»Wabbelweicher Deich wie eine Blase»

Veröffentlicht: August 21, 2012 von fluthelfer in Landkreis Lüchow-Dannenberg
Beim Hochwasser 2002 an der Jeetzel wurden drohende Deichbrechungen bei Dannenberg verhindert

as/rg Lüggau. »Das kann man sich gar nicht vorstellen, wenn man es nicht selber erlebt hat: Der Jeetzeldeich bei Dannenberg und Bückau war wabbelweich wie eine Blase. Man hatte das Gefühl, als wenn man auf einem Wasserbett steht, und gleich schießt eine Fontäne in die Höhe.

» Diese plastische Erinnerung sprudelt förmlich aus Diplomingenieur Peter Hildebrandt heraus. Der Geschäftsführer der Deichverbände in Lüchow-Dannenberg arbeitete beim Hochwasser 2002 als Fachberater für Deichschutz – nahezu 72 Stunden ohne Schlaf.

Dass sich die äußerst gefährliche Lage am Deich zwischen dem Johanniterhaus in Dannenberg und Bückau entspannte, als Stahlmatten, Flies und jede Menge Sandsäcke, die per Hubschrauber einschwebten, plaziert wurden, sei nur der »enormen Zahl der Helferinnen und Helfern» zu verdanken gewesen. Egal, ob von Feuerwehr, THW oder Bundeswehr oder die vielen Freiwilligen aus allen Teilen des Landkreises und darüber hinaus. »Ob beim Sandsackfüllen oder beim Deichwache laufen – über-all gab es eine Hilfsbereitschaft, die längst nicht so selbstverständlich vorkommt.» So sei beim Hochwasser 2002 erstmals auch die Funktion der Deichverbandsvorstände als verantwortliche Deichgeschworene für bestimmte Abschnitte einer breiteren Öffentlichkeit deutlich geworden.

»Das war schon eine logis- tische Meisterleistung aller Einsatzkräfte. Denn damals gab es ja überhaupt keine praktische Erfahrungen, wie man den enormen Wasserdruck im weichen Deich verteilen kann», erinnert sich Hildebrandt. »Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, in welch kurzer Zeit die Helfer damals im ganzen Landkreis über drei Millionen Sacksäcke gefüllt hatten, um eine Katastrophe zu verhindern.» Die Herkunft der Sandsäcke, die in Windeseile beschafft wurden, lässt Hildebrandt heute noch schmunzeln: vom Kaffeesack aus Mexiko bis zum Plastiksack aus Südostasien.

Auch an der Mündung des Prisserschen Mühlenbachs war die Hochwasserlage äußerst prekär. Die Evakuierung des Johanniterhauses und des Krankenhauses, die Dannenbergs Samtgemeindebürgermeister Jürgen Meyer, der ebenfalls rund um die Uhr im Einsatz war, forciert hatte, sei vollends gerechtfertigt gewesen, unterstreicht Hildebrandt. Er macht deutlich, wie nahe sich der Jeetzeldeich vor einem Bruch befunden hatte. »Dann hätte Dannenberg unter Wasser gestanden», ist sich der Ingenieur sicher.

Herausragend sei weiter oberhalb des Flusses beispielsweise auch die Leistung des THW gewesen, den Jamelner Mühlenbach, der die wohl steilsten Deiche im Landkreis besaß, mit Sandsäcken vor der Mündung abzudichten. »Ein ,Macht mal vorsichtshalber» und die Helfermaschinerie setzte sich in Gang», ist Hildebrandt noch heute vom Tempo der Helfer fasziniert.

Mit zeitlichem Abstand habe er mehrfach darüber nachgedacht, ob die schnellen Entscheidungen, die es damals zu fällen galt, richtig gewesen seien, reflektiert der Ingenieur. »Man konnte ja niemanden fragen. Da gehörte schon eine Menge Mut dazu, etwas zu entscheiden, was hohe Kosten verursacht.» Hildebrandt meint damit auch die Absperrung der Jeetzel mit Spundwänden an der B-216-Brücke bei Lüggau. Dort hatte Ingenieur Jörg-Heinrich Siemke mit Billigung des Einsatzstabes – in nicht einmal 48 Stunden – leistungsstarke Pumpen aus Hol-land »gepumpt» – also geliehen. Dadurch war wohl die drohende Überschwemmung Dannenbergs verhindert worden. Denn die Pumpen beförderten pro Sekunde sechs Kubikmeter Jeetzelwasser über die abgeschottete Brücke. Die Spundwände verhinderten ein Zurückdrücken des Wassers in den stark gefährdeten Dannenberger Deich- bereich.

Unsicher sei sich Hildebrandt einzig in der Frage gewesen, ob das Abholzen des Bahndamms bei Pisselberg für die Deichverteidigung nötig gewesen wäre. »Aber da hatten das dann schon andere entschieden», erinnert sich der Ingenieur an den Besuch des damaligen Ministerpräsidenten Sigmar Gabriel. Dieser machte sich vom Einsatz der Bundeswehr bei Pisselberg und in der Sandkuhle in Tramm ein Bild über die Hilfsmaßnahmen.

»Das Hochwasser 2002 war eine einzigartige Erfahrung, auch wenn es danach noch einige Fluten mehr gab», erinnert sich Stefan Schmidt. Damals saß er im Dannenberger Einsatzstab und war quasi als Spieß für das eingesetzte Personal verantwortlich. »Die Leute, ganz egal ob Freiwilliger, Feuerwehrleute, THW, Bundeswehr oder woher auch immer, waren bis in die Haarspitzen motiviert», erinnert er sich an »eine unglaublich dramatische Zeit». »Jeder wusste, worum es ging. Nämlich darum, ein noch größeres Unglück zu verhindern», weiß Schmidt noch heute. Man habe die Einsatzkräfte »quasi zu Ruhephasen zwingen müssen». Denn kaum waren sie irgendwo abgezogen, »meldeten sie sich schon wieder bei uns und fragten: Wo können wir jetzt was machen.» Dass der Einsatz im Raum Dannenberg so gut funktionierte, sei aber nicht zuletzt auch dem Samtgemeindebürgermeister Jürgen Meyer zu verdanken, betont Stefan Schmidt. »Der stand als Hauptverwaltungsbeamter immer und voll hinter uns.»

Quelle: ejz.de

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