Die Angst vor der Flut

Veröffentlicht: Juni 8, 2013 von fluthelfer in Hitzacker

Warten, sichern, bangen: Hitzacker bereitet sich auf die Flut vor, die mit der Elbe kommt. Das Städtchen sieht sich gut vorbereitet, die Anwohner hoffen auf einen glimpflichen Ausgang. HAZ-Reporter Christian Link berichtet aus dem Hochwassergebiet.

Vielleicht kommt ja doch alles nicht so schlimm. Die Sandsäcke sind gestapelt, der beeindruckende Schutzwall steht, und die ständig aktualisierten Prognosen für den Hochwasserpegel klingen nicht mehr ganz so bedrohlich, wie noch vor einigen Tagen. Den Einwohnern der vom Hochwasser bedrohten kleinen Stadt Hitzacker im niedersächsischen Wendland bleibt bis auf weiteres nur eines: abwarten und weiter die Uferbereiche gegen die drohende Flut sichern.

Nach aktueller Prognose erwartet die Verwaltung des Landkreises Lüchow-Dannenberg immer noch ein Hochwasser von 7,67 bis acht Metern in der Elbe bei Hitzacker. Das wäre zwar ein Rekord, aber wohl keine Katastrophe. Zwischenzeitlich war ein Höchstpegel von 8,80 Meter erwartet worden – viel zu viel für die meisten Dämme.

Wir sind gut vorbereitet und sehen die Lage entspannt“, sagt der zuständige Bereichsleiter für den Hochwasserschutz, Heiko Warnecke, angesichts der jüngsten Prognose. Die Hochwasserschutzwand rund um die Altstadt wird dieser Elbflut standhalten, da ist er sich sicher. Die Bewohner der historischen Stadtinsel müssen ihre Häuser wegen der neusten Prognose nicht mehr am Sonntag räumen, wie zunächst geplant – dafür aber vielleicht später. „Es wird den Bewohnerinnen und Bewohnern dennoch empfohlen, ihre Häuser auf freiwilliger Basis am Sonntag zu verlassen“, sagte ein Sprecher des Landkreises Lüchow- Dannenberg gestern. Auf jeden Fall bleiben die Bewohner aber erst einmal unter sich. Wer nicht auf der Stadtinsel wohnt, darf das bedrohte Gebiet nicht betreten. Auch die zahlreichen Straßensperren bleiben bestehen.

Das hat einen Grund. Denn trotz der neuen Zuversicht, eine Katastrophe könnte an den niedersächsischen Elborten vorbeigehen, ist die Gefahr nicht gebannt – selbst wenn die Schutzwände und Deiche halten.

Es gibt zwei Gefahren, die Hitzacker weiterhin fürchten muss: Treibgut in der Elbe und aufgeweichte Dämme im Stadtgebiet. „Man kann nicht ausschließen, dass ein Baumstamm oder andere Teile die Schutzwand beschädigen“, sagt Verwaltungsvertreter Warnecke. Für diese Gefahren würden aber Boote auf der Elbe patrouillieren. Bedrohlicher wäre ein Aufweichen der Deiche durch lange anhaltendes Hochwasser. „Hitzacker soll nicht von hinten überflutet werden“, sagt der Fachmann. Selbst wenn das Hochwasser längst wieder zurückgehe, könnten das Erdreich und der Sand der Deiche durchweicht werden. Das würde im schlimmsten Fall die Schutzwälle beschädigen und zum Wasserdurchbruch führen.

Letzteres ist auch die große Sorge von Gertraude Kleinhans. „Ich habe Albträume, dass mich das Hochwasser zum dritten Mal erwischt – diesmal von hinten“, erzählt sie. Zwei Geschäftsräume hatten ihr frühere Überflutungen schon kaputt gemacht. „Bis 2002 hatte ich einen richtig netten Laden mit Sachen zum Stöbern auf der Stadtinsel“, sagt sie. Durch das sogenannte Jahrhunderthochwasser wurde die kleine Fundgrube für Kunstgewerbe- und Geschenkartikel völlig zerstört. Sie wich in ein anderes Ladenlokal vor der Stadtinsel aus, doch das Hochwasser 2006 vernichtete das neue Geschäft. „Wir haben vorne im Laden gepumpt, aber im hinteren Bereich kam das Wasser durch die Wand“, erzählt sie.

Das aktuelle Hochwasser trifft Kleinhans und viele andere Geschäftsleute schon bevor es überhaupt da ist. Weil die Landkreisverwaltung die Deiche angesichts der drohenden Flut gesperrt hat, kommen kaum noch Touristen. „Die Fahrradtouristen machen 90 Prozent unserer Gäste aus“, sagt Kleinhans, die mittlerweile ein Hotel betreibt. Die von der Verwaltung eingeleiteten Maßnahmen wie Straßen- und Deichsperrungen, und die Evakuierungsankündigungen kann sie dennoch nachvollziehen. „Ich kann die Verantwortlichen schon verstehen, viele auf der Stadtinsel sehen das aber kritischer“, sagt Kleinhans.

Patricia Costantin von der Eisdiele Venezia etwa hält die Schutzmaßnahmen der Stadt für übertrieben. Ihr Eiscafé am Markt ist das einzige in Hitzacker. Trotz wolkenlosem Himmel und 25 Grad ist es seit gestern geschlossen. „Uns wurde von der Verwaltung gesagt, dass hier die Stadtinsel ab Sonnabend geschlossen ist“, sagt sie. Freitagabend räumte ihre Familie daher den Laden aus, um verderbliche Waren in Sicherheit zu bringen. „Bei meinem Bruder lagern jetzt 100 Liter Vanillemasse“, erzählt sie. Die Evakuierung ist zunächst abgesagt, das Geschäft dennoch vermasselt. „Man hätte ja erst einmal warnen können und nicht gleich sagen müssen: Ihr müsst alle raus“, kritisiert Costantin.

Der ausbleibende Tourismus trifft fast alle Gastronomen im Landkreis. „In dieser Woche wären wir gut ausgelastet gewesen – jetzt haben wir nur noch zwei Gäste“, sagt etwa Bianca Kresin vom Hotel Steinhagen. Ihr Gasthaus liegt direkt an der Elbe bei Damnatz, wo gestern Soldaten des 141. Logistikbataillons aus Neustadt am Rübenberge einen mehr als drei Kilometer langen Deich fertigstellten.

Auf rund 30 000 Euro schätzt sie die Umsatzeinbußen durch das Hochwasser. Doch auch eine Flut kann ziemlich teuer werden. Ehemann Jörg füllt deshalb Sandsäcke, während Bianca Kresin weiter das Hotel betreut. Auch die Mitarbeiter sind für den Hochwasserschutz im Einsatz. Kresin hat ihnen dafür frei gegeben. „Sie werden hier im Hotel ja ohnehin jetzt nicht gebraucht“, sagt sie.

http://www.haz.de

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