und gebaut, sagt er nun ernster. „Die Wände meines Hauses sind aus Bruchstein und sehr dick. Wenn der Keller, wie jetzt vollläuft, strömt das Wasser nicht ins Haus, sondern aus den Kellerfenstern.“ Nebenan rollt die Bundeswehr an, bringt Sandsäcke für den Deich. Hubschrauber fliegen über der Stadt. Große Säcke werden angeflogen, Schiffe sichern den aufgeschwemmten Deich von der Elbseite.

Fast 30 Kilometer entfernt von der Heimat sitzt Wolfgang Frase in der Turnhalle Tröbitz, die als Notquartier mit 160 Schlafplätzen hergerichtet wurde. Auch in der Sporthalle Schönborn werden 40 Plätze angeboten. 50 Mühlberger haben sich in den Notquartieren eingefunden. Frase musste nicht lange überlegen, ob er sein Haus in Mühlberg, 600 Meter vom Elbufer entfernt, verlässt, um sich und seinen Hund in Sicherheit zu bringen. „Es ist Katastrophenalarm. Das heißt für mich, man muss den Weisungen folgen“, sagt er. Er denkt weiter: „Würde ich ausharren und müsste dann aufwendig gerettet werden, vielleicht sogar mit Hubschrauber, wird’s richtig teuer, weil ich das selbst bezahlen müsste.“ Sein Arbeitgeber hat ihn zwei Tage freigestellt. Gemeinsam mit einem Klempner hat Frase in seinem Haus alles gesichert. „Die paar Tage kommen wir schon hin.“ Er hofft wie alle, dass er bald wieder nach Hause ka

Quelle: http://www.maerkischeallgemeine.de/

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