„Noch mal schaffen wir das nicht“

Veröffentlicht: Juni 7, 2013 von fluthelfer in Sachsen

Anwohner der Elbe haben aus der Flut 2002 gelernt: Möbel, Teppiche, Türen, Autos – alles wird in Sicherheit gebracht. Doch gerade für ältere Menschen bedeutet das Hochwasser eine große Belastung.

Sie dachten, sie hätten das Schlimmste hinter sich gebracht. Aber jetzt kommt das Wasser wieder, hochgedrückt aus der Kanalisation. Wie im August 2002, als die Elbe 80 Zentimeter hoch in ihr Wohnzimmer gekrochen kam. Damals wurden Gertrud und Siegfried – sie wollen ihren Nachnamen nicht veröffentlicht sehen – von der Flut überrascht. Das soll ihnen nicht noch einmal passieren.

Seit Anfang der Woche bereitet sich das Paar, beide Jahrgang 1935, im sächsischen Dommitzsch auf die neue Elbflut vor, Freunde und Nachbarn packen mit an. Jetzt wissen sie, was zu tun ist: Auto und Rasentraktor sind in Sicherheit. In der unteren Etage des Hauses sind die Türen aus den Angeln gehoben und in der Scheune verstaut. Die Küchenschränke sind leergeräumt, die Fronten abmontiert, Eckbank und Stühle in die obere Etage geräumt. Sofas und Tische im Wohnzimmer stapeln sich auf Tapezierböcken, ähnlich sieht es im Arbeitszimmer aus. Sämtliche Teppiche liegen zusammengerollt in der oberen Etage. „Hier gibt’s keine Gemütlichkeit mehr“, sagt sie.

Erinnerungen an 2002

Wenn es so weit ist, werden die beiden Waschbecken, Badewanne und Toilette mit Sandsäcken abdichten. „Zum Glück haben wir draußen auf dem Hof noch ein Plumpsklo.“ Die Nachbarn hätten sich schon Dixie-Häuschen bestellt.

Im Hof des Hauses hat das Paar eine Holzplakette angebracht, sie erinnert daran, wie hoch das Wasser hier 2002 stand. Damals mussten sie die untere Etage ihres Hauses komplett neu einrichten: Die schweren Holzmöbel waren versaut, die Tapete mit Wasser vollgesogen, ebenso die Teppiche. „Wer das nicht selbst erlebt hat, kann sich das gar nicht vorstellen“, sagt der Mann. Den moderigen Geruch habe er noch heute in der Nase.

Generator gibt vorerst Sicherheit

Doch diesmal ist schnell Hilfe vor Ort, die Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks (THW) nennen die beiden ihre „Engel“. In der Nacht zu Donnerstag hatten sie noch versucht, das Wasser mit den eigenen drei kleinen Pumpen loszuwerden, vergebens. Dann kam das THW – und nun steht direkt vor dem Schlafzimmerfenster des Ehepaars ein riesiger, laut plärrender Generator, das Kanalwasser wird in einen nahegelegenen Bach gepumpt, so bleibt zumindest der Pegel im Haus vorerst niedrig. Allerdings ist nicht auszuschließen, dass der Generator irgendwann überfordert sein wird. Für das Paar bietet er zunächst ein Gefühl von Sicherheit. Sie können es kaum erwarten, dass der Pegel wieder sinkt, auch wenn dann die Arbeit von neuem beginnt: Der Dreck muss weg, die Teppiche wieder her. Alle Möbel müssen wieder an ihren ursprünglichen Platz, die Türen auch. Es wird lange dauern, bis es im Haus wieder gemütlich ist.

Zweimal hat das Paar schon gegen das Wasser gekämpft. „Noch mal schaffen wir das nicht.“

URL: http://www.spiegel.de/panorama/hochwasser-an-der-elbe-dommitzsch-wartet-auf-die-flut-a-904353.html

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