Ein Dorf trotzt den Fluten

Veröffentlicht: Juni 8, 2013 von fluthelfer in Brandenburg

Tagelang haben die Menschen in der Kleinstadt Elster gegen die drohende Flut gekämpft, dann mussten sie den Deich aufgeben. Nun steigt das Wasser unaufhörlich, es gibt weder Strom noch funktionierendes Abwassersystem. Die Stadt will die Bewohner evakuieren – doch die wollen davon nichts wissen.

Der Kampf war hart und er hat ihn verloren. Stefan Grolet, 30, hat tagelang am Deich seiner Heimatstadt Elster gearbeitet. Er hat Sandsäcke gefüllt und gestapelt, wollte verhindern, dass die Elbe sein Elternhaus überflutet. Mittwochnacht hat er bis um halb drei durchgehalten, dann siegte die Müdigkeit. Am nächsten Morgen lag eine Nachricht der Stadt im Briefkasten: Wir geben den Deich auf. Wir können nichts mehr tun.

Fast 2500 Menschen leben in Elster im Landkreis Wittenberg, die Stadt liegt direkt an der Elbe. Nach tagelanger Flut hat sich das Wasser hinter den Deichen durch das Erdreich nach oben gedrückt, inzwischen quillt es aus den Gullideckeln der Stadt. In den meisten Straßen kommt man nur mit Booten vorwärts. Eine wenige Monate alte und 2,8 Millionen teure Kindertagesstätte ist ruiniert. Das Gewerbegebiet mit Möbelhaus und Supermarkt ist überflutet. Das Abwassersystem funktioniert nicht mehr. Pumpen, Stromaggregate oder Campingtoiletten sind in den Baumärkten Mangelware.

Aber von Katastrophenstimmung ist in Elster nichts zu merken. Dutzende Bewohner haben sich bei strahlendem Sonnenschein am alten Sportplatz versammelt, wer Kraft hat, füllt Sandsäcke zum Schutz der Häuser, die anderen sorgen für Getränke oder Kuchen, man kennt sich, man plauscht. Nebenan hat die DLRG ihr Lager aufgebaut. Es ist mehr Party als Panik.

Die meisten Sitzenbleiber haben dasselbe Argument Doch tatsächlich wird die Lage für viele Bewohner in den überfluteten Häusern immer dramatischer. Denn was tun, wenn ein Unfall passiert – aber das Telefon nicht funktioniert oder der Rettungswagen nicht zum Haus vorkommt Bürgermeister Peter Müller hat deshalb die Evakuierung angeordnet. Doch die Bewohner von Elster weigern sich.

Bis zum Freitagabend habe der DLRG gerade einmal 20 Menschen evakuieren können, sagt Müller. Einige wenige hätten sich freiwillig auf den Weg zu Freunden oder Verwandten gemacht. Die meisten Sitzenbleiber haben dasselbe Argument: „2002 haben wir’s doch auch geschafft.“ Allerdings sei das Wasser damals sehr schnell abgeflacht, sagt Müller. Diesmal werde der Pegel tagelang auf sehr hohem Niveau bleiben. Am Freitagabend waren es 6,68 Meter, bis Mitternacht sollen es noch zwölf Zentimeter mehr werden – dann wäre der Stand von 2002 erreicht.

Auch Daniel und seine Mutter gehören zu den Evakuierungs-Verweigerern. Neun Steinstufen führen zu ihrem Haus, die unteren drei sind in der braunen Wassermasse nur zu erahnen, im Keller steht sie anderthalb Meter hoch. „Irgendwann muss es ja weniger werden“, sagt die Mutter von Daniel, die namentlich nicht erwähnt werden will. Wir haben doch eine Chemie-Toilette!

Sie sitzt vor ihrem Haus, spricht mit den Nachbarn gegenüber, die es sich ebenfalls auf den Stufen ihres von Wasser umzingelten Hauses gemütlich gemacht haben. Abends spielt sie Halma mit ihrem Sohn und isst Dosen-Ravioli, Licht kommt von den Solarlampen. „Das hat schon was von Camping-Flair“, sagt Daniel. Und im Notfall? Na, da habe der Nachbar ein Schlauchboot.

Und so harren sie wie die anderen Bewohner von Elster aus: Ohne Strom, ohne funktionierende Klospülung, ohne Möglichkeit, das Haus trocken zu verlassen. Aber sie haben einander: Man kennt sich in Elster, man hilft sich.

Helfen, das will auch Judith Kahlert. Aber in Elster wird es ihr schwer gemacht. Kahlert, 22, arbeitet bei der DLRG und fährt mit ihren Kollegen seit Stunden zu Häusern von Flutopfern, eingepackt in wasserdichte Riesenhosen. An den Türen bekommt sie immer wieder zu hören: Wir haben Angst vor Plünderern, wir wollen unser Haus bewachen. Wir haben doch eine Chemie-Toilette. Wir haben 2002 doch auch überstanden. Was kann man da noch antworten?

Kahlert kann die Beweggründe der Bewohner verstehen. Wo Emotionen im Spiel sind, lohnt sich das sachliche Argumentieren selten. Sie kann nur eins tun: Hilfe anbieten. Sie versucht, ein offenes Ohr für die Nöte der Flutopfer zu haben. Und ihnen klar zu machen, dass es – ganz rational betrachtet – einfach sicherer ist, nicht im überfluteten Haus zu bleiben. Denn wer weiß schon, wie schlimm es noch werden wird?

URL: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/hochwasser-in-elster-stadt-muss-deich-an-der-elbe-aufgeben-

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