Gespannte Ruhe vor der Flut

Veröffentlicht: Juni 7, 2013 von fluthelfer in Wittenberge

 

An der Deichbaustelle bei Garsedow wird aufs Tempo gedrückt. Sie ist ein neuralgischer Punkt, wenn die Flutwelle die Prignitz erreicht und auf das nahe gelegene Wittenberge zurollt. Es ist Mittwoch, das Bangen um die Deiche und Dämme hat begonnen. Am Pegel Wittenberge wird für Sonntag mit einer Rekordmarke von 7,50 Meter oder mehr gerechnet. Dann wären die Pegel mindestens 16 Zentimeter höher als beim Jahrhunderthochwasser 2002. Bauleiter André Schwark von der Universalbau Perleberg glaubt, dass der Deich hält, der hier auf knapp zwei Kilometern Länge von 7,20 auf fast acht Meter erhöht wird. Schwark hat Folien beschafft, mit denen die Böschung abgesichert werden soll. „Das war nicht einfach. Folien sind in allen Hochwassergebieten derzeit sehr gefragt“, sagt Schwark und wirft einen Blick über die Elbe, die an dieser Stelle schon gut 100 Meter breit geworden ist. Baumwipfel und Schifffahrtszeichen lugen aus dem Wasser, das aber noch immer träge dahinfließt. Eine Gruppe Radler fährt vorüber, Vögel zwitschern. Eigentlich deutet nichts auf eine Katastrophe hin.

Dass die Ruhe trügt, weiß auch Gerhard Thiel. Der 85-Jährige wohnt in Breese, einen Steinwurf von der Stepenitz entfernt. Das Flüsschen, das sich um Wittenberge schlängelt, läuft bei Elbhochwasser regelmäßig voll, wenn die Elbe überschwappt oder die Deiche nachgeben. Einen Deich gibt es in Breese nicht. Die Gemeinde plant deshalb, 30 Bewohner zu evakuieren. „Wir bleiben“, sagt Thiel, der schon drei Hochwasser miterlebt hat. Er will sich nur ein paar Sandsäcke „fürs Kellerloch“ holen. Seine Frau hängt in der sonnigen Idylle gerade Wäsche auf. 2002 hätten sie „auch Dusel gehabt“, sagt der frühere Gießer aus dem Wittenberger Nähmaschinenwerk. Es traf nur seinen Keller.

Karissa Nickel – ein paar Häuser weiter – will auch bleiben. „Das ist das Haus meiner Mutter.“ An der Kreuzung hat ein Lastwagen Sand abgekippt. Nickels Kinder und Freunde fahren ihn schubkarrenweise in den Garten. Sandsäcke müssen sich Privatleute bei Baustoffmärkten selbst beschaffen. Das Kontingent von 500 000 Säcken, das die Prignitz erhalten hat, ist „für die Sicherung der Deichlinie“, sagt Wittenberges Bürgermeister Oliver Hermann. „Das hat natürlich Priorität.“ 2002 waren in der Prignitz etwa 650 000 Säcke verbaut worden. Das Katastrophenschutzlager des Landes in Beeskow (Oder-Spree) verfügt über einen Bestand von drei Millionen Säcken.

„Basteln wir uns eben unseren eigenen Deich“, sagt Karissa Nickel. Von einem richtigen Schutzwall träume sie schon lange. Dreimal sei sie „abgesoffen“. Haus und Möbel würden davon nicht besser. „Und meinen Tieren bekommt das auch nicht.“ Breeses Bürgermeister Werner Steiner kann den Groll verstehen. „Das Planfeststellungsverfahren für den Deich läuft.“ Aber es gebe viele Einwände dagegen.

Oliver Hermann hat seinen Einsatzstab zusammengerufen. In Wittenberge gibt es jetzt viel zu besprechen. „Uns bleiben zwei Tage für alle Sicherungsmaßnahmen“, sagt der 47-jährige Bürgermeister. Gestern war mit dem Aufbau einer mobilen Spundwand an einem weiteren kritischen Punkt der Stadt begonnen worden. Von 18 Deichkilometern in Wittenberge sind zwei aus der Sicht des Bürgermeisters als besonders kritisch einzuschätzen. Wichtig für Hermanns Stab ist, dass der Landkreis Prignitz gestern Nachmittag für das Elbgebiet den Katastrophenfall ausgerufen hat. Damit ist es möglich, die Bundeswehr anzufordern.

Und auch die Stadt selbst kann nun weitere Kräfte mobilisieren und Straßen sperren. Wichtig für die Gefahrenabwehr ist auch, dass die in Wittenberge 70 zur Verfügung stehenden Deichläufer eingesetzt werden. Sie laufen in Schichten rund um die Uhr die Wälle ab und melden Sickerstellen oder gar Durchbrüche sofort an den Krisenstab.

Der Bürgermeister ist für jede Hilfe dankbar. So wird der Wittenberger Feuerwehrzug durch 80 Wehrleute aus dem Landkreis verstärkt. Und an der Alten Ölmühle, dem zentralen Platz für das Abfüllen von Sandsäcken, finden sich immer mehr freiwillige Helfer ein. Bis gestern Mittag waren bereits 24 000 Sandsäcke befüllt worden. Am Vormittag hatten auch Grundschüler aus Wittenberger Schulen geholfen. Die Sechstklässler Antonia Walter und Ben Grell waren begeistert bei der Sache. Sie mussten sich nicht einmal mit schweren Schippen abmühen, sondern konnten auf eine Neuerung zurückgreifen. Abgeschnittene Plasterohre dienen als Schütte – zwei Portionen Sand pro Sack.

Bürgermeister Hermann hofft, dass auch noch mehr auswärtige Helfer den Wittenbergern in den nächsten beiden Tagen auf dem Sandplatz oder an den Deichen unter die Arme greifen.

http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/12527855/19287300/In-der-Prignitz-ruesten-die-Menschen-fuer-das.html

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