Kreis erklärt Prignitz zum Katastrophengebiet

Veröffentlicht: Juni 6, 2013 von fluthelfer in Prignitz

 

Ich geh’ hier nicht raus“, sagt Karissa Nickel aus Breese. In dem etwas geduckten Haus mit der leuchtend gelben Fassade hat schon ihre Mutter lange ausgeharrt, als 2002 das Hochwasser einen Meter hoch im Keller stand. „Ich träum’ schon nachts von dem schönen Deich, den sie uns versprochen haben“, sagt die Frau. Doch jetzt heißt es erst einmal Sand schippen. Noch nicht direkt in Säcke, denn die sollen erst gebracht werden, aber von der Straße aufs Grundstück, denn wer weiß, ob nicht jemand anders zugreift. Der Stepenitzgrund gehört zu den am tiefsten liegenden Punkten von Breese und ist demnach vom Hochwasser besonders betroffen. Gegen Mittag kommt Bürgermeister Werner Steiner vorbei und deutet an, dass eine Evakuierung nötig werden könnte.

Als problematisch gilt auch der Abschnitt vom Hafen in Wittenberge bis zur Stepenitzbrücke. Dort wurde gestern von Feuerwehrleuten eine Spritzwand errichtet und mit Sandsäcken verstärkt. Sie soll nicht nur das Gelände sichern, sondern verhindern, dass die Fluten in die Innenstadt fließen. Feuerwehrleute aus Wittenberge und anderen Orten der Prignitz, unter anderem aus Meyenburg, dichteten die Führungsschienen ab und setzen dann die Kunststoffelemente ein, die den Hochwasserschutz auf insgesamt 8,99 Meter Höhe heben sollen (wenn man das sogenannte Freibord von einem Meter hinzurechnet). Eine ähnliche Aufgabe kommt den aufgeschütteten Dämmen zu, die etwa das Industriegebiet Süd sichern helfen sollen.

Auf dem Gelände der Alten Ölmühle werden Sandsäcke gefüllt, allein bis gestern Mittag waren es bereits 24 000, wie der Wittenberger Bürgermeister Oliver Hermann mitteilte. Keiner ist zu jung oder zu klein, um zu helfen. Die Schüler der 6. Klasse der Jahn-Grundschule packen mit an. Selbst aus dem knapp 100 Kilometer entfernten Rheinsberg kamen Freiwillige nach Wittenberge.

„Über die Bereitschaft der Bürger mitzuhelfen sind wir sehr erfreut“, sagt der Bürgermeister. Wir brauchen auch jede Hand, denn unsere Feuerwehrleute arbeiten an der Belastungsgrenze.“ Daher forderten Oliver Hermann wie auch die Amtsdirektoren von Bad Wilsnack/Weisen und Lenzen-Elbtalaue die Feststellung des Katastrophenfalls. „So haben wir ganz andere Möglichkeiten, Mittel und Personal anzufordern“, erläuterte der Wittenberger Bürgermeister. Am Nachmittag wurde die Bitte erhört: Landrat Hans Lange stellt den Katastrophenfall fest.

Für den Landkreis und die vom Hochwasser betroffenen Kommunen sind damit deutlich erweiterte Befugnisse verbunden: Damit darf die Hilfe der Bundeswehr angefordert werden. MAZ-Informationen zufolge sind bereits 140 Panzergrenadiere aus Viereck bei Eggesin in der Prignitz. Sie sollen zwischen Bälow und Sandkrug eingesetzt werden.

Unterdessen wurde die Hochwasser-Prognose der Bundesschifffahrtsverwaltung gestern deutlich gesenkt. War vorgestern noch von bis zu 8,20 Metern am Pegel Wittenberge für Sonntag die Rede, nannte der Landkreis in seiner Hochwassermeldung eine Höhe von 7,25 Meter. Die Schifffahrtsverwaltung des Bundes gab als (ungesicherte) Vorhersage für Sonntag 7,39 Meter und 7,59 Meter für Dienstag an. Das ist noch nicht unbedingt ein Grund zum Aufatmen, aber die Aussichten sind vielleicht nicht mehr ganz so düster.

Karissa Nickel und ihre Kinder Bianka und Tony sowie deren Freunde und Bekannte wollten versuchen, das Haus im Stepenitzgrund in Breese mit Sandsäcken zu sichern. Gleiches unternahm die Feuerwehr am Sportplatz und dann im Ort. Am Nachmittag war ganz Breese für den Durchgangsverkehr gesperrt: Es wurden Sandsäcke aufgeschichtet. (Von Andreas König)

Ein neuer Sandsackfüllplatz wird am Donnerstag auf dem Sportplatz des Eisenbahnersportvereins an der Breeser Straße eingerichtet. Der Standort Packhofstraße wird aufgegeben. Bürger können den Sand dort für den Privatgebrauch kostenlos entnehmen.

FREIWILLIGE FEUERWEHREN AUS DEM LANDKREIS HELFEN TATKRÄFTIG AM DEICH

  • Der Kreisfeuerwehrtag , bei dem sich wie gestern angekündigt am Samstag, 8. Juni, in Vettin (Gemeinde Groß Pankow) die Wehren im Wettkampf messen wollten, fällt aus. Alle betreffenden Feuerwehren seien in Bereitschaft, hieß es. Das wurde am Abend des 4. Juni wegen der Hochwasserlage so beschlossen, informierte gestern Ernst Bohusch aus Vettin. Ein neuer Termin für das Kreisfeuerwehrtreffen soll dann bekannt gegeben werden.
  • Der Meyenburger Amtsausscheid findet wie geplant am Sonnabend in Stepenitz statt. Die Stepenitzer Wehr ist wegen ihres 120-jährigen Bestehens dieses Jahr der Gastgeber für den Ausscheid. Laut Meyenburgs Ordnungsamtsleiter Matthias Habermann schickten die Meyenburger Feuerwehren ihre Leute bereits gestern zum Helfen an den Deich. Auch am morgigen Freitag und am Sonntag, 9. Juni, sind sie wieder vor Ort im Einsatz.
  • Die Feierlichkeiten zu 140 Jahre Feuerwehr Putlitz finden nach dem Stand von gestern Nachmittag wie geplant am Freitagabend und am Samstag statt, informierte Putlitz-Berges Amtsdirektor Gerd Ehrke. Das könne sich aber – je nach Lageentwicklung – auch ändern, gab der Amtsdirektor zu bedenken. Laut Amtsbrandmeister Christian Reisinger sind Kräfte aus dem Amtsbereich am Freitag und am Sonntag vor Ort, so dass die Putlitzer am Samstag Zeit zum Feiern haben. Amtsdirektor Ehrke merkte kritisch an, dass wesentlich weniger Arbeitslose in den Feuerwehren aktiv sind als beim letzten Hochwasser. „Wenn es dann um die Arbeitszeit in den Betrieben geht, wird es schwierig“, sagte er. bat

http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/12527776/19287300/Deiche-werden-verstaerkt-Stepenitzgrund-Breese-auf-Evakuierung-eingestellt.html

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